Klassensprachen [Class Languages] – Initiiert von Manuela Ammer, Eva Birkenstock, Jenny Nachtigall, Kerstin Stakemeier und Stephanie Weber.

DISTRICT

  • 21.07.2017. - 17.09.2017

AUSSTELLUNG

„Das Zeichen wird zur Arena des K.“

„Als 'Form-Krieg' dreht der K sich nicht nur um die politischen Formen (...). Die Form-Kämpfe sind zugleich Kämpfe um Sinn; sie erfüllen Kultur und Sprache mit lebendigem Widerstand.“

Teilnehmer*innen: Kai Althoff/Isa Genzken, Gerry Bibby, Cana Bilir-Meier, Sean Bonney, Hans-Christian Dany, Övül Ö. Durmuşoğlu, Michaela Eichwald, Frank Engster, Fehras Publishing Practices, keyon gaskin, Sarah M. Harrison, Ann Hirsch, HATE MAGAZIN, Karl Holmqvist, Infofiction, Stephan Janitzky, Jutta Koether, Justin Lieberman, Hanne Lippard, Thomas Locher, Sidsel Meineche Hansen, Karolin Meunier, Rachel O’Reilly, Phase 2, Johannes Paul Raether, Monika Rinck, Aykan Safoğlu, Juliana Spahr, spot the silence, Starship, Josef Strau, Marlene Streeruwitz, Hans Stützer, Linda Stupart, Ryan Trecartin, Peter Wächtler, Ian White, Tanja Widmann, Frank B. Wilderson III, Susanne M. Winterling, Alenka Zupančič und andere.

Ausstellungsdesign: Fotini Lazaridou-Hatzigoga. Grafik: Offshore Studio.

In Wörterbucheinträgen wird das besprochene Wort nach seiner ersten Nennung durch seine Initiale repräsentiert. Klasse, Klassenkampf, Klassenwiderspruch werden, ebenso wie Krise, Katastrophe oder Kolonialismus, zu K. Unser K. steht für Klassensprachen. Angesichts der nicht enden wollenden Legitimationskrisen des global agierenden Kapitalismus und des Aufstiegs von Rechtspopulismen gibt es derzeit eine Rückkehr zur verdrängten Relation von Klasse – eine Rückkehr, die selbst viele Sprachen spricht.

In der Gegenwartskunst etwa spielt die gezielte Entfremdung, Enteignung und Aneignung der Sprache aus professionalisierten Floskeln, künstlerischen Stilformen, wissenschaftlichen Zwängen, populären Mustererkennungen sozialer und anderer Verortungen, politischen Ressentiments sowie ökonomischen Faktizitäten eine immer zentralere Rolle. In Druckerzeugnissen, in Spracharbeiten in sozialen Medien, in performten Texten, in Refrains, in Ansprachen und Narrationen entstehen Formen, die sich von unmittelbarer Konsumierbarkeit und Kommunizierbarkeit abspalten und der Wirklichkeit andere Filter abtrotzen.

Mit KLASSENSPRACHEN wollen wir ein Panorama dieser Filter zusammenführen – eine Formsammlung möglicher „Auswege“, wie Gilles Deleuze und Félix Guattari es mit Franz Kafka formulierten: „Nicht die Freiheit, sondern ein Ausweg. Nicht ein Angriff, sondern eine lebendige Fluchtlinie.“ Wir wollen die immer weiter ausdifferenzierten Sprachpraxen der Gegenwartskunst – in Berlin und darüber hinaus – zum Ausgangspunkt einer Suche nach Klassensprachen nehmen, die Auswege anzeigen. Dies bedeutet, den gesellschaftlichen Ort unserer Praxis von einem Problem aus neu zu organisieren: Denn in der Klasse liegt nicht nur die Verheißung einer gemeinschaftlichen Lebensform, sondern auch die Erfahrung gesellschaftlicher Entfremdung – die Klasse ist Problem und Lösung gleichermaßen. Oder, anders formuliert: wir sind selbst immer auch Teil des Problems, dessen Lösung wir begehren.

