SHE AIN'T SORRY – Ein Interview mit der Schaupielerin und Performerin Mona Vojacek Koper über Frauenrollen im Theater und die Pimmelsuppe auf der Wiesn

  • 26.09.2018

Dick Soup international und lokal: Candice Breitz prangert die nach wie vor herrschende Unsichtbarkeit von Künstlerinnen in öffentlich finanzierten Institutionen an (aktuell: die Auswahl der Kuratoren Alain Bieber und Florian Waldvogel im NRW Forum). In München ist währenddessen wieder alljährliche Pimmelsuppenzeit auf der Theresienwiese. Sexuelle Übergriffe stehen beim größten Volksfest der Welt nach wie vor auf der Tagesordnung – daran ändern auch Servicepoint-Zelte, die „SecureWiesn“-App und eine 11-Punkte-Liste für Besucherinnen (!) nichts. (Wer es sich zu Gemüte führen will, hier der Pressebericht der Polizei vom 25. September.)

Grund genug, den salonfähigen Sexismus auf der Wiesn für eine Feldstudie zu nutzen: Für ihr Stück „SORRY NOT SORRY“, das gleichermaßen Lecture-Performance und One-Women-Show ist, hat Mona Vojacek Koper einen Job als Alkoholtesterin auf der Wiesn angenommen und sich damit mit der eigenen Objekthaftigkeit als junge Frau und als Schauspielerin konfrontiert. Wir haben mit ihr über ihre Feldstudie, Sexismus und das Bedürfnis nach neuen Strukturen im Theaterbetrieb gesprochen – und darüber, was für ‚Mut zum Scheitern‘ überhaupt gegeben sein muss.

Reflektor M: Mona, worum geht es in deinem Stück „SORRY NOT SORRY“ und was war der Anlass, im Sommer 2018 genau dieses Stück zur Aufführung zu bringen?

Mona Vojacek Koper: Es geht in vielerlei Hinsicht um Objektifizierung - das heißt, ich konfrontiere mich mit meiner eigenen Objekthaftigkeit. Meine direkteste und erste Herangehensweise fand über mich als Schauspielerin statt – in der darstellenden Kunst ist man ja gleichzeitig immer auch das zu verkaufende Objekt. Dieser Ansatz hat mich einfach interessiert und dann habe ich untersucht, in welchen Berufen oder in welchen Situationen in meinem Leben ich da wieder dranstoße – einmal eben als Frau, gesellschaftlich oder aber auch in anderen Bereichen bzw. Jobs, wo es nicht um irgendein zu verkaufendes Produkt geht, sondern bei denen ich das Produkt selbst bin. Also habe ich zunächst den Job auf der Wiesn angenommen, als Promille-Test-Verkäuferin, wo ganz klar war: ich bin nicht nur eine Souvenirverkäuferin, die etwas Praktisches verkauft, sondern es geht eigentlich um mich. Darum, dass ich die Wiesnbesucher animiere, ihnen ein Erlebnis biete, ein Spiel daraus mache, wer von ihnen am betrunkensten ist. Ich habe eine Feldstudie gemacht und einfach geschaut „Was passiert da?“. Natürlich hatte ich eine bestimmte Erwartungshaltung und gewisse Vorurteile. Schließlich hab ich mir nicht umsonst die Wiesn ausgesucht.

RM: Hattest du den Wiesnjob schon und hast dann aus der Not eine Tugend gemacht? Oder war die Idee der Feldstudie zuerst da?

MVK: Die Idee zur Feldstudie war zuerst da. Ich habe das ganze während der zehn Tage auch mit einer Kamera begleitet. Ich wollte es einfach ausprobieren, die Ergebnisse sammeln und dann schauen, was ich mit dem Material anfangen kann und ob es da Verknüpfungen zu meinem Schauspiel gibt. Inwieweit muss ich als Promilletest-Verkäuferin auch eine Rolle spielen und etwas performen. Dann kam ich ziemlich schnell auf meine privaten Situationen, ich spiel ja immer irgendwie eine Rolle. Wenn ich mit meiner Mutter telefoniere, bin ich eine andere, als wenn ich professionell unterwegs bin oder mit einem Unbekannten spreche. Ich habe mich gefragt, ob ich überhaupt irgendwann „authentisch“ bin oder ob es nicht ständig darum geht, die Wünsche anderer zu bedienen.
Wir haben innerhalb des Projektes anschließend eine zweite Feldstudie angesetzt, mehr verrate ich aber nicht, das muss man sich dann in der Performance ansehen. Es geht dabei auch um sexuelle Objektifizierung, aber eine Stufe weiter. Die Feldstudie beschäftigt sich damit, dass ich als Frau eine Form von Sexualobjekt bin und ich frage mich, ob ich dem eigentlich entkommen kann und wenn ja, wie. Kann ich meine weibliche Sozialisation ausleben und stolz damit umgehen, wenn ich bestimmte Merkmale und Accessoires einfach umdeute und sage: „Ich trag jetzt ganz bewusst Pink“ und zieh den kurzen Rock an? Bin ich dann einfach nur ein „freiwilliges“ Objekt? Oder werde ich nicht eigentlich zum handelnden Subjekt? In der zweiten Feldstudie ging es vor allem um die Frage, ob ich überhaupt selbstbestimmt handeln kann. Weil eigentlich lässt sich alles irgendwie auf die Sozialisation schieben und dann kann ich ja gar nicht mehr handeln...

