Das Ausstellungsformat als endlose Schleife – Ein Gespräch mit Marie-France Rafael über Zeit und Raum bei ‚Stop making sense, it is as good as it gets.‘ im BNKR

Ob es sich bei ‚Stop making sense, it is as good as it gets.‘ um eine einzige oder mehrere Ausstellungen im Jahr handelt, ist für den BNKR völlig egal. Hauptsache es passiert etwas. Moment, das klingt zu harsch. Hauptsache ist, die eingeladenen Akteure lassen sich Zeit und machen sich (den) Raum zu eigen, um die Sinnhaftigkeit des Ausstellungsformats in Frage zu stellen.

Marie-France Rafael hat gemeinsam mit dem Film- und Videokünstler An Laphan dieser endlosen Entfaltung eine Form gegeben, in der die Ereignisse, die nacheinander und miteinander stattfinden, dokumentiert werden. Rafael ist die Schlüsselfigur in dieser Konstellation, die im Münchner BNKR glänzt. So wie die auch außerhalb des Kunstbetriebs beliebte, in Berlin lebende Architektin Johanna Meyer-Grohbrügge ein Netzwerk aus Formen und Informationen als räumliches Konzept für den BNKR entworfen hat, erschafft Marie-France Rafael als Kunstwissenschaftlerin und Expertin für mediale Situationen einen Film, der für diese besondere Veranstaltungs-Reihe von Ludwig Engel und Joanna Kamm mehrere Displays bereitstellt. Die Displays bewegen sich zwischen dem Vorspulen von Ereignissen, Zoom-Ins auf die Oberfläche ausgestellter Gegenständen oder der Theatralisierung ihrer Bezüge im Raum.

Der Titel “Stop making sense, it’s as good as it gets.” basiert auf einer Lektüre des Romans Satin Island von Tom McCarthy; fragt man die Macher, ein Bericht über die Unmöglichkeit in der Gegenwart anzukommen. McCarthy’s Erzählung über das Scheitern des Schreibens dient als Spiegel dessen, was hier als eine Darstellung über das Scheitern des Ausstellens verstanden werden sollte. Ich befragte Marie-France Rafael über die Beziehung ihrer und An Laphans Filme zum kaleidoskopischen Programm von Engel und Kamm, die es explizit vermeiden ihre Initiative als Ausstellung zu deklarieren.

RM: Sind eure Filme als einzelnes Kapitel der gesamten Programmlaufzeit zu verstehen?

M-FR: Das was du Kapitel nennst würde ich als Szenen eines Drehbuches beschreiben. Über die gesamte Programmlaufzeit von ‚Stop making sense, it’s as good as it gets.’ bilden die Filmszenen, die An und ich schaffen ein Drehbuch. Dieses ist gleichermaßen im Entstehungsprozess begriffen wie der Film selbst, der sich aus den einzelnen Szenen Stück für Stück zusammensetzt. Alles befindet sich in einem permanenten Prozess der Übersetzung und Transcodierung und fügt sich so zu einem Ganzen zusammen.

In ‚Stop making sense, it’s as good as it gets.‘ spielen alle Beteiligten mit Zeitlichkeiten. Ein Film und eine Ausstellung sind - auch wenn auf sehr unterschiedliche Weise - zeitbasierte Dispositive. Das Projekt entsteht als die experimentelle Ausformulierung der Idee beide Formate zu verbinden, um eine Ausstellung als Film und einen Film als Ausstellung zu machen. Ich arbeite ja mit und über zeitgenössische Kunst auf unterschiedlichen Ebenen: Ich schreibe über sie, ich forsche darüber und ich suche nach neuen Präsentationsweisen, die einen lebendigen Diskurs schaffen. Dieses Projekt ist der experimentelle Versuch, Theorie und Praxis zu verbinden und zu sehen, was unter einem Film als Ausstellung alles möglich ist. Als Film- und Videokünstler ist An Laphan genau die richtige Person, um dieses Projekt gemeinsam anzugehen.

Wenn man sich durch das Programm klickt, entdeckt man wenige Dinge, die zum Ganzen eine sichtbare Verbindung aufbauen. Eher sind es einzelne Momente in ein und demselben Raum: ein öffentliches Gespräch, eine Führung, die Oberflächen der ausgestellten Kunstwerke. Was verbindet die Szenen miteinander?

Die Verbindung findet auf unterschiedlichen Ebenen statt. Zum einen gibt es die konzeptuelle Herangehensweise das Programm ‚Stop making sense, it’s as good as it gets‘ über die gesamte Laufzeit von 18 Monaten zu begleiten – dies aber ohne in einen dokumentarischen Gestus zu verfallen. Zum anderen bildet der Raum des BNKR ein formales Verbindungselement: Einerseits kann man sagen, dass es sich immer um ein und denselben Raum handelt, gleichzeitig aber ist dieser Raum immer ein anderer – etwas passiert mit ihm, der Raum wird immer wieder aufs Neue zu einem anderen. Wie man diesen Umstand nun filmisch vermitteln kann, ist das von An und mir primäre Anliegen; beziehungsweise geht es uns darum, eine kontinuierlich neue und andere Perspektive auf diesen immer gleichen und doch differenten Raum einzunehmen. Die Clips erschließen die Situation als Erfahrung in einem Raum, der stetig variabel ist.