Mit den drei Strängen des Projekts – Ausstellung, Magazin und Debatte – wollen wir anhand unterschiedlicher Formate prüfen, wie die Behauptung von Klassensprachen in der Bildenden Kunst produktiv gemacht werden kann: wie die Ziele und Begehren von Schreibenden und Adressat*innen teilbar werden, wie sich auch professionalisierte Formen des Schreibens über Kunst neu konfigurieren lassen, wie eine Formsammlung von Auswegen provisorische Lebensformen hervorbringen kann. Welche Klassen heute aus uns sprechen – nostalgische, gegenwärtige, zukünftige, exklusive oder inklusive – und welche Auswege sie signalisieren, das wollen wir testen.

Die erste Gruppenausstellung des Projekts eröffnet am 20. Juli 2017 bei District Berlin, parallel zu dem Launch des fortlaufenden Magazins KLASSENSPRACHEN, dessen erste Ausgabe in und über Berlin hinaus Allianzen begründen und gemeinsame Positionen entwickeln wird. In einem Begleitprogramm zum Eröffnungswochenende werden am 21.-22. Juli künstlerische und theoretische Beiträge – in Vorträgen, Diskussionen und Präsentationen – das umkämpfte Terrain von Klassensprachen kartieren sowie dessen Potentiale und Probleme zur Disposition stellen. Die Ausstellung schließt mit einer Diskussionsveranstaltung und einem Konzert am 16. September 2017. Am 20. Oktober 2017 eröffnet die nächste Station des Projekts mit einer Ausstellung im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf.

DEBATTE

FREITAG, 21.Juli, 19 Uhr

KLASSENSPRACHEN / CLASS LANGUAGES – Translations and Transformations Monika Rinck (Berlin) and Juliana Spahr (Oakland) in conversation (EN)

Das Debattenprogramm von KLASSENSPRACHEN eröffnet mit kurzen Präsentationen und einem anschließenden Gespräch zwischen Monika Rinck und Juliana Spahr. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln haben sich beide mit der Relevanz und Dringlichkeit die poetisches Schreiben heute für sich beanspruchen kann, auseinandergesetzt: sei es als geteilter Individuationsprozess, als Terrain von Kollektivität oder als politische Ausdrucksform – und damit wie Klasse dieses Moment durchzieht, transformiert und als Subjekt und Objekt seiner Übersetzungen erscheint.

Monika Rinck lebt und arbeitet als Autorin, Übersetzerin und Lyrikerin in Berlin. Zu ihren aktuellen Arbeiten zählen Honigprotokolle (2012), Risiko und Idiotie. Streitschriften (2015) und Wir. Essay (2015). 2017 kuratierte sie die Poetica III in Köln, sowie das Poets in Residence-Programm „Münster: Kur und Kür“ der Skulptur Projekte Münster. Siehe auch www.begriffsstudio.de

Juliana Spahr lebt und arbeitet als Autorin, Lyrikerin und Kritikerin in Oakland, Kalifornien. Zu ihren aktuellen Publikationen zählen unter anderem That Winter the Wolf Came (2015), An Army of Lovers (with David Buuck, 2013) und Everybody’s Autonomy (2001). Außerdem ist sie in Zusammenarbeit mit Jena Osman Spahr Co-Herausgeberin der Buchreihe Chain Links, sowie mit Joshua Clover und Jasper Bernes Co-Herausgeberin von Commune Editions.

SAMSTAG, 22.Juli, 12 – 22 Uhr

12 Uhr: Performance Hanne Lippard (Berlin) / Kommentar Marlene Streeruwitz (Wien) (EN / DE) 13 Uhr: Lesung Marlene Streeruwitz (Wien) / Response Hanne Lippard (Berlin) (DE / EN)

In diesem wechselseitigen Format präsentieren und diskutieren die Künstlerin, Performerin und Lyrikerin Hanne Lippard (1984, Milton Keynes) und die Lyrikerin, Dramatikerin und Romanautorin Marlene Streeruwitz (1950, Baden bei Wien) jeweils eine ihrer Arbeiten. Wenn auch aus sehr verschiedenen Perspektiven, verhandeln die Texte und Inszenierungen beider die Frage von Weiblichkeit als einem gesellschaftlichen Austragungsort von (Klassen-)Gewalt, der davon gekennzeichnet ist, wie Sprache gebraucht und verkörpert wird.

