Profile: Madison Bycroft – The Mollusk Theory: Soft Bodies

  • 25.09.2018

Mag sein, dass es eines der konsequentesten Ereignisse darstellt, dass im Zuge des Abschiedes der Galerie EXILE von Berlin, Madison Bycroft mit ihrer Performance ‚Mollusk Theory: Soft Bodies‘ eingeladen wurde. Wenn ernst zu nehmende Reflexion über Kunst der Beschwörung eines Ortes den Rücken kehrt, mag das gelegentlich anachronistisch erscheinen. Allein die Verschiebungen, Abbreviaturen zielen auf Bewegung, die dem Verlässlichen, Evidenten dort auflauern, sich in Selbstreproduktionen zu ergehen. Die Performance der 1987 in Adelaide geborenen, zwischen Paris und Rotterdam lebenden Madison Bycroft ist genau dort angesiedelt, wo Greifbares in ein anderes Begehren übergeht.

‚Theorie der Mollusken: Weiche Körper‘ (Mollusk Theory: Soft Bodies), der Titel dieser Performance und seine Genetivkonstruktion, halten eine bestimmte Unschärfe bereit. Ist es eine Theorie - eine Wissenschaft - über Mollusken, die weichen Körper, was uns Bycroft liefert, oder sind es die Mollusken selbst, die weichen Körper, die auf die Wissenschaft übergreifen? Die Einlassung auf die Unschärfe dieser Konstruktion, in diesen undeutlichen Zwischenbereich ist es, in den uns Bycroft mit dieser Performance hineinwebt, hinüberfließen läßt.

Es war immer schon das große Wissenschaftsideal, im genetivus objectivus das zu finden, was der genetivus subjectivus bereithalten mochte, dass das Verstehen der Dinge eben auch die Dinge des Verstehens sind und umgekehrt. Bekannt hierfür und zu einer recht komplexen Lösung gekommen ist Immanuel Kant, indem er das Objektiv scharf gezogen hat. In den a priori Kategorien, Raum und Zeit, schaffte er ein festes Fundament. Seine Kritiken führen dieses Hin-und-Her der beiden Genitive hübsch vor. Aber, ist dieses Wissen oder dieses Wissenkönnen in allen drei Fällen der kantschen Kritiken das, was wir wissen wollten? Wenn es so gewesen wäre, hätte die ganze mühevolle Geschichte ein wunderbares Ende finden können.

Nicht an den Anfang, aber an ihn anschließend, stellt Bycroft Reflexionen über den Anfang an, versucht nachzuvollziehen, was sich dort am Anfang ereignet hat. Sie begibt sich an den Ort ihrer Entstehung, ihrer Zeugung, einen Strand, an dem Mutter und Vater sich begegneten, sich angezogen voneinander fühlten, näher kamen, ohne den sie, Madison Bycroft, nicht wäre und ohne den viele andere Umstände sich nicht bedingten. Nur, Mutter und Vater hatten auch Mutter und Vater und der Vater vom Vater hatte eine Mutter und die Mutter von der Mutter hatte einen Vater und weiter... und weiter... Bycroft gleitet in ihrem Stammbaum hinein, erzeugt aus eingespielten Loops und weiterstrickender Erzählung einen Klangteppich der Verbindungen und Verwirrungen der Geschlechterfolgen. Alles spielt sich weiter in unendlichen Variationen in den Zeiten, den Orten und vor jeden Anfang ließe sich ein weiterer setzen und es entsteht einer infiniten Reihe von Begegnungen, Körpern, von Ursachen und Wirkungen. Eine klare Perspektive zur Theoriebildung verschwimmt im Nebel der tiefen Vergangenheit.

Was sich noch an diesem Strand abspielt, bebildert und orchestriert durch die romantische Begegnung ihrer Eltern, ist das jährliche Treffen tausender Tintenfische; der Tintenfisch, aus dem, als der ‚spezifischen und rätselhaften‘ Molluske, Bycroft exemplarisch ihre Theorie der Mollusken entwickelt. Aus dieser distinkten Form des Erkenntnisobjektes läßt sie die Greifbarkeit entschwinden, in Hinsicht der Zeit wie des Ortes. Die Verbindung zur Mollusken richtet sich dann auf das Auffinden gemeinsamer Vorfahren, den Würmern, und macht sich an einer Lücke fest, dem coelum, einen diese auszeichnenden Körperhohlraum und das Verhältnis zu den Mollusken und Tintenfischen läßt sich über diesen Raum, den leeren Ort herleiten, den Körperöffnungen.

Madison Bycrofts Performance oszilliert zwischen der Logik nachvollziehbarer Didaktik und dem der nichtnachvollziehbaren Eigenlogik der Mollusken, einer Schwerkraft folgend, die sich in einem wissenschaftlichen Vakuum einnistet. Einerseits ist da der Tisch, darauf ein Computer, ein Mikrophon und Videoprojektor, das Setting eines seriösen, wissenschaftlichen Vortrages, und dann, diesen auflösend, ein ohne Ordnung aufgehäufter Kleiderhaufen. In und aus diesem schöpft Bycroft immer neue und andere Identitäten, die, wie sie entstehen, in andere übergehen, nur kurz Halt machen, um weiter zu transformieren, eine Perspektive aufkommen lassen, um in anderen zu verschwinden. Sie begibt sich auf die Ebene permanenter Mutation, auf der sich die riesige Ansammlung von Tintenfischen befindet, ineinander, auseinander fließend, Formen annehmend, Formen verlassend, ein Spiel der Masken, ein Karneval, ein Rave.

