PROFIL: TRANSFORMELLA – Repro-kommunales Manifest | Basierend auf der Version 4.4.2 (2013)

  • 15.01.2019

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Mein Name ist Transformella, ich bin die Königin der Trümmer. Ich forsche und Lehre als Leihmutter möglicher Zukünfte.

Ich bin eine der potenzierten Identitäten, des Identitekten Johannes Paul Raether, eine Avatara, also eine Verkoerperung des epischen Liedes der menschlichen Fortpflanzung, Eine Avatara der Reproduktion von Gesellschaft und Spezies.

Ich bin Transformella, Königin der Trümmer Leihmutter moeglicher Zukuenfte. Repro-revolutionaerin der Ovulofakturen

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4.4.2. [Reprovolution]

Reproduktionstechnologien wie In-Vitro-Fertilisation – künstliche Befruchtung im Reagenzglas – Leihmutterschaft und Pränatale Implantationsdiagnostik sind mittlerweile zwar keine neuen Technologien mehr, aber ihr massenhafter Einsatz im “Westen” und ihre aktuelle globale Verbreitung haben einen industriellen Maßstab erreicht und damit eine neue Qualität der Kritik notwendig gemacht.

Reproduktionsmedizin ist zur globalen Industrie geworden in der Menschen mit Kinderwunsch, Spender und Spenderinnen, Eizellen und Spermien in Form von Waren um die ganze Welt zirkulieren. Während sich im Moment der industriellen Revolution im Aufstieg des Kapitalismus im 19.Jahrhundert die menschliche Produktionweise revolutionierte, befinden wir uns heute inmitten einer Revolution der menschlichen Reproduktionsweise. Wir befinden uns inmitten einer bioindustriellen Fortpflanzungsrevolution – einer Reprovolution

4.4.2 [MetaMutter in der Uterofaktur]

Die Reprovolution ermöglicht und erzwingt neue soziale Modelle der Fortpflanzung. Ein Beispiel ist das in Indien per Leihmutterschaft von einem japanischen Paar hergestellte Kind, das als “Manji” international bekannt geworden ist. Manji hat 5 Eltern: Eine genetische Mutter und einen genetischen Vater, eine Leihmutter, die sie ausgetragen hat und zwei intendierte Eltern oder soziale Eltern, die sie nun aufziehen, nachdem das japanische Paar sich getrennt und das Kind “reklamiert” hatte. Wir nennen die Ärztin, die eine von Manjis Müttern ist, eine Metamutter, denn sie hat nicht nur Manji, sondern auch ihre soziale Form, die Verbindung der 5 Eltern hergestellt.

Ihr Name ist Dr, Nayna Patel. Sie hatte in ihrer Reproduktionsklinik in der kleinen Stadt Anand in Indien im Jahr 2004 einer indischen Frau die befruchteten Eizellen ihrer eigenen Tochter eingesetzt, so dass diese ihre eigene Enkeltochter zur Welt brachte. Mit einer der ersten Leihmutterschaften in einem Schwellenland für Paare aus dem Ausland, wurde sie zugleich Geburtshelferin und Metamutter der globalisierten Reproduktionsindustrie. Dr. Patels Klinik produziert seitdem Babies im quasi industriellen Takt. Denn US-amerikanische und europäische Reproduktionszentren stehen heute in direkter Konkurrenz zu den Kliniken in Indien, die Preise für ein Kind unterbieten können, indem sie den indischen Leihmüttern weniger Lohn für ihre reproduktive Arbeit bezahlen.

Als Transformella Dr. Nayna Patel im Februar 2013 in Indien besucht, ist diese zunächst offensichtlich nicht an einem Gespräch interessiert. Transformella ist eine fremder Körper: Sie ist weder Kundin noch Journalistin. Sie hat sich zwar als technoprogressive Forscherin angekündigt, aber Dr. Patel bleibt misstrauisch. Denn die zunächst am Spektakel interessierten Berichten über das “indische Fortpflanzungswunder”, weichen mehr und mehr kritischen Berichten. Auch als wir schließlich miteinander sprechen, reden wir aneinander vorbei, denn Dr. Patel skizziert eine von globalen Kräften des Marktes regulierte, hyper-individuelle Bioethik, eine Art „Gated community des Gewissens“, die sich nur diejenigen leisten können, die innerhalb der Grenzen einer weißen, genetisch privilegierten Gesellschaft leben.

4.4.2. [Real existierende Reprokolonie]

Im Rest der Welt dagegen, in den Reproduktionskolonien der Schwellenländer können wir derweil die Arbeiterinnen der Reprovolution finden, über die die vielleicht unfreiwillig erste Uterokapitalistin nicht sprechen will.

