Frucht & Faulheit – Bárbara Wagner, Adriano Costa, Pedro Wirtz, Adelaide Ivánova & Ricardo Domenech, Carlos Vasconcelos, Carla Chaim, Adriano Amaral

Lothringer13_Halle

  • 22.06.2017. - 20.08.2017
  • Heute geöffnet

Die Ausstellung stellt den Versuch einer Analyse und Orientierung dar. Sie versammelt Arbeiten junger brasilianischer Künstler*innen und blättert währenddessen in Schriften der brasilianischen Moderne von Mario und Oswald de Andrade.

Der Modernismo wurde während der "Woche der modernen Kunst" im Februar 1922 in São Paulo ausgerufen und stellt sich gegen einen importierten Symbolismus und Parnassianertum indem er sich einer landesüblichen, der gesprochenen Sprache anlehnenden Schreibweise und Rhetorik bedient und sich so gegen den Wortschatz und Satzbau Portugals behaupten möchte. Statt sich einer Diktatur der Logik zu unterwerfen, gebrauchen die Autoren Erzählungen der indigenen Bevölkerung und mischen Mythen mit magischem Realismus. Die Ausstellung verfolgt die ästhetischen Spuren von Mario de Andrades "Macunaíma" (1928) und Oswald de Andrades "Anthropophages Manifest" (1928) in der zeitgenössischen Kunst Brasiliens. Während es den Autoren um die Entwicklung eines eigenständigen Bewusstseins ging, um die Begründung eines tropischen Regionalismus, um ein Manifest zur Etablierung des Charakters Brasiliens gegenüber den kolonialen und kapitalen Einflüssen Europas, stellt sich in der Gegenwart einerseits die Frage, was aus diesem Versuch geworden ist – und wie künstlerische Äußerungen zu den Deklarationen der Moderne aussehen könnten.

Die in der Ausstellung vertretenen Künstlerinnen und Künstler, Carla Chaim, Adriano Costa, Bárbara Wagner und Benjamin de Burca, Carlos Vasconcelos und Pedro Wirz arbeiten in unterschiedlichen Medien und an verschiedenen Orten. Sie reflektieren – ohne dabei einen repräsentativen Anspruch zu hegen – die Heterogenität einer Kulturnation. Ihre Arbeiten oszillieren zwischen Natur und Kultur, zwischen Wildnis und Zivilisation, konkreter Form und überwucherndem Chaos, zwischen Katholizismus, Candomblé und Cachaça.

"frucht & faulheit" ist träge, verdorben, phlegmatisch und ungenießbar. "frucht & faulheit" ist saftig, nährend, erfrischend und voller Reize. Die Ausstellung untersucht im Kontext des (post-)kolonialen Brasiliens das Finden und Schaffen von Identität, das Erzählen von der Magie der Natur, der Mystik des Fortschritts und des (falschen) Zaubers des Kapitalismus. Teil der Ausstellung ist ein lesbare Posteredition mit Texten der brasilianischen Lyriker Adelaide Ivanóva und Richardo Domeneck mit einer Einführung von Oliver Precht, die im Verlag Hamann von Mier erscheint und zusammen mit einem Soundtrack der brasilianischen Musikerin Karina Buhr präsentiert wird.

Rahmenprogramm

Oliver Precht, Mitherausgeber der Buchreihe "Neue Subjektile" bei Turia + Kant, hat dieses Jahr ebendort eine Neu-Übersetzung der Manifeste Oswald de Andrades vorgelegt und wird gemeinsam mit Adelaide Ivanóva und Richardo Domeneck am 8. 7. 2017 im Rahmen der Ausstellung einen Performance-Abend gestalten.

Am 12. 7. 2017 findet ein Vortrag von Prof. Ursula Prutsch vom Amerika-Institut der LMU in München statt, der das komplizierte und immer wieder durch kultur-imperialistische Einmischungen geprägte Verhältnis der Vereinigten Staaten zu Brasilien beschreibt.

Zur Finissage der Ausstellung am 20. 8. 2017 findet eine musikalische Performance von Carlos Vasconcelos statt.

(Pressetext)