Pasing by – 17 Kunstprojekte im Zentrum Pasings

  • 03.07.2015. - 12.07.2015

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Über die Sommermonate hinweg präsentiert Pasing by 17 Projekte von Künstlerinnen und Künstlern, die sich mit dem Münchner Stadtteil Pasing und seinem neu gestalteten Zentrum auseinandersetzen. Ihre Skulpturen, Installationen und Interventionen verwandeln Plätze und Häuserfassaden, Straßen, Geschäfte, Innenhöfe und Passagen. Ob im Vorübergehen oder aktiv im Rahmen zahlreicher Kunstaktionen: Pasing by lädt dazu ein, den öffentlichen Raum im Dialog mit Kunst zu erleben.

Mit Martin Schmidt
Christian Engelmann
Mathis Nitschke/Thomas Jonigk
Albert Weis
Stephanie Senge/Maike Gräf
Silvia Wienefoet
Department für öffentliche Erscheinungen
Ingo Vetter
Motoko Dobashi
Anita Edenhofer
Empfangshalle

Gabi Blum
Hermann Hiller
Katharina Weishäupl
beierlegoerlich
Stefano Giuriati
Vincent Mitzev

Während des Kunstfestivals vom 3.-12. Juli 2015 finden neben täglichen Performances und Rundgängen zu den Standorten von Pasing By Künstlergespräche, Präsentationen und Workshops in den Räumen der ehemaligen Pelzladens Schweisz am Pasinger Marienplatz statt.

Für die Dauer des Festivals eröffnen dort Camatti & Temporäres Klangmuseum die Pelz Bar als Zentralen Infopoint mit Gastronomie und allabendlichem DJ-Programm.

Images

  • Department für öffentliche Erscheinungen, We love to love Pasing, München 2015, Komponist: Stefan Schramm, Gesang: Freda Goodlett
  • Ingo Vetter, Organe, Technische Zeichnung (© Künstler/innen)
  • Motoko Dobashi, gefaltet, Origami (© Künstler/innen)
  • Anita Edenhofer, Las Vegas Revisited, Las Vegas (Foto: Anita Edenhofer/Thomas Splett)
  • Empfangshalle, Goldrausch, Gewichtsangabe Objekte (© Künstler/innen)
  • Gabi Blum, Ein Motel für Pasing (Foto: Gabi Blum)
  • Hermann Hiller, Pasinger Knoten, Detail (Foto: Hermann Hiller)
  • Katharina Weishäupl, up above and down below, Modell (© Künstler/innen)

(Pressetext)

Kommentar
Von der Redaktion 07. Jul 2015

Station to Station / Zwischen Warte Zeit am Hauptbahnhof & Pasing by im Zentrum Pasings:

Die Pelz Bar macht ihrem Namen alle Ehre und hüllt die Besucher in einen Mantel aus Hitze. Hier ist der Infopoint von Pasing by: Präsentiert wird eine Mixtur aus temporären und permanenten Kunstprojekten, Kunst im öffentlichen Raum, eine “Kooperation zwischen Künstlern und Grundstückseigentümern” – alles finanziert von der Stadt, zur Aufhübschung und Imagesteigerung des idyllischen Pasinger Zentrums.

Doch es ist fast leer. Es gibt eine belanglose Führung, die auf der Prämisse zu beruhen scheint, dass der IQ der Besucher ebenso hoch ist, wie die Temperatur des Raumes. An der Bar wird laut und garstig getratscht, Künstler Kalle Laar baut sein Klangmuseum für das Abendprogramm auf. Draußen schreien kleine Kinder. Ansonsten: Die Künstlerinnen Gabi Blum, Stephanie Senge und Maike Gräf geben einen Gespräch ohne Einleitung, ohne Moderator. Wie kann das sein?

Wie gerne würde man über die Veranstaltungen am Montag Positives berichten! Es ist eine durchaus beachtenswerte Leistung der Stadt, eine Kulturplattform in provisorischen Räumen zu schaffen, Kunstwerke und Künstler zu fördern, und den Stadtteil Pasing mit etwas Kunst beatmen zu wollen. Alles fein. Aber wie soll es zu einer Diskussion, zu einem Austausch, zu irgend etwas Lebendigem kommen, wenn die Öffentlichkeitsarbeit, die Vermittlungsarbeit, die Präsentation derart lasch und unzeitgemäß sind?

Facebook-Seite? Fehlanzeige. Twitter? Instagram? Hashtags? Nada. Postet irgendwer etwas? Wurde eigentlich irgendjemand von der Presse eingeladen? Und zwar vom Feuilleton, nicht der Lokalredakteur. Die Stadtpolitik scheint sich lieber selber zum Thema zu machen. Das ist Schade. Schade, weil so der Zweck der ganzen Übung verfehlt wird.

Die Falten der Trompe-l’oeil Fassade von Motoko Dobashi bleiben für die Anwohner ein Rätsel. Keiner kennt den Hintergrund der Arbeit, es gibt kein Hinweis auf den Kunstwerk, der den Besucher helfen könnte. Nicht anders ergeht es Albert Weis’ Intervention an der Fassade hinter der Apotheke und der Steinskulptur ‚Organe’ von Ingo Vetter.