RM: Dein Ansatz geht also in eine Butler Richtung? – Judith Butler, die sagt, es gibt die Möglichkeit, Geschlechterrollen subversiv zu unterlaufen, indem man sie „überperformt“?(siehe Fußnote 1)

MVK: Ja, absolut.

"Es gibt gewisse Konventionen auf der Bühne, dass man als Frau bestimmte Dinge nicht machen darf. Ein männlicher Schauspieler kommt als Hamlet auf die Bühne, zieht sich aus und macht einen Helikopter: alle lachen. - das kannst du als Frau nicht machen. Da bist du im Gegensatz extrem begrenzt."

RM: Es ging dir darum, deine Rolle als Frau, als Sexualobjekt zu reflektieren. Warum hast du als Feld für deine Studie nicht gleich den Theaterbetrieb genommen?

MVK: Das mach ich an dem Abend live. Ich hatte mich gefragt, warum ich das eigentlich auf die Bühne stellen will. Ich könnte ja auch ein Buch drüber schreiben. Aber es war mir wichtig, es auch live auf der Bühne zu verhandeln, nicht nur deshalb weil ich Schauspielerin bin. Es geht mir um diese absurde Situation, dass ich darüber spreche, ob ich Objekt bin oder nicht, während ich mit einer One-Woman-Show auf der Bühne vor Publikum stehe. Natürlich geht es auch um meinen Schauspielberuf und die Form, eine Mischung aus Stand-Up-Comedy-Monolog und Lecture-Performance ist bewusst gewählt. Ich arbeite viel mit Video, das ist auf der Bühne sehr präsent und ich agiere viel direkt mit dem Publikum. Damit beziehe ich mich auch auf etwas, bei dem ich angeeckt bin in meiner Schauspielausbildung: Ich habe gemerkt, dass es als Frau schwieriger ist, lustig zu sein auf der Bühne. Es gibt gewisse Konventionen auf der Bühne, dass man als Frau bestimmte Dinge nicht machen darf. Wenn sich ein Kerl auszieht und dazu vielleicht noch etwas dicker ist, dann wird es vom Publikum sofort als humorvoll aufgenommen. Aber wenn eine Frau das tut, dann sagen alle: „Oh, wow, mutig!“ oder Iiiih“ oder es hat sofort eine sexuelle Konnotation. Ein männlicher Schauspieler kommt als Hamlet auf die Bühne, zieht sich aus und macht einen Helikopter: alle lachen. - das kannst du als Frau nicht machen. Da bist du im Gegensatz extrem begrenzt.

RM: Wenn du sagst Frauen können nicht witzig sein, liegt das immer noch an der Art, wie Rollen geschrieben werden? Bieten Frauenrollen einfach keinen Raum für Witz oder liegt das an Dramaturgie oder Regie?

MVK: Ich glaube, da kann man noch sehr viel früher ansetzen. Es beginnt damit, was wir im Theater sehen, es ist immer noch ein Kanon, in dem Frauenrollen anders funktionieren, in dem Frauen bestimmte Rollen niemals spielen. Wenn es einen Narr gibt, dann wird der Narr mittlerweile vielleicht sogar mal von einer Frau gespielt, aber geschrieben wurde die Rolle für einen Mann. Es gibt auch moderne Regisseure und Regisseurinnen, die damit anders umgehen. Trotzdem denke ich, es gibt eine starke Wechselwirkung zwischen Reflektion und Machen. Genau darum geht es mir ja auch in meiner Untersuchung: also selbst wenn ich’s mache, kommt es darauf an, ob ihr – das Publikum - das witzig findet. Und weil ihr ja in euren Köpfen bestimmte Bilder gespeichert und eine Vorstellung davon habt, was als Witz funktioniert und was nicht, ist es vielleicht auch erstmal überfordernd, eine witzige Frau zu sehen. Man muss erstmal die Sehgewohnheiten ändern. Auch als Schauspielerin, muss ich austesten „Was darf ich“.

