Profil: Sofie Bird Møller – Interview mit María Inés Plaza zu der Ausstellung 'Ex Biblia' in der DG-Galerie

Würde man nicht wissen, dass die Stahlstiche, die Sofie Bird Møller teils groß- und teils kleinformatig erzeugt, sich von Druckverfahren des 16. Jahrhunderts herleiten, könnte man annehmen, dass sie von der Geschichte des Auges von George Bataille und der damit zusammengedachten Gewaltsamkeit inspiriert wurden.

Batailles Geschichte des Auges, wie auch andere Geschichten aus dem surrealistischen Umfeld, gehen tief in die Finsternis der Nacht, berichten von der Deformation des Körpers durch den Triumph der Triebe, werden situativ aus durch Drogen beeinflusster Erfahrung gegenüber Anderen inszeniert.

So dunkel wie die Botschaften bei Bataille über die gesellschaftlichen Veränderungen sind sie bei Sofie Bird Møller nicht, obwohl man das 21. Jahrhundert nicht wirklich als fortschrittlich bezeichnen möchte.

Vielleicht ist es deshalb so schön, das Stahlstichverfahren neu formuliert zu sehen, im Kontrast zu vielen ähnlichen Arbeiten, denen man schon länger nicht mehr begegnet ist. Ein Gespräch mit Sofie Bird Møller über die Bibel, die Werbung in der Konsumgesellschaft und Bilder des Leidens.

RM: ‚Ex Biblia’ wird zum Teil in der St. Lukas Kirche am Mariannenplatz gezeigt - eines der prächtigen Gebäude an der Isar-Promenade in Münchens Innenstadt. Verstecken sich die Bilder in einem sakralen Kontext oder versuchen die Bilder das Sakrale des Raumes zu brechen?

SBM: Weder das eine noch das andere. Die insgesamt sechs großen industriell gefertigten Drucke, die von mir bearbeitet wurden, nehmen sehr wohl ihren Platz in der riesengroßen Kirche ein. Die Pfarrerin, Beate Frankenberger, hatte am Anfang ihre Bedenken, da die Arbeiten "bloß" jeweils 6 qm groß sind, aber es sieht wirklich phantastisch aus. In sechs der acht Rundbögen im Oktagon vor dem Alter hängen die Bilder, alle mit einer intelligenten Schnürtechnik versehen. Sie haben eine sehr starke Präsenz, auch weil sie unmittelbar über den Kirchenbänken hängen. Die Bilder sind weiß und leuchten aus sich selbst heraus. Ich glaube einfach, dass die Bilder im sakralen Raum eine inspirierende Bildergeschichte abgeben. Ich freue mich immer, wenn meine Werke auch außerhalb des normalen Kunstdiskurses hängen, so wie hier, wo die Besucher während der Messe die Bilder betrachten können. Die Bilder ändern die Wahrnehmung des Raumes.

RM: Ich erinnere mich an deinen Auftritt auf der Kunstmesse viennacontemporary letzten Herbst. Da sahen die Drucke weniger harmlos aus; die Interventionen in den Stahlstichverfahren waren beunruhigend und auch sofort erkennbar, und das Collageartige der Arbeiten trat viel stärker hervor – neben den aus Stahlstichen bestehenden Collagen, die alle 36 Theaterstücke von William Shakespeare zeigen, gepaart mit heutigen Magazinen und Mass-Media-Bild-Quellen. Wie ist im Gegensatz dazu die Begegnung mit diesen Arbeiten im kirchlichen Kontext gedacht?

SBM: Es ist doch einfach spannend, solch riesige Werke in einem sakralen Raum zu hängen, wenn die Vorlagen eben einen religiösen Hintergrund haben. Nach meiner Bearbeitung ist eine irritierende Reibung zwischen dem ursprünlichen Inhalt und den von mir fast unmerklich vorgenommenen Veränderungen entstanden. Sie stellen Erzählung und Motiv komplett auf dem Kopf.

Es gibt keine offensichtliche Geschichte mehr, die man aus den Werken lesen kann, die ja – milde gesagt – zielgerichtet waren, sondern man kann nun den Blick im Motiv hin und her schweifen und damit eine Art Freiheit entstehen lassen, auch für den Geist.

RM: Bezogen auf Arnulf Rainer, auf den Du starken Bezug nimmst: Inwiefern spricht man von ‚Interferenzen’ in der anderen Serie, die du in der Galerie der DG zeigst?

