Mariana Castillo – Deball das Haut-Ich

Barbara Wien Galerie

  • 27.04.2018. - 28.07.2018

Mariana Castillo Deball
das Haut-Ich
28. April – 28. Juli 2018
Eröffnung: 27. April, 18 – 21 Uhr

Zum Gallery Weekend 2018 präsentieren wir die vierte Einzelausstellung von Mariana Castillo Deball in unserer Galerie.

das Haut-Ich

"Thoughts are thoughts of the body: one’s own body, other bodies; thinking seeks to bring thoughts together in a body of thoughts." Didier Anzieu

Das Haut-Ich ist ein Konzept, das durch den französischen Psychoanalytiker Didier Anzieu geprägt wurde und die Haut mit der Bildung des Ichs in Beziehung setzt. Für Anzieu sind sowohl das Gehirn, als auch die Haut Oberflächengebilde. Die Ausstellung erkundet diese geistigen und körperlichen Häute durch einen mesoamerikanischen Zeit-Raum-Kalender und das Symbol einer zweiten, geteilten Haut. Sie umfasst eine Serie neuer Skulpturen, Zeichnungen und eine architektonische Intervention.

Die Arbeiten der Ausstellung ziehen Verbindungen zwischen dem Körper und der Vermessung von Raum und Zeit. Als Ausgangspunkte dienen Mariana Castillo Deball ein Kalender und das göttliche Wesen Xipe Totec.

Der tonalpohualli ist eine kosmologische Methode für die Messung von Zeit. Erste Belege für den mesoamerikanischen Kalender stammen aus dem 6. Jahrhundert vor Christus in Form von Kalender- und Zahlzeichen, die als Reliefs in Steinmonumente in Oaxaca geschnitzt wurden. Er wird nicht nur dazu verwendet, Zeit zu messen, sondern ist auch ein System zur Erfassung räumlicher Koordinaten und wichtig für die Landwirtschaft, sowie für rituelle Opferhandlungen. Die Götter, Ereignisse und andere Elemente, die er als Prophezeiungen beinhaltet, definieren die Art, wie die Menschen ihre Handlungen durchführen und was für eine Person sie voraussichtlich werden.

Der tonalpohualli-Kalender umfasst 260 Tage, die sich aus 2 Zyklen zusammensetzen: aus einem Zyklus mit 20 Tageszeichen und einem kürzeren mit 13 Nummern. Jeder Tag ist eine Kombination aus einem Tageszeichen und einer Nummer, die parallel verlaufen bis alle Kombinationen erschöpft sind. Der Tag 1 Krokodil ist immer gefolgt von 2 Wind, 3 Haus, 4 Eidechse und so weiter, bis der kürzere Kreis mit 13 Nummern bei 13 Schilfrohr endet. Danach beginnt es von vorne mit der Nummer 1, die Kombinationen gehen jedoch mit den verbleibenden Tageszeichen weiter: 1 Jaguar, 2 Adler und so weiter.

In dem Kalender ist die Verbindung zwischen dem Körper und der Umwelt präsent, z.B. entsprechen die Tageszeichen Teilen des Körpers. Der Saft des Amatl-Baums, der zur Papierherstellung verwendet wurde, steht für Blut, der Rauch eines Feuers für den menschlichen Atem und die Baumrinde für menschliche Haut. Dies ist in der indigenen Weltentstehungslehre ein Spiel von Austausch und Umwandlungen. Ausgehend von der Haut und ihrer Körperlichkeit geben auch andere Materialien Form und Identität. Sie verstofflichen, aber ersetzen und personifizieren auch, nicht nur durch visuelle Analogien, sondern auch durch subtile materielle Beziehungen.

In diesem Kalender wird die Gottheit Xipe Totec oft als ein Mann dargestellt, der die abgezogene Haut eines anderen über der eigenen trägt. Das jährliche Fest zu Ehren bestand aus der Opferung eines Menschen und die Verwandlung einer anderen Person durch das Tragen der Haut der geopferten Person. Das Nahua-Konzept ixiptla kommt von dem Partikel xip, das soviel wie Haut, Bedeckung oder Schale bedeutet. Als natürliche äußere Gewebeschicht, die den Körper einer Person oder eines Tieres bedeckt, kann die Haut vom Körper getrennt werden um Kleidungsstücke, Behälter für Flüssigkeiten oder Pergament als Schreiboberfläche herzustellen. Ixiptla wird verstanden als Bild, Abgesandter, Figur und Vertreter.

Im Rahmen unserer Ausstellung wird Mariana Castillo Deball die vierte Ausgabe von Ixiptla vorstellen, einer Reihe von kollaborativen Forschungszeitschriften, die von Bom Dia Boa Tarde Boa Noite in Berlin herausgegeben werden.

Parallel zu der Eröffnung unserer Ausstellung eröffnet die Ausstellung Hello World. Revision einer Sammlung im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart in Berlin, in der drei Hauptwerke von Deball ausgestellt werden. Die Keramiksäulen Rhomboid, Mechanical Column und Snake, die 2015 in unserer Galerie gezeigt wurden, sind Teil ihres Projekts Who will measure the space, who will tell me the time?. Die Ausgangsfrage für das Projekt war, welche Beziehung die Töpfer in Atzompa (Oaxaca) zu ihrem archäologischen Erbe haben, wie sie sich heute zeigt, verändert und teilweise in Auflösung begriffen ist. Verschiedene Formen sind in den Tonmodulen zu erkennen: vorspanische Figuren, Muttern, Schrauben, Spielzeuge und Brancusis berühmten Rauten der Endlosen Säule. Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof läuft bis zum 26. August.

Mariana Castillo Deball (*1975 in Mexico City) lebt und arbeitet in Berlin. 2013 gewann sie den Nationalgaleriepreis für junge Kunst, worauf 2014 die Einzelausstellung Parergon im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart in Berlin folgte. Deball hatte Einzelausstellungen im In- und Ausland, u.A. im San Francisco Art Institute, im Musée Régional D‘Art Contemporain Languedoc-Roussillon in Sérignan, im Museo de arte contemporáneo de oaxaca maco in Oaxaca und im Haus Konstruktiv in Zürich. Des Weiteren nahm sie an zahlreichen Gruppenausstellungen teil. 2018 hat Deball eine Einzelausstellung im Savannah College of Art and Design Museum (SCAD) und ihre Arbeiten sind u.A. zu sehen im Hamburger Bahnhof, Berlin, sowie in der Fondazione Sandretto Re Rebaudengo in Turin. In der Ausstellung Statues also Die. Conflict and heritage from the ancient world to the modern day in Turin ist Deball‘s Mschatta Fassade, die Hauptarbeit aus ihrer Parergon Ausstellung, im Palazzo Reale’s Salone delle Guardie Svizzere noch bis zum 9. September zu sehen.