Echo of untouched matter – Atsushi Wada, Jason Fulford, Katrin Petroschkat, Ryan Thompson, Shimabuku, Ulrich Gebert

Lothringer13_Halle

  • 15.01.2016. - 20.03.2016

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In a highly visible way, humankind shapes, changes or influences virtually everything on the planet according to its very own ideas and agenda. Intelligence seems to be the measure of all things here and the pedestal, from which all life is viewed, defined and classified.

Promptly, we gave this new human era, the age of man’s civilized dominance a name: The Anthropocene – which rather sounds like a pain killer, that doesn’t really do the job after a wild party. What happened yesterday? Blackout. And yet there is a human desire for a higher entity, a more complex existence and a holistic or superior, “some?thing”, that resonates quietly but clearly. Curiosity and maybe some kind of remorse feeds our rationally enlightened, or spiritually coined interest in and connection with nature. In our attempts to explore other life forms we remain at a loss. This agonizing feeling might someday turn into liberation: Once we accept that practically everything non-human, that exists around us, the lion-share of the vast biological system, has greater evolutionary experience than us, prudence might grow as a new form of natural science.

Echo of untouched matter tells of the curious human urge to act, to know, and to create. It pursues ideas of friendly and humble co-existence. Two American, two Japanese and two Munich artists act with a curious, respectful, or puzzled view of our relationships with other and unfamiliar life forms.

Animated clips report about mysterious rituals between different wights, a documentary follows the aurochs that graze on a Bavarian island, a sound installation plays a mantra for the age of algae, and pedestals are built to support a cordial contact with sea dwellers.

Until springtime, Lothringer13 Halle aka retreat, acts as a paradisiac hub where funghi, algae, trees, rabbits, octopuses, sea horses and also chubby children or other intelligent dry-nosed monkeys connect.

PS: Fungus of the year 2016 is the purple-stem ruddrittling.

(Pressetext)

Kommentar
Von Christoph Sehl (DE) 29. Jan 2016

Der Streit, ob, wie und wann die Struktur des menschlichen Erkenntnisvermögens eine Übereinstimmung - immer auch eingedenk, dass der Mensch Teil der Natur ist - mit der der Natur selbst aufweist, ist durch das Erkenntnisinteresse entschieden, welches die Dinge zum Objekt des menschlichen Gestaltungswillens macht. Es gäbe 'kein richtiges Leben im falschen' (Adorno), ist ein Diktum, das einen in die Verzweiflung treiben könnte und allein die Möglichkeit offenhält, in bemüht akribischer Manier, die Selbstwidersprüchlichkeiten der Dinge aufzusuchen, also eine Konzentration auf den eigenen Bestand der kritischen Fähigkeiten aufzubringen. Ein Glücksfall ist, dass die Bestrebungen inzwischen auch dahingehen, dem Falschen eine gewisse Richtigkeit zuzugestehen und Räume zu schaffen, in denen Erlebbares aufgewiesen wird.

Es ist gerade die Leichtigkeit, welche die seismographischen Apparaturen in sich birgt, das hervorzuholen, was das Selbstverständliche hinter dem Selbstverständlichen ausmacht. Wie unter einer Kruste verborgen, existieren Teilchen, die uns sagen möchten, es gäbe das Schöne in dieser Welt. 'Echo of untouched matter', die jetzt laufende Ausstellung in der Lothringer13 Halle, zielt dabei nicht auf Weltflucht, auf diese seltsame Suche nach Alternativen hinter einer vom Menschen beherrschten und alternativlos empfundenen Wirklichkeit, die dann solipsistische und auf wenige Auserwählte beschränkte Privatreiche nach individuellen Geschmacksintuitionen darstellt.

Die aus Arbeiten von sechs Künstlern zusammengestellte Ausstellung geht ganz anderen Fragestellungen nach, wenn sie die Natur, und zwar die nicht mehr für sich agierende Natur, ins Zentrum des Nachdenkens stellt, um von einen Wiederhall zu erzählen, der dem Wirklichen nach wie vor zu eigen ist.

Wie ein Lehrstück wirkt Ryan Thompsons Stein-Projekt, in dem ersichtlich wird, wie der Eingriff in die Natur diese nicht nur verändert, sondern bei denen, die den Eingriff vornehmen, ein deutlich schlechtes Gewissen auslöst; Nicht unmittelbar, nein, sondern schleichend, verzögert, untergründig versetzt. Gleich einem Dämon kehrt die Natur beim Täter wieder ein und veranlasst diesen, seine Tat, Steine aus einem Naturpark entwendet zu haben, tief zu bereuen.