SBM: Ich denke, das ist recht sichtbar in dem Werk selbst. Es erscheint eine aggressive Überlagerung von Farbe auf dem von mir gefundenen Bildmaterial. Man kann sagen: mein bildersprachliches System interferiert mit dem vorhandenen Motiv. Rainer ist zwar in der Aggressivität der Bearbeitung der Motive sichtbar, aber ich habe ehrlich gesagt gar nicht an ihn gedacht. Ich habe schlicht meine Malweise verschnellert, indem ich härter mit den Bildern umgegangen bin. Bisher hatte ich die Motive ganz, ganz langsam bearbeitet; teilweise bin ich über den Tisch gekrabbelt, um einen Strich nicht zu versauen. Bei dieser neuen Serie bin ich resoluter geworden, habe teilweise drauf gehauen, so dass die Farbe in alle Richtungen gespritzt ist.

RM: Der Verlust von Persönlichkeit in den Porträts innerhalb der Collagen nähert sich der christlichen Aussage, Körper und Geist Gott zu widmen. Wie sehr kannst du deine Arbeiten von einem christlichen Diktum trennen?

SBM: Du meinst, dadurch, dass die christliche Geschichte von mir wegretouchiert wird, nähere ich mich subversiv noch stärker dem christlichen Diktum? Eine gewisse Verbindlichkeit zur Göttlichkeit bleibt wohl immer bestehen, wenn die Bilder offensichtlich – auch nach der Bearbeitung -, einem biblischen Thema entstammen. Dazu kommt – darauf wolltest Du, glaube ich, hinaus – dass es vor ein paar hundert Jahren aus den konservativeren Ecken Stimmen gab, die meinten, man dürfte höchstens Gliedmaßen abbilden, nicht aber eine ganze Person. Dies war ihnen zu profan, und durch die Entpersonifizierung der Abbildung kam man näher an die höchst ersehnte Verschmelzung mit der Göttlickeit. Ich finde, da sollten die Leute doch einfach in die Ausstellung gehen und es selbst für sich herausfinden.

RM: ‚Ex Biblia’: Worin siehst Du hinsichtlich der Bibel eine Neuinterpretation in Deinen Arbeiten?

Es ist nicht die Frage einer Neuinterpretation, nicht mal die einer völlig neuen Handlung, sondern es geht um etwas ganz anderes als das, was man als Motiv begreift. Es geht darum, was mit einem passiert, wenn man nicht mehr einen Anhaltspunkt im Motiv hat, den man mit den Augen fixieren kann. Dieser Anhaltspunkt, meist ein oder mehrere Menschen, hat die Aufgabe, sich mit einer Geschichte, einem Glauben, einer Ware usw. zu identifizieren und sich damit der Botschaft des Bildes zu nähern. Dem möchte ich entscheidend entgegentreten, besonders in einer Welt wie heute, wo wir täglich mit Werbung, zweifelhaften politischen Botschaften und Beiträgen von einer immer dubioseren Presse zugeballert werden.

RM: Wo fängt die Spannung zwischen den historischen Quellen und deinen Fantasie-Variationen an, wo endet sie?

SBM: Hier hätte ich einfach Lust zu sagen: Es gibt keinen Anfang, es gibt kein Ende, aber das wäre wohl zu wenig für eine Antwort. Ich verstehe nicht ganz, was du mit „Fantasie-Variationen“ meinst, obwohl ich verstehe, dass Du fragst. Die Motive haben sich ja drastisch geändert, aber völlig vom ursprünglichen Motiv ausgehend. Ich setze keine kleine Figuren hinein oder irgend einen anderen Schnick-Schnack, sondern lasse mich weitgehend von im Motiv enthaltenen Elementen leiten, die ich dahingehend manipuliere, dass etwas ganz anderes entsteht. Es inspiriert mich immer wieder zu sehen, wie ein Motiv mir erlaubt, ein Werk jenseits von dem, was es einmal war, zu schaffen.

RM: Welche Spannungsfelder eröffnet die Aufteilung zwischen dem ersten Teil der Ausstellung in der Mariannenkirche und dem zweiten in der Galerie der DG?

SBM: Es sind zwei verschiedenen Kontexte, und dann auch wieder nicht. Die St. Lukas Kirche ist ja eine Kulturkirche und organisiert seit Jahren Ausstellungen. Ich war z.B. vor vielen Jahren dort auf einer Eröffnung, bei der die Kirche in ein mexikanisches Dorffest umgewandelt wurde, und das war sehr gelungen. Die Kirche ist sehr offen und zeigt Kunst für alle. Das gleiche gilt im Grunde für die Galerie der DG, die man als Kommuniaktionsplattform sehen kann, frei von jeglicher Markttauglichkeit.