Was passiert in jedem Kapitel?

Im ersten Clip wird der BNKR und die erste Ausstellung von ‚Stop making sense, it’s as good as it gets‘ präsentiert. Der zweite Clip zeigt ein zweistündiges Gespräch auf eineinhalb Minuten komprimiert – ohne dass jedoch Inhalt und Information verloren gehen. Und der dritte Clip erschließt sich filmisch: eine Diskussion über Zeit aus einer räumlichen Perspektive heraus.

Gibt es einen Anfang und ein Ende?

Alles ist im Prozess: Es findet ein permanentes Neuschreiben, fast schon Überschreiben statt, das zu einem immer neuen Anfang und einem alternativen Ende führen kann.

Lässt sich somit sagen, dass wir uns hauptsächlich um die Reflexion über die eigene Zeit drehen?, dass wir uns stetig in einem Reflexionsprozess über die eigene Zeit befinden?

Ja.

Warum ist Zeit so wichtig?

Wir leben in einer seltsamen Epoche, in der das lineare Modell ‚Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft‘ nicht mehr greift. Man braucht neue Strategien und muss neue Zeitstrukturen entwickeln, die angesichts aktueller sozio-ökonomischer Situationen für das eigene Leben, in der Kunst und allgemein anwendbar sind.

Woran erkennt man die Destabilisierung des Linearen?

In der Kunst?

Ja.

Viele Künstler präsentieren in ihren Arbeiten Alternativen einer Gegenwart und stellen so Fragen nach Zeit im Allgemeinen; beziehungsweise setzen sie sich in ihrer künstlerischen Praxis mit neuen Zeitkomplexen auseinander. Chris Marker ist zum Beispiel solch eine Schlüsselfigur oder auch Dan Graham und Pierre Huyghe, um nur wenige Namen zu nennen. Diese Künstler schaffen neue Zeittheoreme: Man muss sich in die Zukunft projizieren, um die Gegenwart zu verstehen, die sich nur retrospektiv aufklärt: als Bild. Das ist was wir mit An Laphan versuchen.

Wie geht man mit dieser Unordnung um?

Ich würde es nicht unbedingt als Unordnung verstehen, sondern vielmehr als ein Neu- oder Andersdenken über Zeit – was dann natürlich auch andere Bereiche des Lebens tangiert. Das meine ich mit der ‚Nicht-Linearität‘; Zeit kann andere Strukturen annehmen.

Wie lässt sie sich dann erfahren, die Nicht-Linearität?

Bei unserem Projekt ist alles im (Entstehungs-)Prozess. Wir gehen quasi von einer extensiven und sich wandelnden Gegenwart aus, die im Werden und im Wiederkehren/Vergehen ist. Das versuchen wir mit filmischen Mitteln (wie Kamerabewegung, Montage, Zeitlupe, Vorspulen, etc.) wiederzugeben. Gleichzeitig kombinieren wir die Zeit des Films mit der Zeit des Programms von ‘Stop making sense, it’s as good as it gets’ – was natürlich gewisse Asynchronitäten mit sich bringt. Wir schaffen also eine Versuchsanordnung einer Raumzeitbeschreibung mit filmischen Mitteln, deren Ziel es ist, anhand der situationsbezogenen Programmreihe immanente Paradoxien zwischen Ausstellung und Filmarbeit aufzuzeigen. So sollen die Dreharbeiten im Mai in einer Ausstellung münden, die – wie auch der Film – kein Anfang und Ende mehr hat.

Sind die Videos also die tatsächliche Ausstellung?

Die Videos entstehen als emergente Ergebnisse eines rekursiven Gestus, der Prozess, Situation und Ort in immerzu neu angeordneten und dynamischen Konstellationen in Zeit und Raum rekombiniert.

Wie kann man mit dem spielerischen Aspekt von Situationen umgehen?

Ich glaube es geht hier auch um die Frage der Ausstellung: Was ist eine Ausstellung im 21. Jahrhundert? Welche Richtungen und Wege kann es geben? Hierfür versuchen wir spielerische Vorschläge zu präsentieren und künstlerische Displays zu entwickeln. Oder: Auf diese Fragen versuchen wir spielerisch mit Vorschlägen und neuen künstlerischen Displays zu reagieren.

Was versteht man als Display in diesem Jahrhundert?

Künstler schaffen Displays im Ausstellungskontext. Dabei handelt es sich nie um ein einfaches ‚Anschauungsfeld‘, sondern um eine Präsentation, die sowohl das Gezeigte als auch die Art des Zeigens zur Anschauung bringt – die ästhetische Funktion des Displays wird mit ausgestellt.

Ist es nötig auf die Konventionen der Ausstellung zu verzichten?

Nicht verzichten, aber mit Ihnen zu brechen. Genau das macht ‚Stop making sense‘, indem das Ganze benannt wird als Programm und nicht als Ausstellung. Wir spielen mit Formaten, Dispositiven und institutionellen Konventionen; und das mittels Brechungen, Anachronismen, Neucodierungen.


Mehr zu Marie-France Rafael und An Laphans Beitrag zu 'Stop making sense, it's as good as it gets.', hier.