Ein ganzer Tisch ist mit Briefen ausgelegt, in denen offen das fehlerhafte Tun bedauert wird und der Wunsch besteht, dieses rückgängig zu machen. Die Steine werden zurückgeschickt. Hier aber sträubt sich die Natur, denn es ist ihr eigen, dass ein einmal vorgenommener Eingriff selbst bei größter Anstrengung und gutem Willen nur in Form einer Künstlichkeit zurückgenommen werden kann.

Überhaupt scheinen die Simulationen der Natur ein wunderbares Entrée in die Natur selbst darzustellen. Als könne man nicht aus, sich allererst eine Art Imitation davon zu bilden, was das denn sein könnte, was es da zu ersehnen gelte. Denn - und hier kommt eine der schönen Parallelen zum Tragen, die wir Menschen zur Natur besitzen - es ist der Natur eigen, solche selbst herauszubilden. Die Steine, die einstmals Holzstücke gewesen sind, sehen aus - in den sie in den Fokus auf weißem Hintergrund setzenden Porträts - wie Fleischstücke. Ein Pferd, gleichwohl ein Seepferd, gibt sich das Bild eines Blätterwaldes, welcher auf dem Meeresboden umherstreicht.

Die Natur gibt sich wie ein großes Buch, in dem es zu lesen gilt, aber - und das ist die große Qualität dieser Ausstellung - nicht in einem buchstäblichen Sinne.

Vielmehr in einem Sinne, in dem in jedem Augenblick eine momentane und je neue Verhältnismäßigkeit eingefangen wird, ein Verhalten, das der Sprache dieses Buches Bedeutung zu geben vermag. Danach ist es schwer in dieser Ausstellung Positionen zu finden und vielleicht ist das ja auch unsinnig - das mit den Positionen(1). Es geht mehr um einen Habitus, eine Haltung, die in beiden Richtungen verhandelbar ist.

Die Natur jenseits des gesellschaftlichen Spektakels zu denken, ist mehr als naiv und reproduziert auf untergründige Art und Weise genau das, was die Natur zum Teil des Spektakels gemacht hat. Ihr einen Status der Einheit wie auch Ganzheit zuzuweisen, verläuft strukturell auf einer ähnlichen Ebene, wie dies von Naturwissenschaftlern seit Aristoteles vorgenommen wurde.

Kurzum: es finden Rückbesinnungen statt. Die Beziehung auf den Auerochsen als einem Urtier, das allein in einer Rückzüchtung auf einen als echt angenommenen genetische Code existiert und das Artifizielle dieser Existenz mit der Künstlichkeit der Fotografie an sich parallelisiert (Ulrich Gebert), das Fischen eines Oktopus mit Tonkrügen vor der Italienischen Küste, das zum einen das schutzhafte Schlupfwinkelverhalten der Tiere nutzt, andererseits eine antik-römische Technik dargestellt hat und nun von Shimabuku als Usus japanischer Fischer dorthin zurückgebracht wurde, die Überlegungen zur Photosynthese (Katrin Petroschkat) als Ursprung des Lebens größerer Zellverbände für die der durch die Algen produzierte Sauerstoff Voraussetzung ist, das Erstellen eines Bildprogramms (Jason Fulford) aus der Geschichte des zufälligen Auftauchens von Pilz-Fotografien auf einem Flohmarkt, entwickelt eine Spurensuche in einer myzelhaft verknüpften Welt.

Im ganzen gesehen sind es die kleine erratischen Geschichten, die diese Ausstellung weben, welche die Natur nicht als eine Einheit formulieren. Man mag zu der erschreckenden Einsicht kommen, dass es so etwas wie Naturgeschichte gar nicht geben kann, vielleicht auch nicht geben sollte. Die Geschichte der Natur ergibt sich aus den jeweiligen, unvereinbaren Begegnungen und damit ist es keine Geschichte. Die Qualität der Natur liegt in ihrer nicht als Ganzes greifbaren Partikularität.

Atsushi Wadas Filme sind hier eine wunderschöne Offenbarung. Das Ineinanderfließen seiner dicken Menschenfiguren und einer Naturwelt verläuft nach unvorhersehbaren Mustern, beruht auf Aktions- und Reaktionsfeldern mit nicht vorher abgesteckter Gewaltenaufteilung, als hätte sich in alles der Versuch eingeschlichen, auch die Perspektive des Anderen, der Natur einzufangen.

(1) Position ist allemal eine Art Warenverhältnis mit dem die Kunst in ein ökonomisches System eingeschleust wird - hier auf einen Aufsatz von Tom Holert in Texte zur Kunst zu verweisen ist nicht unrichtig: (https://www.textezurkunst.de/45/vom-p-wort/)