Mitya Trotzki – Fugitive Souls

Kunstverein am Rosa–Luxemburg–Platz

  • 10.11.2017. - 06.01.2018

Who knows what true loneliness is – not the conventional word but the naked terror? To the lonely themselves it wears a mask. The most miserable outcast hugs some memory or some illusion. Joseph Conrad

Zeitgenössisch zu sein, kann als unmittelbar gegenwärtig, als einfaches Hier-und-Jetzt verstanden werden. In diesem Sinne scheint ein Foto wahrhaft zeitgenössisch zu sein, wenn es als authentisch empfunden wird. Indem es die Präsenz der Gegenwart in einer Weise festhalten und ausdrücken kann, die von Traditionen oder Strategien radikal unverfälscht zu sein scheint. Diese von Boris Groys’ Definition in ‚Comrade of Time’ abgeleitete Beschreibung eines relevanten Kunstgewerks passt frappierend genau auf die verstörenden Momentaufnahmen seines Landsmanns Mitya Trotzki.

Trotzki, der außer in Berlin auch in Miami lebt, hat dort mit Blick auf einen engen Kanal, auf dem eine Milliarden-Dollar-Kreuzfahrt-Industrie an Bord hunderter Schiffe kontinuierlich Passagiere von der Realität ihres Lebens in eine sorglose Fantasiewelt des Luxus entführt, tausende Fotos der langsam vorbeigleitenden, schwimmenden Hotels gemacht. Einsortiert in das Raster ökonomisch effizienter Schiffsarchitektur treffen an Bord dieser Kreuzer vielschichtige soziale und psychologische Strukturen aufeinander, die sich auf den Balkonen in unverstellter Ähnlichkeit präsentieren. Offensichtlich fühlen die meisten Passagiere sich vollkommen unbeobachtet obwohl sie nur einige Meter vom Ufer entfernt sind. So tritt uns in den Aufnahmen Trotzkis eine unverfälschte Welt entgegen, die zu gleichen Teilen melancholisch und aus-dem-Häuschen zu sein scheint. Diese Ambivalenz ist der Kern seiner künstlerischen Auseinandersetzungen und knüpft direkt an den klassischen Diskurs des Porträts im Zeitalter seiner unendlichen Reproduzierbarkeit an.

Mit immer gleicher Kameraeinstellung skizziert der Künstler im Kern eine Geschichte der Weltflucht, in der eine überzeitliche Atmosphäre der Einsamkeit und Suche nach Halt eingefangen wird.

Aber wer weiß schon, was wahre Einsamkeit ist? Trotzki geht dieser Frage in lebensgroßen Porträts und kleinteiligen Panoramen ganzer Schiffsfassaden nach und verwandelt dafür den Kunstverein in ein Panoptikum der Beziehungslosigkeit. Den realen Raum lässt er dafür hinter einer über 20m langen, unmittelbar auf die Wand aufgebrachten Porträtreihe verschwinden um ihn an anderer Stelle mit einer auf die Fenster projizierten Diaserie in den Außenraum zu erweitern.

‚Fugitive Souls’ ist die erste Einzelpräsentation von Mitya Trotzki in Deutschland. Sie zeigt Fotografien, Fotoinstallationen und Videoarbeiten. Ausgehend von der Präsentation in den Räumen des Kunstvereins im L40 strahlt sie im wörtlichen Sinne als Projektion bis in den Stadtraum am Rosa-Luxemburg-Platz.

Fugitive Souls wurde von Anatoli Shuravlev kuratiert.

Foto: © Mitya Trotzki, Fugitive Souls

(Pressemitteilung)