Joseph Beuys: Einwandfreie Bilder 1945-1984 – Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Lothar Schirmer

Lenbachhaus

  • 14.11.2017. - 18.03.2018

DasLenbachhaus widmet den Arbeiten auf Papier von Joseph Beuys (1921­1986) aus der  Sammlung des Münchner Verlegers Lothar Schirmer eine erste umfassende Ausstellung. Die rund  200 Arbeiten ziehen sich durch die nahezu gesamte schöpferische Lebensarbeit  des Künstlers von  den vierziger Jahren bis zu seinem Tod.

Lothar Schirmer hatte die Zeichnungen erstmals 1964 auf der documenta III in Kassel gesehen und sie nach einem Besuch in Beuys' Düsseldorfer Atelier zu sammeln begonnen. Da Beuys selbst  interessiert daran war, seine Zeichnungen nicht weltweit zu zerstreuen, sondern sie an Stellen zu  konzentrieren, wuchs die Sammlung und wurde vielfältiger. Zu den frühen Bleistiftzeichnungen  und Aquarellen kamen Drucke, Postkarten, Papierarbeiten, Manuskripte und Partituren hinzu.  Die Sammlung wurde auch nach dem Tod von Beuys weiter ergänzt; sie zählt heute zu den  wesentlichen Dokumenten seines künstlerischen Schaffens und wird hier erstmals im Ganzen der  Öffentlichkeit gezeigt.

Die Ausstellung zeigt in einem Rundgang das Typische im zeichnerischen Werk von Beuys,  gegliedert nach Themenkreisen, die sein Œuvre tragen: die Natur, die Landschaft, das Tier, der  Mensch; dazu gezeichnete Form­ und Materialstudien, Skulpturenentwürfe und Partituren sowie  die Zusammenarbeit mit Sohn Wenzel im Kleinkindalter.

In den Zeichnungen zu den Themen Natur, Mensch, Tier lassen sich Beuys' Naturverständnis und  Menschenbild erkennen, die bei den Dichtern und Philosophen der Romantik wurzeln und für den Künstler auch durch Rudolf Steiners Anthroposophie ins Licht traten. Das Universelle  repräsentiert sich in Beuys' Auffassung in jedem Sein unterschiedslos und gleichrangig: vor der  umfassenden Natur wird alles als aus gemeinsamer Wurzel stammend ganzheitlich verstanden:  Mineral, Metall, Kristall, Pflanze, Tier, Gesellschaft, Chaos und Kosmos sowie mitten drin der  Mensch als dessen Teil. 

Da sich die Evolution aller Erscheinung aus einer gemeinsamen Ursubstanz vollzieht, die als  Grundkraft alles natürliche Sein durchwirkt, lassen sich die einzelnen Bereiche nicht getrennt  betrachten. Daher unternimmt die Ausstellung den Versuch, alle Teile des Beuys'schen Œuvres  zusammen zu sehen und organisch ineinander übergehen zu lassen.

Neben der Natur­ und Lebensthematik umfasst die Ausstellung eine Vielzahl von Beuys'  „Partituren“. Sie lassen sich als Vorausdeutungen und Informationen zu seinen plastischen  Arbeiten und politischen Aktionen entziffern. Teils als Gedanken formuliert, teils verrätselt  notiert, repräsentieren sie seine ungeordnete, chaotische Gedankenwelt, die sich – analog zu seiner plastischen Theorie – mittels des Wärmeprinzips zu einer Ordnung entwickelt. Beuys selbst hat seine Zeichnungen als Verlängerung seiner Gedanken betrachtet. Alle Konzepte,  alle Aktionen münden ein in seine soziale Plastik und seine Vorstellung des offenen Kunstwerks.  Er meinte damit die Transformation von Objekten der Natur, von Menschen und Tieren, Materie,  Energie und Strahlung in eine Dimension von Kunst nach seinem Verständnis: „Form ist so  betrachtet ein Gegenpol zum Begriff Chaos. Das ist ein plastischer Prozess.“ Für Beuys' war alles Sein und Tun künstlerisch bestimmt, auch die Politik. Sein Wille zu  politischem Bewusstsein und demokratischem Verfahren ist in der Ausstellung präsent. Dabei  zeigt sich, dass sein politisches wie gestalterisches Handeln weniger der Realpolitik galt, als  vielmehr seiner Idee vom freien Menschen als Natur­ und Gesellschaftswesen. Entlang seiner  Theorie vom plastischen Gestalten strebte Beuys eine Umstrukturierung des gesellschaftlichen  Ganzen an.

Die Zeichnungssammlung von Lothar Schirmer umfasst und berücksichtigt das gesamte Spektrum von Beuys' Schaffen, inhaltlich wie zeitlich. In der Ausstellung zu sehen ist außerdem eine  Auswahl von Büchern zu Joseph Beuys, die Lothar Schirmer in seinem 1974 in München  gegründeten Verlag herausgegeben hat.

Kuratiert von Eva Huttenlauch, Matthias Mühling und Lothar Schirmer.

Image

Joseph Beuys, Roter Hirsch, 1972, Rote Tusche, 6 x 9,5 cm Foto: Lenbachhaus, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Sammlung Lothar Schirmer, München

(Pressetext / press release)