Sol Calero – Agencia Viajes Paraíso

Kunstpalais Erlangen

  • 06.05.2017. - 24.09.2017
  • Heute geöffnet

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Ab Mai wird die Künstlerin Sol Calero das Untergeschoss des Kunstpalais komplett verwandeln.

Das künstlerische Schaffen von Sol Calero (*1982 in Caracas, Venezuela) rückt gerade international in den Fokus der Aufmerksamkeit – erst kürzlich etwa wurde sie für den Future Generation Art Prize nominiert.

In ihren Rauminstallationen wird Kunst begehbar. Es sind Orte des öffentlichen Lebens wie Friseursalons, Wechselstuben und Saunen, die Calero in ihren Ausstellungen mit viel farblicher Expressivität und großer Liebe zum Detail entstehen lässt. Nicht ohne Ironie greift sie dabei auf eine kolportierte lateinamerikanische Ästhethik zurück, die mit opulenter Buntheit und floralen Motiven in erster Linie einen unschuldig-fröhlichen und verspielten Eindruck macht.

Die Räume, die Calero erschafft, sind auf den zweiten Blick aber auch ebenso politische Orte, Räume der Begegnung von Menschen und Kulturen. Wie wird hier mit Klischees über Europa und Südamerika umgegangen? Welchen Stellenwert haben ethnische Herkunft und Geschlechterrollen? Und wie werden kulturelle Zeichen und Symbole verwendet? Fragen wie diesen spürt die Künstlerin unter anderem nach, indem sie ihre Orte gemeinsam mit den Besucherinnen und Besuchern belebt – etwa mit Salsa-Kursen in ihrer Tanzschuleninstallation oder beim Haareschneiden in besagtem Friseursalon.

Für das Kunstpalais Erlangen werden ganz neue Installationen entstehen, in denen dann bei und mit uns gesessen, geredet und vielleicht auch getanzt werden darf. Mitmachen ausdrücklich erwünscht!


Images

  • Casa de Cambio, 2016. Art Basel Statements, Basel. Installationsansicht. Courtesy Laura Bartlett Gallery, London. Foto: Andrea Rossetti
  • El buen vecino, 2015. SALTS, Basel. Installationsansicht. Courtesy of the artist, SALTS, Basel und Laura Bartlett Gallery, London. Foto: Gunnar Meier
  • Solo Pintura, 2016. Installationsansicht, Laura Bartlett Gallery. Courtesy Laura Bartlett Gallery, London
  • La Sauna Caliente, 2016. Installationsansicht, KUB Collection Showcase, Bregenz. Courtesy of the artist und Laura Bartlett Gallery, London. Foto: Markus Tretter

(Pressetext)

Kommentar
Von María Inés Plaza 10. May 2017

Die Postboten, kommen hintereinander durch die Pforte des Kunstpalais, außergewöhnlich grosse Gegenstände tragend: Plastikpalmen und Wartezimmerstühle reihen sich in einem Raum aneinander, der sich aus einem Konglomerat von Tapeten und Teppichböden mit Mustern aus Swimmingpool-reflektionen und unregelmäßigen Pflastersteinen sowie Gardinen und Textilien mit tropischen Wiederholungen bunter Bananen, Wassermelonen und Hibiskus-Blüten zusammensetzt.

Die Ornamente, die Pastellfarben und diese Collagen berühmter Klischees wählt Sol Calero aus, fügt sie zu ihrem eigenen Katalog visueller Bezugspunkte hinzu und lässt sie in ihren raumgreifenden Installationen immer neu und immer anders auftauchen.

Das hier ist weder eine reguläre Sammlung von Kunstwerken noch eine reine Bühne für die Cumbia, die hier gerade gespielt wird: 'La Colegiala', die Geschichte einer Lolita aus den Tropen, wird so gesungen, dass jeder tanzen will. Die Szene ist jedenfalls etwas ungewöhnlich, sogar anachronistisch; als handele es sich vom fürstlichen Einkauf aus der Provinz von importierten Kuriositäten.

Die Überdosis an synthetischer Farbfreude zwingt auch dazu, seine Eindrücke mit einer schrecklichen Erfahrung in punkto eines Last-Minute-Angebot für Touristen zu assoziieren, in dem das Versprechen eines drei-Sternen-Hotel zu einer fiktive Version wird, die sich in der Karibik-Wandtapete widerspiegelt. Oder kennt man dieses Szenario aus einer Telenovela?

Für das Erschaffen von (pseudo-)öffentlichen Räumen in Ausstellungssituationen ist Calero bekannt. So brachte sie Friseusalons, Tanzschulen, Saunen oder Wechselstuben – also Orte des allgemeinen (kommunikativen) Austauschs und der Prokrastination – in die weißen Hallen von Kunstinsitutionen. Diese Strategie erlaubt ihr Räume zu verändern und unterschiedlich zu instrumentalisieren; für sich selbst und für andere. Denn es passiert hier immer irgendwas.

