Devotionalien, usw. – Diplomausstellung 2017 - Interview mit Veronika Christine Dräxler (DE)

RM: Also, ich verstehe den Witz nicht so wirklich: Wofür stehen die Visitenkarten mit Gemälden der Heiligen Veronika von El Greco, Hans Memling oder Guido Reni? Das letzte hat sogar den schwarzen Strich den du auf deiner Nase immer trägst!

VCD: Tatsächliche haben alle Veronikas auf den Visitenkarten Striche auf der Nase. Bei manchen ist er nur sehr fein und kaum zu sehen. Die Vorgeschichte zu diesen Karten ist auf meinen einmonatigen Aufenthalt in Bogotá bei den Künstlern Nora Renaud und Miltos Manetas zurückzuführen. Wir haben uns dort viele Nächte und Tage über Ikonen des Internets unterhalten. Miltos ist Grieche und untersucht sehr gerne Begriffe und ihre Bedeutungen in verschiedenen Sprachen. Er hat sich eines Nachts mit meinem Namen beschäftigt und mir erzählt, dass dieser sich aus dem lateinischen vera (wahr) und dem altgriechischen εικών (eikōn - Bild, Zeichen) herleitet und so viel wie „wahres Bild“ bedeutet. Ich bin sehr religiös erzogen worden und daher hat mich die Geschichte der Veronika, die Jesus das Tuch reicht und sich daraufhin, aus Schweiß und Blut, sein Gesicht abbildet schon früh begleitet. Der neue Titel,für die Kunstwerke der genannten Maler auf meinen Visitenkarten ist: „Veronika holding the very first selfie.“ Das würde ich gerne so stehen lassen, unerklärt. Und der Strich? Wer mich ein Mal gesehen hat soll den Link herstellen...

RM: Selbstdarstellungssucht ist dein bekanntes Projekt, wo du zwischen Koketterie und Kritik über die Endlosschleife der Selbstbildnisse im Internet schreibst oder auch Künstler um Selbstbeschreibungen bittest. Jetzt geht’s hier nun um dich. Dein eigenes Bild von dir selbst?

VCD: Ich wurde bei Klaus vom Bruch aufgenommen, wegen der Selbstdarstellungssucht. Als ich den Blog angefangen habe, war ich sehr desorientiert. Ich bin zwischen zwei Kulturen und Religionen sehr behütet aufgewachsen und als ich in der Schule das Internet entdeckt habe, ist meine Welt aus den Fugen geraten. Was war falsch? Was war richtig? Selbst Dinge ins Internet zu schreiben, mich mit anderen Künstlern und Kreativen auszutauschen, Ausstellungen anzuschauen und zu rezensieren, war für mich ein Prozess der Identitätsfindung sowie Recherche für die Arbeit „Touch - Ein Ort der Anteilnahme an den Tod eines digital-idealistischen Paralleluniversums - mit der Hoffnung, dass dieses in einer anderen Form reinkarniert“, die jetzt in der Diplomausstellung zu sehen ist. Ich habe lange dagegen angekämpft mich als Künstler zu sehen – habe alle möglichen Jobs angefangen und wieder aufgehört. Aber 2015 hat mich Klaus vom Bruch mit einem Stipendium zur HFG Karlsruhe geschickt. Da ist mir dann doch klar geworden, dass wenn ich eines bin, dann Geschichtenerzähler, am liebsten mit allen Medien die es gibt.

RM: Um was drehen sich jetzt hier die hunderte von Samsungs und die von dir formulierten Memes auf Postern?

VCD: Die Rauminstallation ist mein persönlicher Abschied vom überpräsenten Thema der Digitalisierung. Das Internet hat mir vor 10 Jahren mein Bewusstsein erweitert, aber spätestens seit zwei Jahren, habe ich gemerkt, dass es angefangen hat mein Leben zu fressen. Die Poster sind Notizen an mich selbst, die vielleicht auch andere betreffen. Insgesamt habe ich mich die letzten Jahre mit den Themen Aufmerksamkeitsökonomie und Internetprominenz auseinandergesetzt. Einer meiner Lieblingsbegriffe aus dem Diskurs ist die „Aufmerksamkeitsfalle“. Ich arbeite als Freelancer im Bereich Social Media; Gehöre also doch auch zu den Fallenbauern. Meine Ausstellung dreht sich wie das Samsung-Totem im Kreis um Aufmerksamkeit zu erlangen. Die Kunst ist dabei den Kampf der ästhetischen Erfahrung gegen die Werbeindustrie zu verlieren, bzw. sich wieder in Auftragskunst zu entwickeln.

RM: Sind hier die Devotionalien das Äquivalent von Hashtags?

VCD: Die Devotionalien sind Teil eines Facebook-Calls. Freunde, Bekannte und Interessierte bringen über die Dauer der Ausstellung Objekte, die sie an erste Interneterfahrungen erinnern. Für mich stehen die Devotionalien für die Lebenszeit, die wir an Social Media hingeben um gesehen zu werden. Aber jede Devotionalie hat ihre eigene Bedeutung für denjenigen, der sie abgelegt hat. Manche erzählen ihre Geschichte, manche Schweigen, aber sie sind Hingebung.


Reflektor M macht zum ersten Mal eine Profilreihe zu den Kunststudenten und Professoren der Akademie der Bildenden Künste München – nicht weil es früher nicht interessant genug gewesen wäre, aber dies Jahr zählt man circa hundert Graduierte. Das ist recht viel für eine Akademie, die nur wenige Gastprofessuren anbieten und für das Desinteresse von einigen ihrer Professoren bekannt sind. Es gibt nun genug Platz, in diesem gigantischen Schmuckstück des 19. Jahrhunderts, und eine Menge Potenzial. Hier präsentiert Reflektor M seine Reihe von lang beobachteten, jungen Akteuren einer Kunstakademie, die viel einen stärkeren Austausch mit dem internationalen Netzwerk von etablierten Künstlern, Kuratoren, Theoretikern, Galeristen und Sammlern haben sollte.