Rochelle Feinstein – "I made a terrible mistake"

Lenbachhaus

  • 07.06.2016. - 18.09.2016

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“I Made A Terrible Mistake”, “Find your Own Damn Voice”, “Wrong!”. Wie diese drei Werktitel vermuten lassen, haben die Malereien der US-Künstlerin Rochelle Feinstein (*1947) viel zu sagen. Und sie sind äußerst eigensinnig. Über einen Zeitraum von dreißig Jahren hat Feinstein, langjährige Professorin für Malerei und Drucktechnik an der Yale University in New Haven, ein Oeuvre entwickelt, das sich mit den Implikationen und Ideologien des Kunstmachens auseinandersetzt. Wie kaum eine Künstlerin hat Feinstein den Diskurs um die abstrakte Malerei in den vergangenen Jahrzehnten perspektivisch geöffnet und vorangetrieben.

Das Lenbachhaus präsentiert, gemeinsam mit dem Centre d'Art Contemporain in Genf und der Kestnergesellschaft Hannover, die erste umfassende Feinstein gewidmete Werkschau. Der Schwerpunkt am Lenbachhaus liegt auf den Malerei-Installationen, die seit Mitte der 1990er Jahre enstanden sind. The Estate of Rochelle F. (Der Nachlass von Rochelle F., 2010), beispielsweise, ist Feinsteins „prä-posthumer“ Nachlass, den die Künstlerin als Reaktion auf die Finanzkrise von 2008 schuf. Für die Herstellung der Estate-Arbeiten verbot sich Feinstein, neues Material zu kaufen und verwandte stattdessen, was sie zur Hand hatte: alte Putzlappen, sperrige Geburtstagsgeschenke und einige ihrer älteren Kunstwerke.

Mit gewohnt trockenem Humor adressiert Feinstein mit dem Estate die Endlichkeit des Lebens angesichts der Beständigkeit des Nippes, der uns begleitet. Werke wie Before And After (Vorher und Nachher, 1999) stellen die Malerei als einen entmystifizierten Vorgang dar, der als ein Stück Stoff (der Leinwand) beginnt und in einem verpackten Objekt auf dem LAGERREGAL mündet. Feinstein thematisiert die Materialität und Sperrigkeit des malerischen Mediums und stellt zudem die Frage nach der Bedeutung von Kunst, die kein Publikum hat. Für welche Kunst existiert ein Publikum, für welche nicht und warum?

(Pressetext)

Kommentar
Von María Inés Plaza 04. Sep 2016

O Sole Mio! Mit dieser pathetischen Sprechblase fängt die Erinnerungsroute der Künstlerin von einer Reise durch Europa an, am Ende der Neunziger. Kindliche Kalenderseiten konstruieren Fassaden ihrer Spaziergänge, ein Paket etabliert sich als Mitte der Komposition. So wie Briefe und Emails in anderen Werken von Rochelle Feinstein, materialisiert die Post die Sehnsucht einer langen Wartezeit. Oder die Langeweile eines Monats wie des August.

Die Farbkombinationen Schwarz-Rot-Gelb, sowie die altdeutsche Typographie knallen ins Gesicht wie die düstere Seite nationalistischer Gesten, trotz der Sonne, der Leichtigkeit des bemalten Kalenders und der zynischen Art, mit der sich Feinstein über ihren deutsch-jüdischen Namen, über ihre Umgebung und vor allem über sich selbst lustig macht.

Denn es sind die Farben, welche die Abstraktion als Element in Rochelle Feinsteins Gemälden zu großen Kommentaren einer späten Moderne machen; groß trotz des selbstmarginalisierenden Geist ihrer mutigen und sehr persönlichen Konfrontation mit der Malerei. Mut, ja, über ihre Kindheit, über die Art wie Paul sie verlassen hat, über die Trauer um ihre Katzen, die sie an einem leeren grünen Sessel direkt anschaut, oder über ihre Enttäuschung von der (Kunst)Welt zu sprechen.

Travel Abroad, 1997-1998 ist ein Polyptychon ihres damaligen Alltags, und die fünf Gemälde stellen die Eindrücke nebeneinander, die eine Zugfahrt von Rom über Österreich nach München hinterließ.

Die Ausstellung im Lenbachhaus ist die zweite Station einer Kooperation des Museums für zeitgenössische Kunst in Genf, der Kestner-Gesellschaft in Hannover und der Städtischen Galerie am Königsplatz, und breitet sich hier im hinteren Pavillon aus, dem kleinsten Raum für temporäre Ausstellungen.