‚limbs are flying everywhere, and bodies move across each other. It is slimy, its slippery, its very sexy.‘

Es ist das Performative selbst, nicht seine Beschwörung, das einen Strudel erzeugt, aus Raum und Zeit zu entrückt, sich aus einer Welt hinausbewegt, die durch Echt- und Richtigkeit verklammert wird und in jeder aufkommenden Greifbarkeit, Ungreifbares zum Erscheinen bringt. Dass sich die überhebliche Selbsterwähltheit des Menschen über die Welt vor die Schwierigkeiten ihres Erkennens schiebt, muss nicht damit beendet werden, der Selbstbestimmung einen Abbruch zu tun, auch wenn diese vom, am Substantiellen festhaltenden Verstand und maskulinen Behauptungsritualen entfernt liegt. Baycroft formuliert die Fragestellung neu:

‚But how theorise the overflowing propulsion? this abstract orgasm, this transcendental fiddling? (...) if there exist intimate links between themes of the carnival and the putting of kings, then our talking must escape the royal court. We need a theory that spils the king a trick. an untheorisable doctrine that spills into royal treason. But how pedagogogicalise the apedagogical.‘

Dass sich Erkenntnisinteressen mit Machtinteressen verbunden, gepaart und in eins gesetzt haben, läßt sich nicht als neu bezeichnen. Dies aber dahingehend zu transformieren, den Kanon dieser Wissenskonstruktionen auszusetzen, weil er sich in selbstwiederholenden Handlungsabläufen - Macht generiert Macht - reproduziert, ist ein seltsam ungewohnter Gedanke, der von der Gewohnheit herrührt, am nichtwidersprüchlich Selbstverständlichkeiten festhalten zu wollen. Bycroft führt Paradoxe auf, deutet auf Gegenläufigkeiten, sie spielt in allem mit den Leerstellen.

Im Ganzen wäre es falsch, sich etwas in der Richtung vorzumachen, dass die eingezogenen, wissenschaftskritischen Linien den Kern von Bycrofts Narrativen ausmachen würden. Diese Linien erscheinen bei ihr als anachronistische, ritualisierende Rudimente maskuliner Machtspiele, die sich am Rande abspielen und vielleicht als Bilder aufleuchten, anhand derer Bycrofts Annäherungen an Theorie unter anderem ansetzen, sich aber längst in weitergeführten Momenten artikulieren. Theoriebildung ist in ‚Mollusk Theory‘ verbunden mit ‚the minimal link of a thing in common‘ und das befindet sich auf meist körperlicher Ebene oder damit zusammenhängenden Verbindungen. Spricht man von Einfühlen, ist das zu wenig, von einem imitierenden Einfühlen, ergibt sich eine Annäherung, letztlich verschiebt sich das Ganze in den Zusammenhang emotionalen, femininen Begehrens und zwar am Femininen selbst.

‚In order (...) to understand the mollusk (...) I stick my molluscy tongue (...) into (...) a vulva.‘

Das Erkenntnismögliche ist an die Einlassung auf das Performative selbst gebunden und damit an geschlechtsspezifische Verhaltensmuster:

‚Performance of masculinity? The non-performative penis is overcome with performance anxiety, and the heroes are dragged away by their self esteems (...).‘

Madison Bycroft entwickelt ein Gegenbild. Das zieht sich selbst aus den Strukturbeziehungen von Konstruktionen zurück. Die Performance entsteht aus der Auflösung der Substanz, dem Zeigen seiner Belanglosigkeit und zielt auf eine ganz andere Art des Erkennens - dem femininen Begehren.

Im Zuge von „À Cris Ouverts“ (‚Eine offene Krise‘) befragen die Kuratoren der Biennale von Rennes, Céline Kopp (Direktorin von Triangle France, Marseille) und Étienne Bernard (Direktor von Passerelle centre d'art contemporain, Brest), den Dialog über den Bruch mit Systemen als Formen von Ordnung, Normativität und Konvention - u.a. mit der Teilnahme von Madison Bycroft.


"À CRIS OUVERTS" 6TH EDITION OF LES ATELIERS DE RENNES - CONTEMPORARY ART BIENNALE Sept. 29—Dec. 2, 2018 Eröffnung am 28 September, 6:30pm

Teilnehmende Künstler

Terry Adkins (1953, Washington–2014, New York); John Akomfrah (b. 1957, Ghana); Oreet Ashery (b. 1966, Israel); Jean-Marc Ballée (b. 1966, France); Richard Baquié (1952, Marseille–1996, Marseille); Julie Béna (b. 1982, France); Meriem Bennani (b. 1988, Morocco); Raymond Boisjoly (b. 1981, Canada, Haida Nation); Pauline Boudry / Renate Lorenz (b. 1972, Switzerland / b. 1963, Germany); Sonia Boyce (b. 1962, Great Britain); Madison Bycroft (b. 1987, Australia); Volmir Cordeiro (b. 1987, Brazil); Julien Creuzet (b. 1986, France); Jesse Darling (b. 1988, Great Britain); Enrico David (b. 1966, Italy); Virgile Fraisse (b. 1990, France); Kudzanai-Violet Hwami (b. 1993, Zimbabwe); Katia Kameli (b. 1973, France); Corita Kent (1918, Fort Dodge–1986, Boston); Yves Laloy (1920, Rennes–1999, Cancale); Anne Le Troter (b. 1985, France); Basim Magdy (b. 1977, Egypt); Paul Maheke (b. 1985, France); Barbara McCullough (b. 1945, United States); Senga Nengudi (b. 1943, United States); Sondra Perry (b. 1986, United States); Jean-Charles de Quillacq (b. 1979, France); Kenzi Shiokava (b. 1938, Brazil); Wu Tsang (b. 1982, United States); Mierle Laderman Ukeles (b. 1939, United States); Erika Vogt (b. 1973, United States); Dan Walwin (b. 1986, Great Britain).