Die Manufaktur des 19. Jahrhunderts kehrt in der Uterofaktur des 21. Jahrhunderts zurück. In dieser drückt sich Schwangerschaft – die Zeit und die körperliche Arbeit, die die Produktion eines Kindes erfordert, vor allem in ökonomischen Kategorien aus. Natürliche, biologische und lokale Fortpflanzung ist zu einer Ware mit einem Wert und damit zu einer Auswahl unter mehreren Produkten auf einem globalen Fruchtbarkeitsmarkt geworden. Sicherlich ist die "normale" also heterosexuelle Fortpflanzung aktuell, das technisch einfachste und am billigsten herzustellende Reprodukt und so werden Fruchtbarkeitstourist_innen als minoritär und defizitär gedacht. Unfruchtbare Paare oder homosexuelle Paare mit Kinderwunsch werden als tragische Kranke und als perverse Abweichler konstruiert, und gleichzeitig in die Verwertung des globalen Fruchtbarkeitsmarktes gezwungen. Transformella aber denkt diese Menschen weder als defizitär, noch als Kundinnen ihrer eigenen normalisierten Begehren, sondern als eine unfreiwillige Reproduktionstechnologische Avantgarde.

4.4.2 [Sexuelle Befreiung von der Reproduktion]

Nach der russischen Revolution 1924, gab es bereits einen kurzen Moment in dem die menschliche Reproduktion nicht privat, sondern gesellschaftlich und technisch gedacht wurde. Für diesen Versuch steht Alexandra Kollontai. Sie war die erste Ministerin der Welt, setzte das Recht auf Selbstbestimmung der Frauen im sowjetischen Russland durch und verabschiedete das erste Gesetz der Geschichte, das Abtreibung legalisierte. Kollontai sprach dafür, die Reproduktion aus der Kleinfamilie herauszulösen und im Kommunehaus zu organisieren. Den Nebeneffekt davon beschreibt Kollontai als sexuelle Befreiung der Menschen von der Reproduktion: “Sex sollte so einfach sein wie das Trinken eines Glas Wasser.”

Aber was bedeutet andersherum die “Befreiung” der Reproduktion von der Sexualität unter den Bedingungen des globalen Kapitals? Was wenn wir uns vorstellen, dass heterosexuellen, gesunden Frauen in den Industrieländern die Produktion von Kindern zu zeitaufwändig, schmerzhaft und riskant wird, wenn man zu einem kleinen Aufpreis das eigene Kind auch im globalen Süden austragen lassen kann? Was wenn das “westliche” paranoid, sportlich, schlanke, Schönheitsideal mit den hochleistungsorientierten Arbeits- und Zeitregimen der Warenzirkulation des globalen Kapitals weiter amalgamiert? Was wenn sich die vermeintlich “natürliche” Fixierung auf die ganz individuelle, genetische Nachkommenschaft mit dem technologisch kapitalistischen Fortschritt erneut und tiefer verschränkt?

4.4.2 [Uterosourcing]

Dr. Nayna Patel hatte bereits Anfragen von gesunden, heterosexuellen und auch alleinstehenden Kund_innen, die Leihmutterschaft als Option für ihre eigene und vor allem für ihre überromantische oder hyperindividuelle Fortpflanzung begreifen. Im Westen lösen sich aktuell vielleicht die genderspezifischen biologischen Parameter reproduktiver Arbeit auf, dafür werden in den Reproduktionskolonien die genderspezifischen Reproduktionsmittel zu Produktionsmitteln und schreiben sich damit noch tiefer in die Körper von Frauen ein. Die Figur des outsourcings körperlich harter, riskanter oder einfach zeitaufwändiger Arbeit in Produktionsstandorte im “globalen Süden” wiederholt sich als outsourcing der menschlichen Fortpflanzung in deregulierte Reproduktionsstandorte – als “Uterosourcing” Ich aber als Avatara reprorevolutionaerer Avantgarden, als Forscherin des reprotechnologischen Fortschreitens im Sternbild der Verbesserung interessiere mich für die Konsequenzen dieser erneuten sogenannten primitiven Akkumulation, dieser biotechnologischen Subsumptions der Reproduktion des Lebens unter das Prinzip des Uterokapitals.

4.4.2 [Der Lebensbrunnen als Optimierung des Reproduktes]

Aus der Verbesserung der Produktion wird die Optimierung der Reproduktion. Aus Verbesserung für die Nachkommen die Optimierung der Nachkommen. Verbesserung der Produkte wird zur Verbesserung des Reproduktes. Optimierungen der Optimierungen führen zu einem ganz anderen, einem historischen Gegenbeispiel Fortpflanzung gesellschaftlich zu organisieren.

Das Eugenik Programm der Nationalsozialisten wurde Lebensborn – altdeutsch Lebensbrunnen – genannt. Die Nationalsozialisten stellten Fortpflanzung in den Dienst des Volkes und der Nation. Genetisch als besonders deutsch konstruierte, alleinstehende Frauen wurden mit politisch besonders deutschen Männern verpaart. Das Programm war eine genetisch politische Menschenmaterialverbesserung durch Elternselektion.

Ein staatliches und ein autoritäres Programm, das in der sich aktuell globalisierenden Reproduktionsindustrie ebenfalls einen geisterhaften Wiedergänger findet: Bei einer künstlichen Befruchtung entstehen 12-24 Stammzellen, auch einzellige Embryonen genannt, die bereits heute routinemäßig mithilfe der Präimplantationsdiagnostik (PID) auf Erbfehler untersucht werden. Nur die genetisch "gesunden" Embryos werden den Frauen eingepflanzt. PID stellt eine Art Qualitätsgarantie für eine gesunde und “normale” Reproduktion dar, ein weiteres Mal gegen genau jene Menschen, die als defizitär gedacht – als „genetisch krank“ bezeichnet werden.