Hanne Lippard lebt und arbeitet in Berlin. Zu ihren aktuellen Ausstellungen zählen Flesh, KW Berlin (2017), FOAM, LambdaLambdaLambda, Prishtina (2016) und Fluidity (group show), Kunstverein in Hamburg (2016). Ihr neues Buch This Embodiment erschien kürzlich bei Broken Dimanche Press, Berlin. Siehe auch www.hannelippard.com

Marlene Streeruwitz lebt und arbeitet in Wien, London und New York. Über die letzten Jahrzehnte hat sie zahlreiche literarische und lyrische Werke veröffentlicht, sowie Hörspiele und theoretische Essays verfasst. Ihre aktuellen Publikationen umfassen Yseut (2016), Wahlkampfroman (2016), So wird das Leben (2016), Poetik. Tübinger und Frankfurter Vorlesungen (2014) und Nachkommen (2014). Siehe auch www.marlenestreeruwitz.at

15 Uhr: Politisch publizieren / künstlerisch publizieren: Einige Modelle Fehras Publishing Practices (Berlin), HATE MAGAZINE (Berlin), Phase 2 (Berlin/Leipzig) und Starship (Berlin) im Gespräch (DE)

Auf diesem Panel werden Publikationsformate diskutiert, die in der regelmäßigen, fortgesetzten und auch veränderlichen Form des Magazins ihren Ausgangspunkt nehmen, aber nicht notwendigerweise noch in dieser produzieren. HATE MAGAZINE wurde 2008 in Berlin als unregelmäßig erscheinendes Printmagazin gegründet, und existiert heute in erster Linie als Online-Format. Die Phase2 entstand 2001 als theoretische Diskussionsplattform der antifaschistischen und linksradikalen Bewegung, als Printform ihrer Debatten. Und wie Fehras Publishing Practices, die erst seit 2015 in Berlin existieren, geht es hier um den veränderlichen Niederschlag politischer Form in Printform. Fehras Publishing Practices existiert in Berlin erst seit 2015 und verändert seine Form basierend auf den jeweiligen Formaten, die ihr Gegenstand – die Präsenz von nordafrikanischen und nahöstlichen Publikationen in der englischsprachigen Kunstwelt – annimmt. In dieser Kunstwelt besteht Starship bereits seit 1998 und hat als Künstler*innen- und Kunstmagazin seinen Auftritt seither grundlegend verändert und diesen, wie Fehras, mit ihrem Gegenstand immer wieder neu als künstlerische Form justiert. Am Beispiel dieser unterschiedlichen Publikationspraktiken verhandelt das Panel die Frage künstlerischer und politischer Formen von Radikalität in Printform heute.

18 Uhr: Writing Towards an Aesthetic Practice? Writing Towards Art? Justin Lieberman (Munich), Rachel O’Reilly (Berlin), and Josef Strau (Frankfurt/New York) in conversation (EN)

Die drei Künstlerinnen und Schriftstellerinnen, die dieses Panel zusammenbringt, operieren mit größtenteils unterschiedlichen Schreibformen als Teil einer Praxis, die nicht versucht, Kunst als Hort ästhetischer Form zu definieren. Vielmehr geht es darum künstlerische Produktion hin zu einem erweiterten Verständnis ästhetischer Autorenschaft zu öffnen– zu einem gewissen Risikobewusstsein. In diesem Panel ist die Frage, Kunst als ästhetische Praxis aufs Spiel zu setzten spezifische auf die Rolle, die Sprache darin spielen kann, gerichtet – und in den Arbeiten von Lieberman, O’Reilly und Strau gespielt hat.

