Anfang, Anschluss, Arschloch oder Anfrage: Gwanz Imaman – Das große Gala Dilemma von Club Fortuna in Dortmund sorgte wie bestellt für Verwirrung. Ein Interview dazu.

  • 25.05.2017

Dresscode, Admittanz: Anfang April lud der Club Fortuna zu einem ‚Resilienz-Workshop‘ im Rahmen des Frauenfilmfestivals in Dortmund ein. Für die Anmeldung schloss man einen Vertrag mit den Künstlerinnen, in dem es hieß, dass man sich als Teilnehmerinn dazu verpflichtet, bis zum Ende am Workshop teilzunehmen. Im Anschluss bekam man einen Unterwasserfilm vorgeführt, zum Schluß eine Striptease-show. Die Stripper zogen ihre BVB Trikots aus, während diejenigen, die den Saal doch verlassen wollten, draußen in Bademäntel auf ihre Sachen warten mussten.

Das Festival feierte bis dahin noch Club Fortunas eigene Auffassung von Kunst zwischen Privatleben und Öffentlichkeitsarbeit. Wegen Verwirrung, die sie nun beim aktuellen Festival erzeugt haben, waren die KuratorInnen nicht mehr gewillt dies auch weiterhin anzuerkennen. Von der spekulativen Begegnung zwischen dem Publikum mit gemieteten Strippern - was den dritten Teil des Abendworkshops darstellte - jenes einfach als Gnawz Imaman betitelt - mußte das Festival zu folgender Entschiedung veranlasst haben kein Bild- oder Videomaterial zu veröffentlichen.

Das Problem ist nicht nur die imponierte Zensur, sondern die mangelnde Einbeziehung bei den beauftragten Projekten seitens der Institutionen. Club Fortuna ist nicht irgendein Name, und nicht irgendetwas, das man einfach zu einem Trend hinzufügt. Es ist ein Beispiel kompromissloser Grenzüberschreitung, egal ob formell, biographisch oder performativ.

Club Fortuna hinterfragt ohne jegliche Art der Hemmung die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft und formuliert es immer wieder neu. Club Fortuna nahm in diesem Sinne mehrmals Verantwortung für Aktionen, die nicht nur die Kunst betrafen, sondern die Prämissen der Gemeinschaft, die Umkehrung bureaukratischer Prozesse in opportunistischen Alternativen, oder Schönheit als Zustand und nicht als Besitz.

Dazu gehört der Ankauf Motu Matatahis, einer unberührten Südseeinsel, welche in ihrem natürlichen und wilden Zustand belassen wird, die Produktion der eigenen Währung für die Welt als Ausstellung, oder eine Plakat-Aktion zur ‚Defensive‘: ein Reisebüro zur Weltflucht. Dazu hingen rund um Wien Poster mit Sätze wie ‚Wir schwimmen mit‘, ‚Wir steuern mit‘, ‚Wir denken mit‘, ‚Wir spielen mit‘.

Bei Club Fortuna prallt immer wieder die Logik von Politik, Konsum und Ästhetik aufeinander. Das mag gewaltsam klingen, aber es gibt im Moment wenig, dass sich so feinfühlend zu den Ereignissen der Welt hinzufügt, wie eben die Aktionen von Club Fortuna. Feinfühlend, weil sie den Betrachter dazu zwingen, alle Gesten, die gemeinsam bei ihren Ereignisse entstehen, als Kunst und doch nicht als Kunst zu verstehen. Als Bloßes Leben, also.

Reflektor M: Club Fortuna stellt sich gerne als ein Kollektiv vor dass an der Schnittstelle zwischen Kunst und Lebenshilfe arbeitet. Wie lässt sich das definieren?

Julia: Ich glaube wir sollten den Text auf der Webseite aktualisieren.

(gelächter)

RM: Also diese Schnittstelle ist für euch nicht mehr interessant?

Xenia: Die is halt da, aber wir arbeiten eigentlich so, dass möglichst alle Kategorisierungen wegfallen.

RM: Was für Kategorien vermeidet Ihr?

Xenia: Wir sind, was wir machen.

