"Die alten Herren haben ausgedient, ihre Protestformen sind von Gestern, retten kann uns nur der Feminismus" – Sophia Süßmilch über ihre Malperformance im Belvedere 21, Faschismus und schöne Hodensäcke

In der bayerischen Landeshauptstadt versuchte zuletzt die CSU, eine friedliche Demonstration gegen rechte Hetze zu verunglimpfen und die städtischen Theater an der Teilnahme zu hindern. In Niederösterreich gab die FPÖ bekannt, jüdische BürgerInnen registrieren zu wollen. Wohin mit all dem Braun? Sophia Süßmilch, die in München und Wien lebt und arbeitet, spricht im Interview über den Einfluss politischer Tendenzen auf ihre Arbeit, Hass in den Sozialen Medien und warum uns nur der Feminismus retten kann.

Laura Lang: Sophia, du bist aktuell im Belvedere 21 zu sehen mit einer Malperformance bzw. einer Intervention im Rahmen der großen Günter Brus Retrospektive. Was war deine erte Reaktion, als du dazu eingeladen wurdest?

Sophia Süßmilch: Ich habe gefragt, ob ich dort eine Sauerei veranstalten kann.

LL: Passend zum Titel „Kann ich mal die Braun“ hast du den kompletten Raum im Belvedere 21 mit brauner Farbe überstreichen lassen. Inwiefern ist das als Spiegel der aktuellen politischen Situation in Österreich zu lesen?

Sophia Süßmilch: Braun steht allgemein bekannt für rechte Politik und rechtes Gedankengut. Das ruhige, konzentrierte Ausmalen des kompletten Raumes inklusive Boden und des sich darin befindlichen Bildes ist so zu verstehen, dass die reale Politik in Österreich - in Deutschland übrigens auch, da sitzt die AfD halt (noch) nicht ganz so präsent in der Regierung - Schritt für Schritt ihre für mich menschenverachtende Politik ausübt und wir schauen zu. Jedenfalls die Meisten von uns. Genau dasselbe passiert im öffentlichen Diskurs. Es werden Begriffe wie „Asyltourismus“ oder „Flüchtlingswelle“ verwendet, die ein ganz klares Framing sind in dem Sinne, dass sie Assoziationen freisetzen, die Angst und das Bedürfnis nach Sicherheit auslösen, was Parteien wie AfD und FPÖ für ihre Agenda nutzen. Für das ruhige Ausmalen im Gegensatz zum wilden Ausagieren der Wiener Aktionisten habe ich mich deshalb entschlossen, weil Faschismus eben nicht über Nacht entsteht in einer „Hau-Ruck-Aktion“, sondern Step by step. Erst gibt es ein Verhüllungsverbot, dann werden Gelder in riesigem Ausmaß gestrichen für Inhalte, die den Rechten ein Dorn im Auge sind, z.B. Deutschkurse für Geflüchtete (können wir endlich mal aufhören „Flüchtlinge“ zu sagen), jetzt wird von der FPÖ öffentlich gefordert, dass sich Juden in Niederösterreich registrieren lassen müssen wenn sie koscheres Fleisch kaufen wollen - was letztlich auf das Schächten allgemein und damit auf Muslime abzielt, um Ihnen das Leben in Österreich und die freie Religionsausübung schwerer zu machen. Man denkt sich immer wieder: Ach, so schlimm ist ja alles gar nicht. Hitler ist in kleinen Dosen passiert. Das Ausmalen des Raumes ist im Grunde die Utopie einer faschistischen Zukunft. Das Übermalen des Bildes spielt mit den Aspekten (Selbst-)Zensur, es stellt den Wert von Kunst und Kunstproduktion in Frage. Übermalt worden sind die darauf zu sehenden „Wiener Aktionisten“ Otto Mühl, Hermann Nitsch, Rudolf Schwarzkogler und Günter Brus. Nicht übermalt habe ich mich in der Mitte des Bildes, ich säuge eine Friedenstaube und trage Valie Exports „Aktionshose Genitalpanik“. Die alten Herren haben ausgedient,ihre Protestformen sind von Gestern, retten kann uns nur der Feminismus. Davon bin ich zutiefst überzeugt.

LL: Für das Foto, das die Performance ankündigt – ein Selbstporträt, auf dem du dich mit brauner Farbe bemalst – gab es in den sozialen Medien ganz schöne Kritik: dir wurde „Brownfacing“ vorgeworfen, und „rassistische Kackscheiße“. Kritik von links, an dir als Künstlerin, die ich ebenfalls als links und feministisch bezeichnen würde. Hast du damit gerechnet?