Justin Lieberman (*Gainesville, FL) ist ein in München arbeitender Künstler. Seine aktuellen Ausstellungen umfassen Installation View, Galerie Christine Mayer, München (2016), Je t’Empire, Le Confort Moderne, Poitiers (2015) und Squeezed Relief, Martos Gallery, New York (2014). Zu seinen aktuellen Publikationen zählen unter anderem The Corrector’s Custom Pre-Fab House (2015), Address to the Student Art Collective (Adjunct Commuter Weekly, 2017), Michel Auder’s Machinic Bohemia (2010/14) und Hopi Basket Weaving (2006). Siehe auch www.justin-lieberman.com

Rachel O’Reilly (*Gladstone, AU) lebt und arbeitet als Lyrikerin, Kritikerin, Künstlerin und Wissenschaftlerin in Berlin. Sie lehrt am Dutch Art Institute und hat kürzlich zusammen mit Natasha Ginwala u.a. das öffentliche Programm der Contour Biennale (2017) erarbeitet. O’Reilly ist mit Jelena Vesić und Vladimir Jeric Co-Autorin des Buches On Neutrality: The Letter from Melos (2017) und präsentierte ihr künstlerische Arbeit The Gas Imaginary (2016-) an wechselnden Orten, darunter Gladstone Regional Art Gallery and Museum (2016) und The Jerusalem Show (2017).

Josef Strau (*Wien) lebt und arbeitet als Künstler in Frankfurt und New York. Aktuelle Einzelausstellungen fanden unter anderem im Künstlerhaus Bremen (2017), House of Gaga, Mexico City (2016) und Secession, Wien (2015) statt. Strau hat zahlreiche Beiträge verfasst, sowohl im Rahmen seiner eigenen künstlerischen Praxis als auch für Kataloge und Magazine. Zu seinen Publikationen zählen das Essay “The Non-productive attitude” (2006), und jüngst das Buch Dreaming Turtle (2015), The New World 2, Travels in Turtle Island (2015) und The Atlantis Search Engine (2013). 1990 gründete er mit Stephan Dillemutz den von KünstlerInnen betriebenen Raum Friesenwall 120 (Köln), zwischen 2002 und 2006 arbeitete er als Kurator der Galerie Meerrettisch an der Volksbühne (Berlin).

20 Uhr: After the Ice, the Deluge Performance Linda Stupart (London) (EN)

In ihrer* Performance, die Teil ihres Ausstellungsbeitrags ist, widmen sich Linda Stupart dem Queering von Wissenschaftssprache, der Beweislast von Objekten/Bildern, sowie dem Verhältnis zwischen Körpern und Horror/dem Abjekten durch die Verknüpfung zweier divergenter Themen: dem Morgellons-Syndrom und dem Schmelzen der Polarkappen.

Linda Stupart (*Kapstadt) leben und arbeiten als Künstlerin, Autorin und Educator in London. Zu ihren aktuellen Einzelausstellungen zählen A Dead Writer Exists in Words and Language is a Type of Virus bei Arcadia Missa, London (2016), bei der sie auch ihre Debutnovelle Virus (2016) vorstellten. Stupart performten ihre Arbeiten außerdem in Matt’s Gallery, The Showroom, a.m. gallery, the ICA und Guest Projects in London. Siehe auch www.lindastupart.net


KLASSENSPRACHEN wurde von Manuela Ammer, Eva Birkenstock, Jenny Nachtigall, Kerstin Stakemeier und Stephanie Weber initiiert.

Ein Projekt von District Berlin Künstlerisches Leitungsteam: Suza Husse mit Janine Halka und Andrea Caroline Keppler. Geschäftsführer: Frank Sippel. Produktionsleitung: Naomi Hennig. Kommunikation: Johanna Ekenhorst. Aufbau: MC Baustelle (Francy Fabritz, Josephine Freiberg, Vinnie Olbrich und Hassan Suleiman). Assistenz: Eva Storms und Youn Hee Kim. Finanzen: Annett Hoffmann.

Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds Berlin. Unterstützt von Cine Plus und Jungle World.

(Pressetext)