Schade, dass sie nicht wie Melián oder die Favoriten den Kunstbau bekam. Sie hätte das Mezzanin zwischen U-Bahnhaltestelle und Straße erobern können, so wie es die Architektur des Musée de l’art contemporain erlaubte.

Der kuschelig gestaltete Raum mit Arbeiten aus der Serie ‚I made a terrible mistake’, welche auch den Titel der Schau stiftet, lässt Affekte in der Luft schweben, die Feinstein so selbstverständlich zusammenwürfelt, wie man das heute auf einem öffentlichen Forum wie Instragram macht. Feinstein ist keine Exhibitionistin, ihre Direktheit ist beeindruckenderweise Grundstein des Post-Internet Diskurses jüngster Generation.

Barry White und Michael Jackson sind die Hauptfiguren des einleitenden Raumes, auf die Entschuldigung als Ausgangspunkt für ein Panorama von Entblößung und Verschleierung insistierend. Die Lichteffekte geben ihren Affekten überlegte Nuancen, denn es geht um Malerei und Liebe. Diese Paarung wird möglich durch ihre persönlichen Recherche zum Formalismus, die zugleich eine Studie des Lebens ist. Kunst im Dienst der Existenz: damit ist die gesamte jüngste Generation von Künstlern beschäftigt, voller Gewöhnlichkeit, Populismus und Lächerlichkeit.

Wer interessiert sich heute wirklich nur für die Formalitäten, wenn eigentlich nur die menschliche Ausarbeitung eines Materials das Einzige ist, das strahlt, wenn man die Malerei sucht und finden möchte?

Feinstein hat die Geschichte der Malerei, so Kerstin Stakemeier, als solche behandelt, was sie tatsächlich geworden ist: eine zum Markenzeichen gewordene Ikone. Die Malerei wird von der Künstlerin geschluckt und von einem unfassbaren Begehren durchtränkt.

So wie Travel Abroad, klingen die Titel aller Gemälde von Rochelle Feinstein wie ein Akt der selbstbewussten Darstellung der Malerei. Feinstein ist hier Äquivalent einer Kunst, die tief verinnerlichte Modelle kapitalistischen Austausches dementiert.

Dieses gewaltsame Ereignis der Verschmelzung von Objekt und Subjekt im Werk, das immer wieder in ihren Serien als konkreter Narrativ auftaucht, platziert sich in jedem der Kapitel, in denen Feinstein ihre Arbeiten chronologisch und konzeptionell einordnet. Feinstein ist ihr eigenes Objekt/Subjekt: Als intervenierte Email, als geplatztes Kondom, als Diskokugel, als eine Ansammlung von Sprechblasen voll klischeehafter Exklamationen.

‚Soon’, ‚Wait’, ‚Stop’: Die verquere Botschaft hallt vom malerischen Augenblick zum fotographischen wider, inszeniert aber zugleich unsere eigene Entfremdung zum Bild. Wort und Farbe sind echt und gleichzeitig unglaubwürdig.

Wie sie sich mit beiden Elementen ständig auseinandersetzt und für sich und ihre scheinbar süßliche und doch oft ernste, fast bittere Bilder verwendet, lässt beide sich zu einer einzigen semiotischen Ebene kurzschließen. Beide werden am Ende der Ausstellung Zeichen ihrer eigenen Beobachtungen. Feinsteins Schüchternheit manifestiert sich in ihrem komischen Verhalten, das die illusionistische Kunstwelt durchblickt, die ihre Arbeiten zu anthropologischen Studien macht.

‚Love Vibe’ (1999-2014) ist vielleicht das größte Spiegelbild dieser Ausstellungstour. I LOVE YOUR WORK: Ihre Empörung gegenüber dem Unbehagen solcher Wörter erscheint wieder und wieder in 6 Gemälden aus unterschiedlichen Winkeln, Höhen und Tiefen. Die Verfremdung des Bildes durch die Sprechblase wirkt noch einmal als Schirm, den wir durchdringen müssen, um das Gemalte zu erkennen’, sagt Feinstein. Was soll man dazu antworten?

Es ist so schnell gesagt, dass man Kunst liebt. Eigentlich sind unsere Gedanken beim Aussprechen der launischen Wörter immer woanders.

‚I made a terrible mistake’ ist im Lenbachhaus bis zum 18. September zu sehen.