Aribert von Ostrowski – The Romantic Size of Capitalism

Galerie Christine Mayer

  • 14.03.2015. - 18.04.2015

Kommentar von Konstantin Lannert, 20.03.2015 (DE)

Vor über einem halben Jahrhundert machten sich Gerhard Richter, Konrad Lueg, Sigmar Polke und Manfred Kuttner daran, dem Wirtschaftswundervolk den sogenannten Kapitalistischen Realismus vorzusetzen. Ironie, Kritik und Reform sollten in der Bezeichnung verschmelzen – und als Analogon zum Sozialistischen Realismus die Westwarenwelt durch Pop-Rhytmen zum schwingen bringen.

In Kunstaktionen, die ihrer Form wegen von heutigen Marketingtypen wohl dem sogenannten „Guerilla“-Stil zugeordnet würden, drängten die Studenten in die Öffentlichkeit. Aus Lueg wurde Konrad Fischer, der in seiner gleichnamigen Galerie zu Beginn nicht nur seine Künstlerfreunde ausstellte, sondern auch Carle Andre, Bruce Nauman oder On Kawara zeigte. Heute zählen die Künstler der Galerie Konrad Fischer zu den wichtigsten Positionen der zeitgenössischen Kunst, ihre Retrospektiven füllen die größten Häuser (aktuell: Polke im Museum Ludwig oder Kawara im Guggenheim), ihre Preise dominieren die globalen Auktionsstatistiken. Die Oeuvres begründen somit einen Kapitalistischen Realismus, der schon alleine durch Verkaufs- und Eintrittspreise, durch Versicherungssummen und Besucherzahlen manifest scheint. Und das ganz unabhängig von ihrem kritischen Potential.

Aribert von Ostrowski entfaltet in seiner Ausstellung „The Romantic Size of Capitalism“ einen neuen Stil: die kapitalistische Romantik. Schon seit einigen Jahren sind seine Aluminium- und Leinwandbildträger mit den Zahlentabellen der aktuellen Börsenwerte grundiert, wie man sie in den großen deutschsprachigen Printprodukten täglich auffinden kann. In der Vergangenheit standen diese Arbeiten entweder weitgehend unkommentiert für sich und waren zeitungsseitenmäßig gerastert oder mit comic-artigen, an Polke erinnernden Grinsemondgesichtern und Anderem schwarz überdruckt. Die Bleiwüstenkalkulationen ratterten vor dem Betrachterauge merkwürdig mechanisch die analogen und mysteriösen Weltwerte herunter.

In „The Romantic Size of Capitalism“ gießt von Ostrowski nun aber Liebe über das Papier, denn es wird nicht nur farbig, es fließen ganze Regenbögen über die Leinwände – hier und dort kann wohl gar von einem malerischen Duktus gesprochen werden. Einerseits scheinen die Eingriffe Poppropaganda: mit großer Geste wird dem Kapitalismus hier Farbstrahlkraft aufgetragen, werden die Zeitungsseiten bunt hochgejazzt.

Das kalte Geld wird warm, abstrakte Werte werden lebendig und aus Druckerschwärze formen sich Goldbarren? So einfach kann das sein – und so simpel funktioniert ja auch der (Kunst-)Markt. Von Ostrowski entblößt in seiner Ausstellung sowohl das Kunstsystem als auch die allgemeine Börsenspekulationsblase. Denn "Die romantische Dimension des Kapitalismus“ thematisiert natürlich auch die gezeigte Ware in Form von Kunst – und nicht zuletzt deren Größe.

In Zeiten der statistischen Erfassung und Vermessung von Kunstwerken und ihrem jeweiligen Spekulationspotential lässt sich eben sagen, welche Leinwandgröße sich wohl am besten verkauft, welche Farben bevorzugt werden und in welchem Alter ein Künstler optimalerweise sein sollte um am Markt zu reüssieren. Damit wird die Kunst ihrer dunklen Kraft beraubt. Was bleibt ist die romantische Dimension eines Kapitalismus für die Wohnzimmerwand, welcher aber grundsätzlich den gleichen Spielarten genügt, wie er in den Finanzteilen der Tageszeitungen beschrieben und dargestellt wird.

Den Kapitalistischen Realismus der Gegenwart findet man auf den Straßen Athens, in den Produktionshallen von Shenzhen. Aribert von Ostrowski zeigt Gegenwartskunst als romantisch verklärte Ware einer auf Profitmaximierung fixierten Welt. Und das wir diese Kritik verstehen können und diese Bilder trotzdem tollkühn strahlen, verdeutlicht ihre große Qualität.