Ghosts – Diplomausstellung 2017 // Interview mit Peter Bulla

RM: Der offene Saal zwischen den Treppen im Hauptgebäude wurde von Peter Bulla verwüstet; Kakteen aus Styrofoam und Schaumstoff, eine lesende Barbie und im Hintergrund der graue Münchner Winter, der durch die Fenster strahlt und eine Sehnsucht nach Kalifornien auslöst. Ist das so, Peter? Ich sehe eher eine Verniedlichung von globalen Dekadenzbildern, indem du veraltetes Material für diese Inszenierung nutzt. Aber erzähl’ mir lieber die Ursprungsgeschichte hinter dieser Installation.

Der Ursprung liegt wie so oft in der Kindheit oder vielleicht auch schon davor. Eine Zeit der Sorglosigkeit, in der wir Begriffe wie Zeit oder Leistungsdruck noch nicht verinnerlicht haben, ihr aber gleichzeitig durch die erwachsene Umwelt schutzlos ausgeliefert sind. Aus dieser Zeit stammen die meisten unserer Geister. Grundbedürfnisse, wie ein fester Platz in liebevoller Umgebung, Nahrung und Schutz, Unterstützung oder gute Begrenzungen, die uns die Grenzen anderer und vor allem unsere eigenen Leistungs- und Belastungsgrenzen erkennen lassen.

Die, die wir in der frühen Kindheit nicht befriedigen können, verfolgen uns das Leben lang. Unsere Eltern können natürlich auch nur das weitergeben, was die Generation davor weitergegeben hat. Und ja, es geht um Dekadenz bei der Material- und Formensprache, die teilweise noch aus der Zeit vor meiner Kindheit stammt.

Die Dekadenz dieser kindlichen Sorglosigkeit in ihrer Ambivalenz mit den unerfüllten Grundbedürfnissen resultieren aus den kollektiven Kriegs- und Krisenerfahrungen der Menschheit. Wie etwa in ‚Relax, it’s Only Ghosts‘, von Cosima von Bonin. Vielleicht ist es auch ein etwas zynischer Hinweis auf die globale Dekadenz der Superreichen im krassen Gegensatz zum Rest der arbeitenden Gesellschaft. Was nicht heißt, dass man aus akuter Besorgnis gleich beim nächstbesten Heilsversprecher anhängig werden sollte.

Es gibt ja noch denkbare Alternativen zur selbstgewählten Notschlachtung. Zum Beispiel, die neueren Erforschungen und Fortschritte in den Sozialwissenschaften, wie sie bei Dietmar Dath in "Maschinenwinter" gedacht werden. Es ist, wie der Name "Geister" schon sagt, ein memento mori, wie die Orgien der Römer, wodurch der Umkehrschluss die Feierstimmung noch mehr anheizen sollte, oder wie die Tieropfer in verschiedenen Kulturen, dem Día de los Muertos in Mexico oder dem globalisierten All Hallows Eve der Iren der inzwischen fast überall als Halloween gefeiert wird.

RM: Die Szene die wir hier sehen, scheint wie eine übertriebene Vorstellung der Vergangenheit, wie in einem unbedachten Volksmuseum. Das platziert sich hier indexikalisch zuletzt als Gespenst vom Abwesenden. Was wird dann hier romantisiert?

Der Hinweis auf die Abwesenheit der zeitgenössischen Moderne in Form und Material ist in der Tat dieser Hinweis auf ein Land in Frieden und Wohlstand. In einer Zeit der Teilhabe der meisten Individuen an den Früchten des Mehrwerts und der Ausblendung der anderen in Vietnam, Irak, Afghanistan, Afrika... Eine romantisierte Vorstellung einer idealen Kindheit, jedoch mit den jeweiligen Geistern im Hintergrund. Hier ist die Hoffnung auf die Erlösung der Geister das romantische Element.

RM:Das Poster zu deiner eigenen Ausstellung am Eingang der AdBK zeigt ein komplett anderes Bild davon, was man als Kunstwerk wahrnimmt. Es wird dann auf anderes Verweist, nämlich auf eine Präsenz, die über die Installation hinaus hier von dir gemeint ist.

Es ist ein Gimmick! Die braven eindimensionalen Superhelden im Vergleich zu ihren ambivalenten Pendants im Vestibül.