On Munich Off: Jessica Dettinger – Form of Interest

OFF - ein Begriff, der die jüngste Kunstszene polarisiert. Mal als Trend, mal als Orientierung der künstlerischen Praxen in der Stadt. Manche brauchen den Begriff, um einen querformatigen Überblick über die von Künstlern betriebenen Ausstellungsräume zu schaffen, manche wollen diesen Überblick nicht.

Wir befragen die Modedesignerin und Künstlerin Jessica Dettinger zu dieser Dichotomie.

Reflektor M: Wo soll man mit seiner nicht etablierten künstlerischen Arbeit hin?

Jessica Dettinger: Mein Professor hat immer gesagt, “Jessica du musst raus mit deiner Arbeit - sich im Atelier zu verstecken ist nicht Sinn und Zweck”. Egal bei welchem künstlerischen oder kreativen Prozess, es ist eine Abarbeitung des eigene Ich’s, der eigenen Vorstellung und Vision - bewusst oder unbewusst. Die Kunst wird durch die Umwelt informiert und inspiriert, um im gleichen Zuge wieder auf sie einzuwirken.

Es braucht die Resonanz des Publikums um dran zu wachsen. Als Kulturprodukt ist Kunst die Erschaffung von Welt. Dazu gehört sicherlich Mut - Zuversicht und auch eine Portion hilfsbereite, motivierende Menschen um einen, die dies schätzen, fördern und unterstützen.

Dennoch glaube ich, dass das digitale Zeitalter längst auch den Raum für Kunst demokratisiert hat. Die eigene Initiative und das persönliche Engagement ist hier sehr wichtig und entscheidend. Nicht warten, sondern machen. Die Stadt - Nichtorte - Leerstand (temporäre Orte) bieten genug Platz in Interaktion mit Künstler und Betrachter bespielt zuwerden. Kommerzielle Galerien sind mir hier oft schon zu tot - zu glatt wie Byung-Chul Han es in seinem neusten Buch beschreibt. Kaum definiert bietet der Bereich der “Off Galerien” genau das richtige Konzept - rough und formbar.

Die Idee, Kunst in nicht etablierten Räumen auszustellen - die ein Maß an Experiment und Laborsituation zu lassen - ist für mich die Zukunft.

RM: Und wie trennt man die Kunst von anderen Tätigkeiten?

JD: Kunst stellt für mich eine Tätigkeit dar, die auf Wissen, Wahrnehmung, Vorstellung, und Intuition basiert. Der Sachverhalt einer nonverbalen Kommunikation. Das klassische Design, als Form einer anderen Tätigkeit, ist eher darauf bedacht Fragen zu beantworten. Eine gezeichnete Linie oder ein konzeptuelles Werk erzählt viel mehr darüber wie ein Mensch sich im Kontext der Welt sieht und verortet.

Viel zu sehr wird unter Kunst verstanden “etwas gut zu können” - das mag in der Vergangenheit, bei den großen Malern so gewesen sein - aber nach meiner Ansicht ist diese Denkweise nicht mehr zeitgemäß. Was Kunst sicherlich trennt von anderen Tätigkeiten, ist, dass sich Auseinandersetzen (oft) mit einen biografischen konstruierten Hintergrund des jeweiligen Subjekts.

RM: Mode, Design, Bildende Kunst: Wie ergänzen sich die Aspekte der drei Berufsfeldern bei dir?

JD: Wann ist Mode und wann ist Kunst? Definiert man Kunst im engeren Sinne als Tätigkeit eines kreativen Prozesses ohne eindeutige festgelegte Funktion - lässt sich hier schon ein gravierender Unterschied feststellen. Design sollte nach meiner Ansicht, immer einen eindeutigen Zweck erfüllen - sei er auch noch so philosophisch, gerade in einer von Konsum überfluteten Welt ist das die Verantwortung eines Designers. Ich selbst bewege mich hier im Spannungsfeld meiner eigenen Designwelt als freie Modedesignerin und Künstlerin mit konzeptuellem Hintergrund und der Fremdbestimmung von außen. Leider stellt man fest, dass auch Kunst mittlerweile aus dem Konzept der Selbstreflektion gehoben wird und auf dem Kunstmarkt funktionalisiert wird - darum löst sich der Aspekt hier auf.

Die Berufsfelder mischen sich für mich und lassen sich nicht klar trennen, da sie sich gegenseitig ergänzen und entwickeln und auf Selbstreflektion im Abgleich mit der Umwelt basieren. Da Mode mehr als Kleidung ist - kann dies auch auf diesen Bereich übertragen werden, sobald die konzeptuellen Aussage von der Funktion des Marktes entkoppelt wird. Für mich geht es viel mehr um eine Art “cultural study” in der sich Design, Kunst, Medien, Mode und Wissenschaft beeinflussen.

Das Ergebnis oder Produkt, welches als Sinn geschaffen wird sind Kulturprothesen, die in ästhetischer und inhaltlicher Hinsicht darauf verweisen was Menschen zu welcher Zeit zu welcher Epoche bewegt. Mode ist nichts anderes, als eine performanceartige Installation. Die Kleidung wird zum Objekt, welches als Teil einer Installation (Laufsteg - Video - Editorial) verbildlicht wird. Die Übergänge der einzelnen Disziplinen sind dadurch fließend und kaum fassbar. Diese Grundaussage beinhaltet auch der Name meines Labels “FORM OF INTEREST.”, sich zu interessieren egal in welcher Form durch welches Medium es verbildlicht - versinnlicht wird.

RM: Kollaboration, ein Begriff, der das ‚OFF‘ an sich bezeichnen könnte. Wie würdest du Kollaborationen in deiner Umgebung beschreiben oder beurteilen?

JD: Die Art und Weise sich durch Kollaborationen zusammen zuschließen, ist genau das was mich an “Off” Interessiert und was ich bei “FORM OF INTEREST.” praktiziere. Das Nichtwissen - das sich aufeinander einlassen bringt neues hervor. Nach meiner Erfahrung - sind die sozialen Medien hierbei sehr wichtig. Sich vernetzten - Menschen kennen lernen. Manchmal frech und fordernd manchmal einfach nur dankbar. Kollaborationen können nur stattfinden, wenn man eben sich sichtbar macht. In München finde ich gibt es eine kleine Szene an Kreativen, die sich unglaublich engagieren - obwohl die Stadt hier sehr hinderlich ist (vielfach).

Natürlich könnte man nach London schauen oder New York und muss feststellen - dass hier in München viel zu wenig passiert. Aber diesE Herangehensweise hindert einen ja nur. Entweder man ist mutig und macht mit den Gegebenheiten das Beste daraus oder man geht.

Was ich aber feststellen muss ist, dass sobald Erfolg und Status wichtig werden, es immer schwieriger wird die Leichtigkeit einer ungezwungen Kollaboration zu etablieren. Der Tod jeder Kollaboration ist das eigene Ego.