Sophia Süßmilch: Puh, da muss ich natürlich ausholen. Ich habe nicht damit gerechnet, ich hatte irgendwo dennoch eine gewisse Befürchtung. Als ich das Foto gemacht habe war noch geplant, dass sich mehrere Dinge im Raum befinden und ich mich am Ende der Performance auch selbst anmale, dass eben alles angemalt wird. In der Farbe Braun. Das war im Januar. Die braune Farbe steht für mich, wie gesagt symbolisch für rechte Politik. Ich weiß was Black/Brownfacing ist: die Verkörperung einer Person of Color durch eine weiße Person, die sich braun bzw. schwarz anmalt. Das ist hier nicht der Fall. Ich habe überlegt und diskutiert, ob es ok ist das Foto zu machen und zu verwenden und ich habe mich dafür entschieden. Letztlich hat sich die Performance im Laufe der Monate nochmal verändert und alles hat sich auf den Raum und das Gemälde konzentriert, auf dem ich auch selbst dargestellt bin. Es hat für mich dann keinen Sinn mehr ergeben, mich selbst braun anzumalen und auch, dass sich mehr als nur das eine Bild im Raum befindet, fand ich überflüssig. Da war das besagte Foto schon „draußen“ obwohl es als Ankündigung bzw. Andeutung dessen was passiert, nicht mehr so passend war wie zum Zeitpunkt der Entstehung. Unsinnig finde ich es aber nach wie vor nicht im gegebenen Kontext.

"Ich erlebe eine gewisse Unzugänglichkeit für Argumente, da ist so viel Wut!"

Ich kann verstehen, dass es auf den ersten Blick an Blackfacing erinnert. Und dass es missverstanden werden kann wenn man nicht bereit ist, sich den Kontext anzusehen. Und ich kann mir durchaus eingestehen, dass ich darauf hätte verzichten können und sensibler hätte sein können. Dennoch ist es für mich erst mal das Natürlichste der Welt, sich mit Farbe vollzuschmieren, also in einem kindlichen Sinne. Ich habe dies in meiner künstlerischen Praxis auch vorher schon gemacht und zwar in allen Farben. Und ich bin aber kein Kind mehr. Und dann fokussiert sich das final auf die Frage: Wenn ich um die Praxis des Blackfacing weiß, meine Arbeit damit nichts zu tun hat, aber dennoch daran erinnert, ist es ok sich mit der Farbe Braun anzumalen? Ist es generell als weißer Mensch nicht in Ordnung, das im künstlerischen Kontext zu tun, weil es an einer rassistische Praxis erinnert? Ich habe mich offensichtlich in diesem Fall dafür entschieden. Und klar habe ich dann Abwehrgedanken wie: seid nicht so empfindlich. Aber das wird auch zu Feministinnen gesagt und macht mich wütend. Nicht ich bin diejenige, die in diesem Fall entscheidet was verletzend ist, sondern die Menschen, die sich verletzt fühlen. Und natürlich tut mir das Leid und ich habe dazu gelernt. Was ich im Internet halt schwierig finde ist, dass ich oft das Gefühl habe, es ist egal, was ich dazu sage und wie ich argumentiere, ich kann sicher sein, dass mir ein Strick daraus gedreht wird. Ich erlebe eine gewisse Unzugänglichkeit für Argumente, da ist dann so viel Wut - und mir in diesem Fall eine „rassistische, gewalttätige Praxis“ vorzuwerfen halte ich für ungerecht und faktisch falsch.

LL: Während deiner Performance hast du ja auch einen Teil der Arbeit „Mädchen mit Taube (euer Aktionismus hilft uns jetzt auch nicht weiter)“ mit brauner Farbe übermalt, insbesondere die Männer im Bild – Referenzen auf die Protagonisten des Wiener Aktionismus, Matisse und Picasso. Eine Geste der Aneignung, der die Auslöschung der eigenen Referenzen vorausgehen muss?

Sophia Süßmilch: well put.

LL: Was für ein Verhältnis hast du zu den Wiener Aktionisten? Sind sie mehr Vorbild oder Abgrenzungsfläche?

Sophia Süßmilch: Beides.

