Gregor Hildebrandt: Was macht Deutschland heute für die Kunst eigentlich so anders, so attraktiv? – nicht lektoriert

1 Standort Deutschland für die Kunst. Was fällt Ihnen / Dir spontan hierzu ein? Wo sind Stärken, wo Schwächen? Gibt es etwas Spezifisches?

Für die Kunst ist Deutschland ein guter Standort: es gibt sehr viele Museen, Kunsthallen, Kunstvereine, kommunale Galerien, private und kommerzielle. Sicher kommt es daher, dass es hier ein verstärktes Bewusstsein und Interesse an Kunst gibt. Bei den eben genannten Kunstvereinen kann man schon von etwas Spezifischem sprechen. Es sind ihrer ca. 300 an der Zahl und sie finanzieren sich hauptsächlich durch ihre Mitglieder. Als Schwäche anzusehen wäre, wenn man so möchte,dass es bei diesen vielen Austellungsmöglichkeiten zu Wiederholungen kommt. Ein Vorteil wieder rum ist es, wenn man sich zu Mehreren zusammen tut, um höhere Kosten besser zu bewältigen, und man lässt eine Show wandern, so dass diese von mehr Besuchern gesehen werden kann. Oder man zeigt bestimmte Ausstellungen gar mehrere Male an verschiedenen Orten.

2 Welche Faktoren sind für Sie/Dich bei der Entwicklung des Werks oder der Arbeit – auf mentaler und diskursiver Ebene – als auch in Hinblick auf die realen Produktionsbedingungen wichtig? Beispiele?

Wichtig für mich ist, dass meine Arbeit international ausgerichtet ist, aber trotzdem Resonanz an dem Ort findet, wo ich sie realisiere. Als Kurator muss man auf aktuelle und für das Publikum relevante Fragestellungen eingehen, egal ob man dies mit neuen Arbeiten oder mit historischen Gegenständen umsetzt. Die Aufgabe besteht dann darin, Wissen zu produzieren, das nicht nur im Ausstellungsformat greifbar ist, sondern auch in Form von Publikationen oder Online-Plattformen sichtbar wird und nachhaltig zugänglich bleibt.

3 Wie wichtig sind Ausbildungsorte, diskursive Plattformen, Räume und/oder Institutionen für den eigenen Werdegang? Beispiele?

Das ist sehr unterschiedlich. Meistens aber zögere ich alle Entscheidungen so lange heraus, dass es zeitlich (sieht man auch hier bitte jetzt beim Beantworten der Fragen) gar nicht mehr entspannt zugeht. Gebe ich beispielsweise eine Granitplatte in Auftrag, deren Herstellung einen Monat in Anspruch nimmt, dann kann ich mich meistens erst dann dazu durchringen, wenn tatsächlich nur noch ein Monat Zeit bleibt. Aber ich habe auch ein ganz tolles Team, das alle Termine wie zum Beispiel Deadlines für Transporte im Blick hat. Ich darf nur nicht zu viele Baustellen aufmachen. Zudem mache ich alles nacheinander.

Was die Produktionsbedingungen angeht, verhält es sich so dass, wenn ich eine bestimmte Idee habe, ich es irgendwie durchziehe, gegen jede Vernunft und ohne Rücksicht auf Verluste. Meistens trägt mich das dann bis zur Ausstellung.

Zur Zeit lasse ich gerade Segel aus Kassettentonband (bespielt mit See-thematischen Stücken) weben. Hierfür arbeiten wir auch zusammen mit einem Segelhersteller aus Greifswald. Die Segel werden auf einen bestimmtes Boot hin zugeschnitten, welches man dann chartert, um nach Tel Aviv zu segeln. Dort habe ich am 26.10. meiner Ausstellungseröffnung in der Galerie Sommer Contemporary Art. Beide Segel - linkes und rechtes - werden dann, in welchem Zustand auch immer, an den Wänden das Ausstellungsraums angebracht werden.

4 Inwiefern haben sich die Produktionsbedingungen und -mechanismen in den letzten Jahren verändert und inwieweit hat dies Deine/Ihre Arbeit beeinflusst?

Der Ausbildungsort kann durchaus die Basis sein. Man hat ja nicht nur im Idealfall einen Arbeitsplatz, den man sich mit relativ Gleichgesinnten teilt, sondern eben auch eine damit verbundene Struktur, was nicht zu unterschätzen ist. Es entsteht ein Austausch und man kann leichter zueinander finden, zum Beispiel in der Klasse, in der Akademie und von da aus zu anderen Kunsthochschulen. Weiterhin kann der Ausbildungsort schon auch eine Reputation darstellen: xy hat da und da und bei dem und dem studiert, was immerhin schon mal impliziert, dass xy von da und da und so weiter für gut befunden wurde. Durch die Verbindungen, die sich ergeben, vom Ausbildungsort hin zu Stipendien und Institutionen, lässt sich unter Umständen als Student profitieren.