Florian Süßmayrs Selbstporträts – 'Mir ist es tatsächlich egal, was ein Foto und was ein Gemälde ist. Ich sehe nur das Bild. Das Bild muss überzeugen.'

Freizeit ’17. Florian Süßmayr (geb. 1963, in München) stellt bei Rüdiger Schöttle Arbeiten aus, die seit diesem Sommer als Wandtapeten im temporären Hotel ‚The Lovelace‘ funktionieren. Die Doppelungen der Existenz seiner Arbeiten - einmal als eigenständige Werke und mehrmals als integriertes Ornament an den Wänden des Hotels - sorgte für Kommentare.

Es scheint aber Süßmayr keinen Ärger zu bereiten. Als Künstler stellt er sich zur Verfügung für alle mögliche Kooperationen ohne dadurch die Substanz seines Schaffens zu schwächen. Ganz im Gegenteil: Ein Smartphone-Foto dient als Vorlage für ein Gemälde und ein Gemälde als Vorlage für ein Print und dieses Print als Wandtapete. So stellt sich Florian Süßmayr das Dasein eines Kunstwerkes vor; Wiederholung bis in alle Ewigkeit.

Am Kunstwochenende Open Art Munich feiert seine Ausstellung bei Rüdiger Schöttle Eröffnung und das temporäre ‚Grand-Hotel‘ empfängt morgen die ersten Gäste. Dazwischen entstanden ein paar Fragen und diese veröffentlicht Reflektor M jetzt.

Sind alle diese trüben Oberflächen als Selbstporträts zu verstehen?

Ich tauche ja bei fast allen diesen Gemälden auf, es ist aber nicht so, dass ich mich bei allem was ich beobachte selbst erkenne. Diese ist eine besondere Form der engen Wahrnehmung. Es sind nur Silhouetten, Schatten.

Ich habe immer viele Fotos gemacht und mein Leben dokumentiert. Das hier ist Teil meines Archives, der sich ständig erweitert. Die meisten Bilder sind Selbstporträts geworden.

Wie soll man dich da wieder erkennen?

Es wird immer schemenhafter. Als ein Spiel zwischen zwei Ebenen zeigt sich Unklares und Konkretes zusammen. Konkret sind die Kratzer, Fingerabdrucke oder ein Aufkleber.

Die Ausstellung zeigt nicht nur die Gemälde auf Leinwand oder Papier, sondern auch Zeichnungen, wo es figurativ um bestimmte Dinge geht, die zu deinem Alltag gehören. Sind diese auch Selbstporträts?

Sie sind eher autobiographische Bilder.

Was ist der entscheidende Unterschied?

Das Passepartout. Die Platteninnenhülle aus Papier als Passepartout für Zeichnungen, die in Verbindung zu der Musik und einer bestimmten Umgebung entstanden sind. Es sind Sachen gezeichnet, die mein Leben bestimmen. Meine Sonnenbrille zum Beispiel.

Eine Quittung für 22,- Euro einer Taxifahrt…

Genau, ‚Final Taxi Rides’. Ich hab davon jede Menge. Ich bin kein Fahrradfahrer, sondern ein Taxifahrer.

Du bist ein Münchner.

Absolut.

Die Münchner haben es nicht leicht, ne…

Es ist eine restriktive Stadt.

Wie meinst du das?

Es ist schwierig sich außerhalb des Systems als Künstler durchzusetzen. Hier gibt es viel zu viele Prachtflächen und Baustellen.

Du bewegst dich aber gerne zwischen Pracht und Untergrund. Von dem neuen ‚Grand-Hotel‘, wo du 30 Zimmern ausstattest, zu der etablierten Galerie Schöttle und danach in die Boazn.

Ja, unbedingt. Es ist total wichtig, sich eine Offenheit zu bewahren. In allen Bereichen muss man mit Fachidioten zu tun haben. In der Kunst trifft man Leute die sich nur mit Kunst beschäftigen möchten und sich nicht trauen, im Kino ein Blockbuster zu sehen. Von den Filmmenschen haben nur wenige von etwas anderem eine Ahnung als von Film. Theater Leute? Genauso. Die meisten sind nur auf sich selbst bezogen. Ich möchte vom Punk bis zur Oper alles vertreten und gegen eine Ghettoisierung der Kultur arbeiten.