Sol Calero wurde in Veneuela geboren, wuchs in Teneriffa auf und wurde vor allem in Berlin als Künstlerin bekannt. Gemeinsam mit ihrem Partner und Künstler Christopher Kline verwandelte sie beispielswesie deren gemeinsames Atelier in Kreuzberg in einen Projektraum, den sie „Kinderhook & Caracas“ tauften, eine Anlehnung an ihren Heimatstädte. Hier haben sie zuletzt die Arbeiten von Joe Clark, Claudia Comte und Lauryn Youden gezeigt. Davor hatte Calero zu einem „Tele-Extravaganza Blue Carpet Event” weitere Kollegen eingeladen und eine immersive Installation, die wie ein TV-Studio wirkte, geschaffen. In diesem Rahmen fand auch ‚Conglomerate‘ statt, eine weitere Kooperationsinitiative, in die Calero involviert ist und die Videoarbeiten aus unterschiedlichen Kontexten zusammenbringt.

Die bunte Plastik und ihre dazu entsprechenden Gemälde von Hausfassaden der 60er-Jahre bringt Sol Calero nach Erlagen, um die gesamte erste Etage des Museums mit einem Reisebüro zu besetzen. Auch hier arbeitet sie kollektiv mit den Künstlerinnen Sira Piza und Ana Alenso zusammen, um die Organisation und Aufbau des Raumes zu bestimmen. Für den Zeitraum der Ausstellung zieht außerdem das gesamte Team des Reisezentrums Dr. Krugmann von der Hauptstraße 21 ins Museum, um sein Daily-Business hier weiter zu betreiben. Man kann sich hier Tickets für das nächste Urlaubsziel kaufen. Aber wer tut das, wenn man Google-flights hat?

„Agencia de Viajes Paraíso“ heißt die Ausstellung und lädt die Besucher des Kunstpalais in Erlangen ein, diese für ungewöhnliche Zwecke zu besuchen und zu erfahren. Auf einer Meta-Ebene fungiert Caleros Arbeit gleichzeitig als Rahmen für die Auseinandersetzung mit aussterbenden Topographien und Beschäftigungen. Die Installation ist ein konstanter und sich selbstbedingender Kommentar zum Konsum und seinen Wirkungsmächten. Hier ist die Produktion von Kunst ein plakativer, schriller Kontrast zu einer eher klinisch polierten, herrschenden ökonomische Ordnung. Kitsch ist hier notwendig, um die populärkulturelle Vorkommnisse und Marginalitäten, wie die Pastiche Lateinamerikas, in ihrer Identität und Andersartigkeit nicht nur zu würdigen, sondern gleichermaßen zu fragmentieren.

Caleros Reisebüro erzählt ein weiteres Kapitel von sozialen Kategorisierungen. Wer kann sich nun die Urlaubsreise leisten? Diese Frage findet hier – wie viele weitere bezüglich der kulturellen Differenzierung einer Region wie Lateinamerikas – seine Ausdruckskraft, die visuell von einem Potpourri an Referenzen abhängig ist und trotzdem auf einem sehr leicht verdaulichen Niveau funktioniert.

In Caleros Arbeit vermischen sich die gesellschaftlichen Schichten, die in Lateinamerika noch so vehement kontrastvoll sind. Das niedrigste und höchste Verhältnis zum Ästhetischen werden ein einziger. Doch das findet nicht durch eine kulturelle Vereinfachung statt, sondern vor allem durch einen reflexiven Abstand. Denn die omnipräsente Idealisierung der karnavalesken Identität Lateinamerikas ist durchaus ein Problem, mit dem sich Ausgewanderte und Kunstschaffende, die seit Jahrzehnten in anderen Teilen der Welt leben, konfrontiert und einkategorisiert sehen.

Calero betont aber, sie sei nicht von dort und auch nicht von hier. Sie hat all die Symptome einer Migrantin, die oft ihre eigene Herkunft, Geschichte und ihr Referenzmaterial banalisieren muss, um sich überhaupt in eine andere Umgebung integrieren zu können. So erzählt sie von ihrer Tante Ivonne, die in einer noblen Nachbarschaft von Caracas lebt und exkludiert dabei bewusst die urbane aggressive Realität Venezuelas. Oder sie berichtet von ihrer Jugend, von Shakiras erster Platte, von „Las Chicas del Can“, den „Feministinnen der Cumbia“ oder von Telenovelas geprägt ist. Natürlich. Wir alle erzählen solche Geschichten – sind sie doch der nährreiche Boden für leicht aufzugreifende Gemeinsamkeiten und Bezugspunkte. Aber was kann sonst die enge Definition einer unendlich vielfältigen Region?

Calero benutzt so offensichtliche Referenzen für ihre Durchquerung von sozialen Räumen, nicht in Form eines Diskurses, sondern als Entscheidung – in der Art und Weise, wie etwas erfasst wird, was sonst nur als etwas „Fremdes“ legitimiert werden kann. Gerade weil die Figur des „Expats“ keinen Ort hat, dem dieser zugehörig scheint, bleibt diese Strategie (das Durchqueren sozialer Räumen) von der Zeit abhängig. Dieser „Nicht-Ort“ des Reisebüros währt für einen ewigen Augenblick. Wie auch die Vorstellung vom Paradies, triefend vor romantischer Nostalgie, immer eine zelebrierende ist.