A GOOD NEIGHBOUR_ON THE MOVE – IN KOOPERATION MIT DER 15. ISTANBUL BIENNALE 2017 UND ELMGREEN & DRAGSET

Pinakothek der Moderne

  • 14.12.2017. - 29.04.2018

a good neighbour ist der Titel der 15. Istanbul Biennale 2017, kuratiert vom dänisch-norwegischen Künstlerduo Elmgreen & Dragset. Mit a good neighbour_on the move setzt die Pinakothek der Moderne das Projekt in München fort.

Wie haben sich unsere Vorstellungen von Heimat, Nachbarschaft und Zugehörigkeit in den vergangenen Jahren verändert? Werke von zwölf internationalen Künstlerinnen und Künstlern spiegeln Erfahrungen mit den Folgen globaler Konflikte, mit sozialer Kontrolle, Sichtweisen auf Geschlechterrollen und Formen des Zusammenlebens. a good neighbour_on the move versammelt Beiträge folgender Künstlerinnen und Künstler:

Die türkische Künstlerin Burçak Bingöl (geb. 1976 in Giresun, Türkei, lebt in Istanbul) positioniert im Museum Überwachungskameras aus Keramik, die sie mit Blumenornamenten verziert hat. Ihre „Follower“ verweisen auf eine Gesellschaft, die sich ständig im Beobachtungsmodus befindet. Wir überwachen und kontrollieren – und sind gleichzeitig überall Beobachtete.

Der älteste Künstler der Ausstellung ist Vlassis Caniaris (geb. 1928 in Athen, Griechenland, gest. 2011 in Athen), der zu den einflussreichsten Künstlern seiner Generation in Griechenland zählt. Seine Themen – Freiheit und Fremdheit, Migration und Heimatlosigkeit, „Eliten“ und „Volk“ – sind heute aktuell wie nie zuvor. Caniaris’ Installation „What’s North, what’s South?“ von 1988 (Abb. Titel) ist in seinem Schaffen wegweisend: Was wissen wir von unseren Nachbarn? Wer ist uns nahe – und warum?

Erkan Özgen (geb. 1971 in Mardin, Türkei, lebt in Diyarbakir, Türkei) lässt in seinem Film „Wonderland“ einen taubstummen Flüchtlingsjungen aus Syrien auf seine Weise erzählen, was er in seiner Heimat erlebt hat. Was ihm und seiner Familie genau widerfahren ist, lässt sich nur erahnen. Die Sprachlosigkeit wird zur Metapher.

Wie beeinflussen Familie und Staat, Geschichte, Religion und Medien unsere Identität? In ihrem Animationsfilm „Exemplary“ („Vorbildlich“) erzählt die türkische Künstlerin Canan (geb. 1970 in Istanbul, Türkei, lebt in Istanbul) von einer jungen Frau, die – von ihren Eltern verheiratet – aus der ostanatolischen Provinz ins großstädtische Istanbul zieht.

Die kleinformatigen Gemälde von Andrea Joyce Heimer (geb. 1981 in Great Falls, Montana, USA, lebt in Ferndale, Washington, USA) erzählen in einer unmittelbaren, farbenfrohen Bildsprache und voller Humor von Verrücktheiten, kleinen Verschwörungen und anderen, oftmals skurrilen Vorgängen, die sich so (oder ähnlich) im Umfeld der Künstlerin zugetragen haben. Wieviel Nähe ist für eine gute Nachbarschaft notwendig, wieviel Nähe erträgt sie?

Wie lebt der Mann, der in einem Film von Vajiko Chachkhiani (geb. 1985 in Tiflis, Georgien, lebt in Berlin) aus dem Fenster schaut? Was sieht er? Beobachtet er uns – oder beobachten wir ihn? Wo berühren sich unsere Lebenswelten?

Gözde Ilkin (geb. 1981 in Kütahya, Türkei, lebt in Istanbul, Türkei) verarbeitet Kleiderstoffe und Tischtücher, die Spuren des Gebrauchs tragen. Die Künstlerin bestickt und bemalt sie mit Motiven aus Fotoalben ihrer Familie. In neuem Kontext werden soziale Konstellationen – harmonische wie komplizierte – spürbar.

„Der weinende Mann“ in der Spiegel-Skulptur von Mahmoud Khaled (geb. 1982 in Alexandria, Ägypten, lebt in Trondheim, Norwegen) erinnert an einen von insgesamt 52 jungen Ägyptern, die 2001 auf Grund ihrer Sexualität während einer Party festgenommen und angeklagt wurden. Das Pressefoto des unbekannten weinenden Mannes machte die öffentliche Bloßstellung spürbar.

Handelsübliche Gipskartonplatten dienen Mirak Jamal (geb. 1979 in Teheran, Iran, lebt in Berlin) als Bildträger für Malereien und Zeichnungen, die in seiner Kindheit entstanden sind oder aber seine Kindheit reflektieren, welche der Künstler mit seiner Familie im Iran, in Europa und Nordamerika verbracht hat. Geschichte offenbart sich hier als ein Speicher disparater Erinnerungen sowie als provisorische veränderliche Konstruktion.

Die Wandobjekte von Victor Leguy (geb. 1979 in São Paulo, Brasilien, lebt in São Paulo) sind oberhalb einer gemeinsamen Horizontlinie mit weißer Farbe bedeckt, was irritiert, aber auch Freistellen schafft. „Structures for Invisible Borders“ heißt Leguys 2015 begonnenes Projekt, das zusammen mit Einwanderern an unterschiedlichen Orten der Welt entsteht. Dabei könnte die Auflösung kultureller Klischees und historischer Festschreibungen zu einem unbefangeneren Zusammenleben beitragen.

Spätestens 2015 wurde die Insel Lampedusa zwischen Tunesien und Sizilien zum Symbol für die Massenflucht aus Afrika wie für Migrationsbewegungen weltweit. Auf der gleichnamigen großen Plastik von Olaf Metzel (geb. 1952 in Berlin, lebt in München), die eine zerknüllte Zeitung nachbildet, erscheint das Thema in medialer Distanz. Sind die besten Nachbarn solche, die wir nie zu Gesicht bekommen?

Stephen G. Rhodes (geb. 1977 in Houston, Texas, USA, lebt in Berlin) empfängt und entlässt die Ausstellungsbesucher mit einer Geste der Gastfreundschaft, deren Wahrhaftigkeit jedoch Zweifel weckt.

Die Ausstellung a good neighour_on the move lässt über die gezeigten Arbeiten hinaus spürbar werden, dass die globalisierte Welt auch das Selbstverständnis öffentlicher Museen und ihrer Ausstellungen verändert. Die Museen – wie auch die Künstlerinnen und Künstler – sehen sich in einer neuen gesellschaftlichen Situation und stehen einem neuen Publikum gegenüber, das oftmals andere Erwartungen hat als das bisherige. Dessen Perspektiven erweitern unser Verständnis von „Nachbarschaft“ – ob auf das private, häusliche Umfeld bezogen oder auf die Beziehungen zwischen Staaten und Kulturen.

KÜNSTLERGESPRÄCHE

DO 08. Februar 2018 | Gespräch mit Elmgreen & Dragset,
DO 01. März 2018 | Gespräch mit Olaf Metzel

Abbildung: Vlassis Caniaris, "What's North, What's South? (Children and Testimony)", 1988, Nachlass des Künstlers, Courtesy Kalfayan Galleries, Athen / Thessaloniki

(Pressetext)