LL: Für den Zeitraum deiner Intervention // Ausstellung im Belvedere 21 hast du auch den Instagram-Account der Institution gekapert. Auch über deinen eigenen Account ist seit Winter des letzten Jahres eine Art Dauer-Performance zu sehen. In welchem Verhältnis steht deine Präsenz in den Sozialen Medien zur Präsenz des Körpers bei einer Aktion oder Performance in einem realen Raum?

Sophia Süßmilch: Das mit Instagram und Facebook ist schon auch eine sehr klare Präsenz, obwohl es ja eine Lüge ist. In der realen Präsenz bin ich als Sophia anwesend, Social Media ist immer die Verkörperung einer Kunstfigur. Was ich da mache finde ich deshalb spannend, weil ich dann in der realen Begegnung mit den Leuten, die mir da zusehen, erlebe, wie deren Bild von mir ist und was sie auf „mich“ projizieren. Die Performance ist sozusagen eine Art/Life Performance in der die Grenzen zwar für mich klar da und ersichtlich sind, für mein Gegenüber aber natürlich schwieriger zu eruieren. Diese Praxis hat ja Tradition, Linda Montano und Tehching Hsieh waren ein Jahr durch ein Seil aneinander gebunden, Marina Abramovic setzt sich drei Monate quälend in ein Museum etc. Was der Unterschied zu Social Media ist: die meisten Menschen denken, sie wüssten was über dich, glauben, eine Privatperson zu kennen. Die Währung von Social Media heisst Offenbarung. Das ist ob das ein Social Media Team ist, eine Privatperson oder ein Bot. Ein Mensch nutzt Social Media als Tagebuch, ein anderer als PR Maßnahme. Privat und Öffentlich wird vermischt, man muss immer wieder eruieren was was ist und wer die reale, private Person dahinter.

"Durch Social Media ist eine Art von Performance möglich, die du im White Cube gar nicht mehr haben kannst. Da sind alle so: Gähn, Kunst, ist ja gar nicht real, Elfenbeindings."

Durch Social Media ist eine Art von Performance möglich, die du im White Cube gar nicht mehr haben kannst. Da sind alle so: Gähn, Kunst, ist ja gar nicht real, Elfenbeindings. Mich hat es gereizt, diesen Pseudorealen Raum Facebook und Instagram zu nutzen und zu schauen was passiert, wenn ich kein kontrolliertes Bild mehr abgebe, sondern jeden Gedankenfurz einfach raushaue. Es ist wirklich sehr viel passiert. Manches ist toll, anderes macht mir große Angst. Ich habe ja das gemacht was alle machen, ich habe es halt in einem Ausmaß und Sinn verwendet, wie es nicht angedacht ist, wenn man so will. So wie Brus über die Leinwand hinaus gegangen ist in den realen Raum und diesen damit verformt hat, so gehe ich über die sozialen Medien, um meinen Space zu erweitern.

LL: Wie wichtig ist Aggression in deiner Arbeit? Und wie wichtig Humor?

Sophia Süßmilch: Aggression ist zunächst ja mal ein Lebenstrieb und daher für Handeln wichtig. Letztlich geht es mir aber um Dialog und nicht, irgendwem zu sagen, wie Scheiße er oder sie ist, selbst wenn dem so ist. Und Humor ist gewissermaßen ein Eskapismus und gleichzeitig ein Mittel, um schwierige Themen bekömmlicher zu machen und dadurch einen Zugang zu schaffen.

LL: Was wünschst du dir von den Institutionen in Deutschland und Österreich und generell von der Kunstszene?

Sophia Süßmilch: Widerstand und klare Botschaften! Danke Kammerspiele, Danke Volkstheater!

LL: Letzte Frage: die reaktionären Tendenzen in Österreich und Bayern sind Reibungsfläche für deine Kunst, genauso wie eingefahrene institutionelle Strukturen und Machtverhältnisse. Was wären deine Themen, würden wir alle schon im goldenen Matriarchat leben?

Sophia Süßmilch: Ich würde mich auf die Schönheit des männlichen Hodensacks konzentrieren und diese in Ölgemälden festhalten.

"Kann ich mal die Braun?" ist noch bis zum 12. August 2018 im Belvedere21 (ehemals 21er Haus) in Wien zu sehen, die Solo Show "Das Glück der Erde" bei Aa Collections, Wien, noch bis zum 30. August 2018.

Das Interview führte Laura Lang, redigiert von Mira Sacher.