Kriegst du Ärger, weil du auf so vielen Hochzeiten tanzen möchtest?

Erstaunlicherweise nicht.

Wie ist die Kooperation mit ‚The Lovelace‘ entstanden?

Die Idee für The Lovelace war, Wandtapeten aus Bildern zu produzieren, auf denen ich immer auftauche. Entweder ich als Motiv oder Fragmente aus meinen Arbeiten, die mit den Vorhängen ein räumliches Spiel schaffen. Aber es sind hauptsächlich Selbstporträts. Die Zimmer sind jetzt nicht mehr zugänglich und deshalb war mir eine Vernissage im Hotel vor seiner Eröffnung wichtig, um dann bei Rüdiger Schöttle die Arbeiten zu zeigen. In der Galerie kann man die ursprünglichen Bilder sehen.

Hast du die Auswahl allein getroffen?

Ich musste mir zuerst überlegen, ob ich mich daran beteiligen möchte. Damals ging es nicht um die Zimmer, sondern darum, das ganze Hotel mit Kunst auszustatten. Ich hab mich auf die Zimmer konzentriert. Für alle anderen Räume bräuchte man eigentlich einen Kurator. Es gab Leute, die das gerne gemacht hätten, aber The Lovelace wollte sich selbst darum kümmern. Sie haben aber im Nachhinein bestimmt gemerkt, dass es nicht so einfach ist, wirklich gute Ideen zu haben und noch dazu die Leute zu überzeugen, für nichts mitzumachen. Diese Selbstausbeutung….Naja.

Wie ist es dann für dich?

Ich habe mich auf die Zimmer beschränkt. Ich wollte auf keinen Fall Originale an die Wand hängen, denn das wäre zu aufwendig gewesen. Es sind ja 30 Zimmer!

Es war ganz schnell klar, dass es eine gute Chance ist, Miniaturen in Wandtapeten zu verwandeln. Ich habe mir dazu überlegt, dass dadurch etwas Verbindendes zwischen allen Zimmern geschaffen wird. Man hatte nur einmalig die Chance, alle Wände zu sehen ohne unbedingt Gast des Hotels zu sein und dafür gab es eine Vernissage. Es war ungewöhnlich.

Es war exklusiv und dennoch öffentlich. ‚The Lovelace‘ zeigte keine picobello angerichteten Zimmer, sondern eine Baustelle, wo die Lounge chairs noch in Plastikfolien verpackt und die Matratzen noch nicht bezogen waren.

Die Baustelle hatte schon einen Charme.

Ja, schön punk. Ich würde sagen, deine Arbeit hat davon profitiert. Sie hat sich nicht als Teil der Zimmerausstattung gezeigt, sondern autonom im leeren Raum.

‚The Lovelace‘ wollte ja viel früher aufmachen. Es hatte sich alles wegen rechtlicher Prozesse verzögert. Ich weiss aber nicht, ob sie es wirklich früher als morgen es geschafft hätten, das Hotel zu eröffnen.

Morgen!

Ja, die Betten sind schon belegt. Aber jetzt hat man das Gefühl hat, dass meine Eröffnung schon vor zwei Monaten war, und naja.. das ist nicht mein Problem.

Gut. Du sagst es gibt eine Verbindung zwischen allen Räumen. Liegt es an den Motiven? Oder steckt eine bestimmte Narrative dahinter?

Eher Dinge, die den Betrachte im Unklaren lässt, was eigentlich da ist, was man sieht.

Für diejenigen, die deine Arbeiten kennen, ist es klar, es handelt sich um abgedruckte Fragmente deiner Gemälde.

Ja, aber der Unterschied ist, dass meine Silhouette immer mit drauf ist. Deshalb spreche ich von klaren und unklaren Verhältnissen. Im Booklet, das dazu erschienen ist, erkennt man die Formen und den größeren Zusammenhang.

Bilden dann die Zimmer ein einziges Oeuvre?

Es gibt Bilder, die extra für die Räume entstanden sind, wie zum Beispiel die Gartenpflanzen. Es gibt aber auch Abbildungen von Arbeiten, die schon Jahrzehnte alt sind.