RM: Ok, gut, wenn da alle Kategorien vermieden werden, wie bezieht Ihr euch auf die von euch ausgewählten Formate, wie zum Beispiel eine Party, ein Musikalbum, einen Kunstpreis?

Xenia: Die Arbeiten entstehen nicht durch die Auswahl von Formaten, sondern unmittelbar aus einer Situation oder Kontext heraus und mit den Materialien, die vorhanden sind. Das, was wir für das Frauenfilmfestival in Dortmund gemacht haben ist ein gutes Beispiel dafür.

RM: GNAWZ IMAMAN in Dortmund hat für überraschende Reaktionen und sogar Zensur gesorgt, was ist da passiert?

Xenia: Ich würde behaupten, das Festival hat sich vorher nie wirklich mit unserem Arbeitsansatz auseinandergesetzt. Sie haben sich wahrscheinlich die Fotos der Dokumentationen angeschaut und gedacht, dass wir gut zum Thema Frauen und Performance passen.

Julia: Also formal betrachtet, finde ich, haben wir eine ganz konventionelle Performance abgeliefert. Wir sind diesmal eigentlich gar nicht aus dem Raster gefallen. Wir haben uns ganz konform verhalten, wie man sich das klassische Performance-Künstlerinnen-Bild halt so vorstellt. Also warum sie diese Performance nicht angenommen haben, können wir nicht beantworten.

RM: Was ist/war denn da los?

Julia: Wir wissen es nicht. Sie kommunizieren nicht wirklich offen mit uns und die Festivalleitung macht erst mal Urlaub.

RM: Aber ihr wart doch eingeladene Teilnehmerinnen.

Julia: Ja, am Anfang war die Email-Kommunikation noch ganz normal. Ganz normale Einladung und Vorbereitung. Wenig Budget und relative Freiheit.

RM: Waren die Stripper das Problem?

Sarah: Naja, die Stripper waren ja nur ein Teil des ganzen Geschehens. Wir wissen nicht, ob sie der tatsächliche Aufhänger sind, oder ob sie uns generell einfach nicht mochten.

RM: Das Thema des Festivals war ja ‚Under Control of the Situation‘. Wie genau ist eure Performance aus den Bahnen geraten?

Xenia: Als alle Teilnehmer im Bademantel und mit dem Fortuna-Brötchen versorgt im Kino platzgenommen haben, starteten wir die Videoprojektion. Diese war, rein technisch gesehen, von sehr schlechter Qualität. 30 Minuten lang hat das Publikum dann einmal trübe Unterwasser Szenen gesehen und zur Entspannung gab es dazu Walgesänge. Nach 17 Minuten hat Sarah im Publikum sitzend dann wie traumatisiert „Du altes Schwein“ gesagt. Dann kam nach ca. 8 weiteren Minuten Tümpel eine kurze Szene aus dem Inneren eines Solariums und dann wieder die braune Wasserlandschaft als Downer bis zum Ende der Projektion.

Sarah: Ich hab schon gemerkt, wie das Publikum langsam ungeduldig und genervt wurde. Für die Meisten war die Projektion natürlich viel zu lang und uninteressant. Ich meine, dass war ja ein Filmfestivalpublikum. Am Ende ging der Vorhang dann zu und die Walgesänge hörten auf. Beethovens Mondscheinsonate erklang und es kamen zwei Männer ebenfalls im Bademantel, wie Zuspätkommende, in den Saal rein und bestiegen die Bühne.

Xenia: Die Männer zogen also zu Beethoven langsam ihre Bademäntel aus und trugen jeweils ein Borussia-Dortmund-Trikot darunter. Just 30 Minuten zuvor wurde Borussia-Dortmund gegen Bayern-München mit 4:1 zerlegt. Insgesamt eine bunte Mischung aus verschiedensten Emotionen. Der Strip-Tease fing also an, und die Stripper versuchen professionell das Publikum weiter zu verführen. Langsam brachten wir die Teilnehmer unseres Workshops einzeln auf die Bühne. Körperlich wurde viel interagiert, eben mit so Spielchen, die Stripper gerne machen.

Julia: Ich glaube es war etwas speziell für die Stripper, aber sie haben es ganz professionell gemacht.