Die Werke und Interventionen der Künstler sind durchaus gelungen und vielschichtig. Doch der Erfolg von Pasing by hängt entscheidend davon ab, dass ein echte Diskussion stattfindet. Dass die Kunst als Kunst wahrgenommen wird. Dass etwas passiert. Aber das setzt voraus, dass ein gewisses Publikum überhaupt dahin kommt.

Übrigens, am SONNTAG, den 12.07.2015, findet ein Gespräch zu dem Thema statt, und die 10 Minuten S-Bahn-Fahrt ab Hauptbahnhof sind es wert:

Platz da ?! Chancen von Kunst im öffentlichen Raum - Diskussionsrunde mit KünstlerInnen des Kunstprojekts, sowie Dr. Heinz Schütz (Kunsttheoretiker), Romanus Scholz (Vorsitzender Bezirksausschuss Pasing-Obermenzing), Florian Hochstätter (Baudirektor, Baureferat, Landeshauptstadt München) anschl. Publikumsgespräch, Moderation: Nan Mellinger).

...Transition...Transmission...

Man steht vor dem Hauptbahnhof. Der Blick geht nach oben. Die große Bahnhofsuhr. Seit langem steht sie still, springt, zeigt die falsche Zeit, bleibt stehen.

Ein Kunstwerk? Nein. Die künstlerische Interventionen sind aber über das Areal des Bahnhofes verteilt. Hier findet die 13. Ausgabe des Kunstprojektes RischART statt. Der diesjährige Titel der Schau ist “Warte Zeit”. (Die Bewertung dieses Wortspiels überlassen wir dem Leser.)

Das Projekt wurde in Kooperation mit dem Bahnhofsmanagement München und der Werbegemeinschaft Münchner Bahnhöfe realisiert. Das ist sehr vernünftig, denn angesichts der Genehmigungsbürokratie der Stadt müsste man sonst auf die “Warte Zeit” zu lang warten.

Die Kuratorin Katharina Keller erläutert das Thema der Ausstellung folgendermaßen: “Was bedeutet Warten und Zeit heute? Was interessiert den Menschen im Moment mehr als Zeit effizient zu nutzen, Zeitfenster und Warteschlangen zu optimieren?“ Warten in seiner ursprünglichen Form existiere heute nicht mehr, Wartezeit werde gefüllt mit Zerstreuung.

Dörthe Bäumer deponiert in ihrer Arbeit “Warten an Gleis 11” Papierzettel mit Aussagen von (zeitgenössischen) Wartenden und einige symbolische Artefakte in 5 Schließfächer. Das soll die Situation der Gastarbeiter 1950 symbolisieren und zeigen, wie die Stadt mit Flüchtlingen umgehen. Doch die Art, mit der Bäumer mit dieser gesammelten Information umgeht, wirkt als ob es inhaltlich dekantiert werden konnte.

Genau so kitschig ist die Installation “High Noon” von Ute Heim, in einer selbstgebauten und mit Bleistift-Zeichnungen versehenen Kasperletheater-Western-Saloon-Bude, die angeblich auch eine Bushaltestelle in Lappland sein soll. Sie singt dabei manchmal Sehnsuchtslieder.

Kraftvoll hingegen der Kiosk II von Doris Weinberger, unmerklich zwischen die Nicht-Kunst-Kioske platziert. Hier kann man keine Wunschbefriedigung kaufen, sondern Wünsche anderer Menschen. Aber nur im Austausch gegen einen eigenen Wunsch.

Ebenfalls sehenswert: Die Videoarbeit von Clea Stracke & Verena Seibt im Warteraum des Bahnhofs. Hier verwandelt sich eine Wohnküche langsam in ein fahrendes Zugabteil.

Die Audioguide-App “Warten. Ein Audioguide ins Nichstun” der Künstlergruppe LIGNA besitzt das vielleicht größte Potential. Beiträge von verschieden Künstlern (etwa von Erdem Gündüz vom Taksim-Platz in Istanbul, 2013) sowie Theoriefragmente und Interviews mit Flüchtlingen mischen sich in feiner situativer Ironie und sorgen für interessante Irritationen. Die App kann auch nach dem Projekt und also in anderen Kontexten genutzt werden.

Das Warten wird einem durch diese Ausstellung leicht gemacht. Man kann fast sagen, man wartet für einen Moment nicht mehr, wo man doch sonst so oft im Kunst-Zirkus da steht, wie in “Warten auf Godot”, während Lucky seinen sinnfreien Monolog skandiert – und es ist niemand da.

Zurück in Pasing betrachtet man die fiktive Fassade “Ein Motel für Pasing” von Gabi Blum. Wir sollen die Umgestaltung des Pasinger Marienplatzes mit Hilfe eines Motels an Amerikas Route 66 verstehen, an der sich ja, wie jeder weiß, auch so einiges verändert hat. Blums Arbeit, die als Teil der urbanen Landschafts vorkommt, scheint in ihrem gespenstischen Auftauchen die einzige sozial-kritische Intervention zu sein. Hoffentlich bleibt es da, bis das 'O' vom Schild 'Motel' runter fällt und bis zur Ewigkeit daran baumelt.

Anfang September finden die Shabby Shabby Apartments statt, eine Initiative des neuen Intendanten der Kammerspiele, Matthias Lilienthal, in Zusammenarbeit mit Raumlabor. Es geht um partizipatives und experimentelles Bauen – endlich eine echte Provokation in dieser Stadt.