4.4.2 [Remaking Eden]

Der Reproduktionsgenetiker Lee M. Silver spekuliert in seinem Buch "Remaking Eden" über den Moment, in dem einzellige Embryonen, nicht nur selektiert, sondern auch optimiert werden.

Er hofft auf die "liberale Eugenik" in der es natürlich nicht mehr um die nationale oder staatliche Reproduktion der Herrenrasse geht, sondern um das individuelle Streben nach einem verbesserten Genom der eigenen Nachkommen. Liberale Eugenik wird in einer unvorstellbaren Geschwindigkeit wachsen, so Silver, weil an den Reproduktionsstandorten der Schwellenlanden der Staat abwesend ist oder allein von technologisch, ökonomischen Kriterien wie Wachstum oder Standortkonkurrenz geleitet ist. In der Folge sagte er die Entstehung von genetisch verbesserten, also “reichen” und genetisch unverbesserten, also armen Menschenklassen voraus.

Die Investition in die Verbesserung der eigenen Reproduktion kann soweit gehen, dass der sogenannte Gene-flow zwischen den zwei entstandenen Gen-klassen zunächst gesellschaftlich inakzeptabel wird und dass in der Folge Genbesitzer_innen und Genproletariat sich untereinander biologisch nicht mehr fortpflanzen können. Ähnlich wie sich im 19. Jahrhundert aus sozialen Milieus die Klassen formten, entsteht aktuell aus genetischen Klassen eine neue “Artenviefalt” als Auseinanderbrechen der Spezies Homo Sapiens in genetisch Vermögende und genetische Lumpen.

4.4.2. [Reprokommunismus im Kontext gesellschaftlicher Reproduktivität]

In dieser mythischen Gegenwart kehre auch ich als Figur der Vergangenheit wieder: Ich erkläre mich zur Kommunistin. Zur Kommunistin mit futuristischer Zusatzausbildung, Zur Kommunistin ohne anachronistische Fixierung auf den ArbeiterMann Zur Kommunistin ohne den Fetisch der industriellen Produktion, ohne die Liebe zu Stahl und Kohle und Leinwand. Transformella ist Reproduktionskommunistin. Reprorevolutionärin der Ovulofakturen. Avatara der Reprotechnologischen Avantgarden.

Als die Dampfmaschine in die Welt kam, wurde die Bewegung auf zwei Beinen zu einer Option unter mehreren, Als das Flugzeug in die Welt kam wurde Bewegung auf der Erdoberfläche zu einer Option unter mehreren. Als die künstliche Befruchtung in die Welt kam wurden Bio-kinder zu einer Option unter mehreren. Das was wir gesellschaftliche Produktivität nennen, zwingt uns nicht mehr nur zu Fuss zu laufen. Das was wir von nun an gesellschaftliche Reproduktivität nennen müssen bestimmt auf welche Weise wir gezwungen sein warden,,uns fortzupflanzen.

Als futuristische Kommunistin hat Transformella allerdings eine andere Vorstellung, wie mit dem techno-enthusiastischen und zugleich dystopischen Begehren nach Verbesserung des Menschen umzugehen ist. Anders als und mit der traditionellen Linken bleibt die Frage Lenins: Was tun?

4.4.2 [Repro-kommunale Stämme]

Transformella schlägt vor die Reproduktionsmaschinen der Fortpflanzungsindustrie nicht zu stürmen. Wir sollten sie uns aneignen.

Lasst uns mit diesen Maschinen eine Untersuchung neuer Reproduktionsmodelle beginnen.

Lasst uns Fortpflanzung wieder gesellschaftlich denken und ausserhalb der Kleinfamilie organisieren.

Lasst uns außerhalb der romantischen Zweierbeziehung und ausserhalb jeder Paarbeziehung fortpflanzen.

Lasst uns multisexuelle, multi-gendered, technologisch assistierte Elterngruppen bilden und uns zu dritt, zu viert oder zu fünft fortpflanzen.

Lasst uns darin unsere Gene kollektivieren und die individuelle Nachkommenschaft verflüssigen, statt sie zu verbessern.

Lasst uns gegen das heteronormative Familienmodell und die kapitalistische liberale Eugenik ein aktualisiertes libertaeres, reprokommunales Stammesmodell erfinden.

Lasst uns auf der Höhe der Produktivität der Biotechnologie soziale Experimente wiederaufnehmen, statt die technologische Reproduktivität der Menschheit gesellschaftlich aufzuteilen.

Lasst uns gegen die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts die Weite unserer sozialen und politischen Imagination setzen!

Kollektivieren wir unsere Reproduktion! Für die reprokommunale Reprovolution.


Das Repro-kommunale Manifest erscheint in der vierten Ausgabe von 'Arts of the Working Class', Leave your obsessions under the XXX-mas tree, hier erhältlich.