RM: Auf unterschiedlichen Ebenen mussten also alle ein bisschen Kontrolle abgeben, in dem Club Fortuna mit allen Beteiligten alles nur recht abstrakt kommuniziert hat. Wie bei einem Apple Vertrag. Ihr habt euch während der Performance nicht als Club Fortuna gezeigt, sondern seid Teil des Geschehens, als wärt ihr Angestellte des Festivals oder ebenfalls nur Teilnehmer des Workshops. Was jedoch nicht unbedingt stimmt. Ihr marginalisiert euch selbst. Ihr gebt nichts persönliches preis, sondern schaut mit selbstgewählter Entfernung was so passiert.

Xenia: Naja, wir bilden natürlich immer den Rahmen der Situation und können uns deshalb nicht unserer Rolle als Eingeweihte entziehen. Aber darum ging es uns in dieser Aktion auch nicht. Dass wir als CLUB FORTUNA nicht direkt sichtbar sein wollten hatte konzeptionelle Gründe.

Julia: Wir wissen ja nie, was alles so während einer Veranstaltungen passieren wird. Das ist wie bei einem Flirt. In Dortmund haben wir untereinander einzelne Rollen verteilt: Sarah saß im Bademantel im Publikum, Xenia steht als Festivalmitarbeiterin im Saal und verteilte die Fortuna-Brötchen und ich empfing die Besucher vor ihrem Eintritt am Eingang zum Unterschreiben des Teilnehmervertrags.

Anders als bei vielen vorherigen Aktionen, hatte GNAWZ IMAMAN für uns einen recht klaren Anfang und ein zeitlich gesetztes Ende, - dachten wir zumindest, aber unsere Performance scheint immer noch nicht am Ende zu sein.

RM: Wie entscheidet ihr welche Rollen wer übernimmt?

Xenia: Generell immer verschieden. Wir haben keine Art zu arbeiten. Wir haben keine Aufgabenverteilung, und unsere Formationen ändern sich auch andauernd. Momentan arbeiten zum Beispiel noch Claudia Lomoschitz, Georg Geml und Arnold Wilfing bei uns mit.

RM: Wiederholt Ihr die Situationen, auch wenn sie ursprünglich für einen bestimmten Moment/Kontext konzipiert waren?

Xenia: Machen wir nicht.

Sarah: Wir versuchen immer was anderes, für uns interessantes zu machen.

Xenia: Außer unser Talk Programm ‚Gut Sein‘. Das führen es zwar als Format weiter, aber es ist halt jedes mal wieder etwas anderes.

RM: Es ist also ein Prinzip Dinge nicht zu wiederholen?

Xenia: Wir haben kein Prinzip. Tendenziell interessiert uns das, was wir noch nicht gemacht haben.

Julia: Aber dass die Leute vom Festival so reagieren würden, das hätte ich nie gedacht.

Sarah: Es war ja irgendwie schon auch ein Film- und Kunstfestival. Mich würde schon interessieren, was sie von uns erwartet haben?

Julia: Das Festival kriegt doch sicher Fördergelder, damit sie uns einladen, was zu machen und dann erwarten sie von uns, dass wir da einfach irgendwie mitmachen und nebenbei sollen wir akzeptieren, dass sie einfach mal das Bildmaterial von unserer Performance zurückhalten solange sie wollen. Geht gar nicht.

RM: Was habt Ihr dann vom Festival erwartet?

Julia: Ein Orgasmus.

RM: Und als nächstes?

Xenia: Wir versuchen schon seit einiger Zeit die Insel Motu Matatahi zu kaufen. Sie liegt in Französisch-Polynesien im Südpazifik. Im Sommer wollen wir nun wieder mehr Aufmerksamkeit dafür schaffen und Mitkäufer und Investoren gewinnen. Die nächste Episode unserer Talkreihe ist für September geplant und im Oktober gehen wir für die Revolution nach Sibirien.

Das Interview wurde von María Inés Plaza Lazo geführt


Weitere Episoden von CLUB FORTUNA:


Das Interview wurde von María Inés Plaza Lazo, Herausgeberin von Reflektor M, im Cinema Café Wien geführt.

Lektorat von Tobias Dominic Brenner