Thomas Gothier – Handsome

RM Base

  • 19.01.2017. - 04.12.2016

Eine Ausstellung wie diese kann nur über die Vergangenheit spekulieren, nicht über die Zukunft. Dafür ist ja auch zu früh im Januar. Und wenn Fotografie als Instrument und Übung zur Wahrnehmung der Gegenwart dient, dann kann man sie in diesem Sinne als ein unendliches Buch präsentieren.

Die Liste von Namen, Produkten und Gewohnheiten, die das Leben des Thomas Gothier und der von ihm fotografierten Personen beschreiben, ist auch viel zu lang um den passenden Hashtag für all das zu finden. Dafür ist der Titel seiner Publikation zur Fotografie ein schäbiges/feines Wort, das alles von heute sein – oder doch nicht sein – könnte?

Es ist jedenfalls etwas altmodisch, über Fotografie als Genre zu schreiben, wenn das Bild an sich heute eher als Ding und nicht als komponierte Oberfläche gesehen wird. Aber es ist, wie man es an der Bar im Kismet sehen kann, ein auf dem Sockel präsentiertes Buch, das von Fotografie und nicht unbedingt von seiner Arbeit als Fotograf handelt.

Gothier schien unentschlossen, als wir uns das erste Mal über sein Werk unterhielten. Er beharrt auf einer lustigen Karikatur eines wütenden Abraham aus dem Alten Testament, mit den auf Stein gemeisselten zehn Geboten Gottes als Hintergrund für die Handsome Ausstellung. Macht er sich lustig über sich selbst oder ist das die Karikaturisierung einer unvermeidlichen Ewigkeit der digital-analogen Dichotomie? Vielleicht ist Folgendes ein wenig zu wörtlich in der Interpretation; aber die Bilder bleiben nicht darauf festgelegt, Teil von Gothiers mythologisierender Geste zu sein, Bilder absichtlich zu komponieren, sondern sie werden dem Zufall überlassen.

Was man im Buch sieht, sind jedenfalls unzählige geknipste Porträts von Menschen und Gegenständen, die sofort auf Gothiers Anwesenheit verweisen. Alle schwarz-weiß gedruckt, alle gleichwertig dargestellt. Alle seine persönliche Anekdote, egal wo er war oder was er zusätzlich zum Bild machte. Die Worte, welche die Bilder begleiten, sind genauso zufällig wie die Reihenfolge, in der sie zusammengestellt sind.

Auf was könnte Fotografie heute noch außer auf sich selbst und ihr digitales Nachleben verweisen? Reale Momente erzeugen, zum Beispiel. Und Passenderes gibt es nicht, als eine Live-Beschreibung mit Ludwig Abraham, dem Münchner Komponisten, der mit Gothier persönlich etwas für das Buch am Abend arrangiert.

„Seite 159: Im Hintergrund läuft langsames Gitarrengejaule mit Hall. In schwarzen Schuhen, in weißen Socken, stecken zwei dünne lange Beine, sie ragen aus ganz knappen Shorts, drüber ein leichter Hoodie. Das ist doch keine Frau, nicht der schöne junge Mann, das ist H., er ist heiß. Aber auch H. schaut auf den Boden, man weiß nicht wieso er sich geniert.“ - Ludwig Abraham

Und so weiter. Die Lesung startet um 20 Uhr.

(María Inés Plaza)