Paul Sochacki: Was macht Deutschland heute für die Kunst eigentlich so anders, so attraktiv? – nicht lektoriert

1 Standort Deutschland für die Kunst. Was fällt Ihnen / Dir spontan hierzu ein? Wo sind Stärken, wo Schwächen? Gibt es etwas Spezifisches?

Du sprichst in deinem Text vor allem mediale Orte der Reproduktion und Verteilung an und diese changieren stets rhizomös zwischen einem Lokalen und Globalem, das einen physischen Ort mit immateriellen Ebenbildern und Werten hat.

Das was meist mit Kunst gemeint ist, hat selten ein lokales Anliegen - ausgenommen das innigste Künstler/-innenego und dessen Nahversorgung - und speist sich aus disziplinären Metainteressen und ihren Makroökonomien, die in ihrer ästhetischen Ideelogie unweit gestreut sind. Insofern sticht Deutschland als Produktionsort durch politische und ökonomische Privilegien hervor. Als Land scheint es aber zu jenen zu gehören die sich über Herkunft, Ursache und Wirkung wesentlicher Privilegien nicht bewusst sind. Da haben Kriege und Wiedervereinigung einiges durcheinandergebracht und es war von sich selbst zu ergriffen um auf das ganze, globale, das sich formt zu schauen. Anders als in zahlreichen Metropolen, wo Vielfalt von Ideentitäten ein Bewusstsein hervorbringt ist im christlich geprägtem Zentrum Europas reformierte Kleinlichkeit formlos zu Gesellschaft erstarrt.

Insofern empfinde ich Deutschland als Produktionsort wenig an sich inspirierend, aber erschreckend genug.

2 Welche Faktoren sind für Sie/Dich bei der Entwicklung des Werks oder der Arbeit – auf mentaler und diskursiver Ebene – als auch in Hinblick auf die realen Produktionsbedingungen wichtig? Beispiele?

Das künstlerische Werk eine warme Seele ohne Hülle und Verständnis. Blickt es dich an, wird dein Körper heiss und deine Glieder erröten, duften nach Flieder und singen im Chor. Die Arbeit ist die wahre Erholung vom Urlaub, stets mit Schlafzimmerblick, ein seidenes Kopfkissen im Bauch. Realität kann sich keiner leisten.

3 Wie wichtig sind Ausbildungsorte, diskursive Plattformen, Räume und/oder Institutionen für den eigenen Werdegang? Beispiele?

Sie sind das kulturelle Krönchen des westeuropäischen Wohlstands. Als ich aus Polen nach Deutschland kam empfand ich die Schulzeit und das Kunststudium materiell sowie hinsichtlich zahlreicher Freiräume als extremes Privileg. Inhaltlich hielt sich das in jedoch Grenzen. So fand ich es schlussendlich erschreckend wie viel Energie in Repräsentation gesteckt wird - und somit auch nicht in eine greifbare Realität. Die Kunsthochschule an der ich studierte war dank ihrer Größe und Interdisziplinarität relativ differenziert und offen. Dennoch fand das oft interessantere Bildungsprogramm in frei organisierten Projekten und einigen Kunstinstitutionen statt. Es ist in einer Stadt wie Berlin jedoch etwas traurig das viele inhaltlich anspruchsvolle Projekte im kleineren aber auch größeren Maßstab gezwungen sind mit einem Privatwirtschaftlichen Zoo um Aufmerksamkeit und Besucher zu konkurrieren. An letzterem Ort wird bei Almosengetränken über Gentrifizierung lamentiert.

4 Inwiefern haben sich die Produktionsbedingungen und -mechanismen in den letzten Jahren verändert und inwieweit hat dies Deine/Ihre Arbeit beeinflusst?

Wenn es um die bloße Kunst und ihre Systeme geht verändert sich strukturell prinzipiell wenig. Moden, Medien, Techniken, Gelder kommen, gehen und wechseln einander in ihrer Form ab. Als kleineres Abbild einer mehr oder minder breiten Gesellschaft die sich verändert, ändert sich auchdie Kunst diskret. So hat sich ästhetisch nach und nach auch eine Differenz zwischen West und Ostblock in Europa gemildert. Anders als hier gibt es wesentlich drastischere gesellschaftliche Entwicklungen auf anderen Kontinenten und ich bin gespannt was sie bei gegebener Zeit hervorbringen und ob es hier verstanden wird.

Veränderung jeglicher Art findet schnell ihr Ebenbild in Kunst. Da aber in jüngerer Zeit Technologie und Digitalizierung sprudelten ohne jedoch gesellschaftliche Neuerung hervorzubringen, bleibt auch das Kunstsystem wenig verändert, nur ein wenig beschleunigt. Es ist eher der Fall, dass wenn jemand ein geniales Konzept hat, es anderswo als in der Kunst unbekannte Wege geht und baut. Kunst, die staunend zwischen Vergessen und Erinnern gepolt ist, kann im übergreifendem Sinn bloß ein Rückzugsort für Produktion sein.