Es sind teilweise auch ungemütliche Bilder und nicht unbedingt welche, die ein kuscheliges Ambiente erzeugen. Es gibt Bilder, wie die von einer Menschenmasse auf einer Manifestation. Warum gerade das?

Menschenmassen gehören zu einer ganzen Serie, wo ich den Menschen als Ornament zeige. Interessante Massen findet man überall; von der Straße bis zum Stadion.

Oder auch jetzt bald im 'Grand-Hotel'?

Ich wollte schon nicht nur Palmen abbilden, sondern auch Motive, die auf die Gegenwart Anspruch haben. Proteste dürfen dabei häufiger vorkommen.

Menschen als Individuen hast du auch jetzt bei Rüdiger Schöttle ausgestellt.

Meine Nachtleben-Gang, ja.

Daraus erkenne ich alle Gesichter und sie schmücken die Räume, wo immer ich in München nachts unterwegs bin. Aber da ist der Mensch wieder Mensch und kein Ornament mehr.

Das sind Porträts, das ist etwas was ich immer machen wollte. Porträts waren die erste Aufgabe beim Lernen, wie man zeichnet. Erst für meine erste Ausstellung habe ich Architekturbilder aus dem zerstörten Bayreuth gezeigt. Seitdem tauchten jahrelang keine Menschen auf meinen Gemälden auf. Erst wieder als Masse, zehn Jahre später. Inzwischen entwickelt es sich für mich in die andere Richtung.

Bist du sentimental geworden?

Unterschiedlich. Es sind Menschen, die ich kulturell interessant finde. Musiker, Künstler, Filmemacher. Freunde sind am schwierigsten zu porträtieren, weil Ähnlichkeit eine so große Rolle spielt. Je besser man jemanden kennt, desto kritischer werde ich mit denen und mit mir selbst. Aber es gibt auch Leute, die ich einfach so attraktiv finde. Ich habe früher viele Friseur-Models gemalt, die für den Wartesaal im Friseur-Salon gedacht sind. Dieser Glamour.

Ja, was ist das denn?

Keine Ahnung, die gucken so. Sie versuchen immer ein Geheimnis zu schaffen und meistens gelingt es.

Aber das ist nur Oberfläche.

Ja klar ist es nur Oberfläche. Aber das ist ja egal. Sie sind eine wichtige Inspirationsquelle für mich.

Heute hängen in der Galerie meistens Bilder aus deinem Smartphone. Ist es hauptsächlich eine Auseinandersetzung mit den Bildern und Geräten, die du zur Verfügung bekommst?

Ich habe früher die Fotografie als Fotografie ein bisschen ernster genommen. Bevor ich angefangen hatte, handwerklich an dem Bild zu arbeiten, das heisst, mehr zu zeichnen als sonst, habe ich nur fotografiert.

Damals habe ich mir Mühe gegeben, Dias zum Profilabor gebracht. Irgendwann war es dann egal und ich habe die Fotografien nur als Vorlage für meine Gemälde gebraucht und die Negative in den Drogeriemarkt gebracht. Dann waren die Filme nicht mehr so wichtig, weil das Handy da war. Natürlich war die Qualität der Bilder aus den ersten Mobiltelephonen wahnsinnig mies. Mit dem iPhone ist es total ok.

Also das Gerät, mit dem du das Bild schiesst, war immer egal?

Ich versuche, Fotos und Gemälde einander anzugleichen. Ich mag, wenn Gemälde aussehen wie Fotos und Fotos wie Gemälde. Das gelingt nur, indem ich Bilder erzeuge, die einem zunächst einmal als ungeeignet für Malerei vorkommen; auf denen eigentlich nichts drauf ist. Eine Wand. Ein Schatten. Das war’s. Man weiß nicht genau was das ist, obwohl die Fotografie sehr klare Abbildungspositionen annimmt. Ich mag undeutliche Dinge.

Heute scheint es aber wirklich egal zu sein. Der Wert der Kunst wird ja nicht primär durch Handwerk definiert.

Mir ist es tatsächlich egal, was ein Foto und was ein Gemälde ist. Ich sehe nur das Bild. Das Bild muss überzeugen.