RM: Diesen Sommer gab es mehrere Stücke in der freien Szene in München zu einer feministischen Themensetzung. Wir haben uns ja bei „SHERO“ getroffen, dem Abschlussprojekt der Dramaturgieklasse an der August-Everding-Theaterakademie und es gab das Stück #dearharvey von Azeret Koua. Es ist also ein Thema, mit dem sich gerade viele jüngere Theatermacherinnen, Schauspielerinnen etc., auseinandersetzen. Meinst du, dass diese Auseinandersetzung auch einen Einfluss auf die Zusammenarbeit im Theater hat?

MVK: Ja, sicherlich. Ich glaube, dass sich da momentan sehr viel tut. Ich bin immer so ungeduldig und denke mir „Ich will jetzt schon die Ergebnisse sehen!“. Aber es ist sehr positiv, was da grade passiert. Es entwickelt sich ein anderes Bewusstsein dafür, dass bestimmte Dinge sich ändern müssen. Wir brauchen eine andere Form der Kommunikation und andere Hierarchieverhältnisse. Es geht dabei nicht nur um Sexismus, sondern darum warum bestimmte Machtpositionen wie ausgeübt werden und wenn sie von Frauen ausgeübt werden, dann sollen sie nicht genauso ablaufen, sondern anders. Es geht ganz allgemein um die Fragen: „Wie wollen wir miteinander kommunizieren? Wie wollen wir unser Zusammenleben- und arbeiten gestalten? Wie können wir das vereinen mit Familienplanung? und so weiter.“ Es geht also nicht nur um anti-sexistische, sondern einfach um humanere Verhältnisse am Theater, die in manchen Bereichen bisher wirklich nicht gegeben waren. Das klingt vielleicht heftig, aber ich finde es immer einen ebenso interessanten wie absurden Gegensatz: Wir verhandeln im Theater so viele politische Themen auf der Bühne, aber dann werden diese Forderungen nicht mal im eigenen Betrieb umgesetzt. Also ja! Inhalte verändern auch die Zusammenarbeit.

"Wir verhandeln im Theater so viele politische Themen auf der Bühne, aber dann werden diese Forderungen nicht mal im eigenen Betrieb umgesetzt."

RM: Bedeutet das, dass Inszenierungen auch anders erarbeitet werden? Klassischerweise läuft es im Theater ja sehr hierarchisch.

MVK: Bisher hatte ich noch kein festes Engagement nach der Schauspielschule. Mein erstes ist in Jena an einem Theater, das nicht sehr klassisch ist, weil es vom holländischen Kollektiv „Wunderbaum“ übernommen wird. Die arbeiten sehr antihierarchisch, es gibt beispielsweise keine Regie, sondern es herrscht das Prinzip „alle machen alles“ und gehen auch mal raus und schauen zu. Das ist also ziemlich weit weg vom Stadttheater. Während meiner Ausbildung und in meinen Berufserfahrungen habe ich schon die Erfahrung gemacht, dass da noch viel schief hängt und klischeehaft geherrscht wird – da braucht man sich nur aktuelle Interviews durchlesen, in denen die Qualität weiblicher Regie mit Fußballvergleichen denunziert wird. Solche Strukturen gibt es natürlich immer noch. Aber gleichzeitig gibt es in der freien Szene schon länger den Ansatz oder Überlegungen dazu, wie wir eigentlich miteinander arbeiten und kommunizieren wollen und zum Beispiel den Kollektivgedanken. Da tut sich im Theater auch ganz viel – aber manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht einfach verwöhnt bin, dadurch, dass ich so viel an den Kammerspielen bin und meine Schule so nah dran war.

RM: Eine fast zwangsläufige Frage: Wie sehr haben dich die #metoo- und die #notsurprised-Debatte beeinflusst in deinem Stück und generell?

MVK: So gut wie gar nicht. Das klingt vielleicht komisch, aber die Dinge, die da schief lagen waren mir auch vorher bekannt. Ich finde es sehr gut und wichtig, dass es die #metoo-Debatte gab und gibt. Ich spüre dabei direkt positiv eine Form von Solidarität, ein ganz klares „Das was ich erlebe, ist ein kollektives Erlebnis“. Ich bin nicht alleine damit. Das finde ich wahnsinnig wichtig. Auch im Theater habe ich eine ganz große Solidarität und ein Mutmachen gespürt. Es fing ja mit Harvey Weinstein an und deshalb ging es schnell auf diese Schauspielerinnenebene, obwohl es auch ganz andere Berufe betrifft. Aber was ich daran interessant finde: im Schauspielberuf gibt es eine sehr starke Vereinzelung. Du verhandelst die Gage alleine im Büro. Jetzt mit dem Ensemblenetzwerk entwickelt sich da viel, aber Gewerkschaften, vergleichbar mit anderen Berufen, gab es bisher nicht. Es ist sehr viel Ellenbogen und „wenn dus nicht machst, mach’s ich halt“. Deswegen fand ich es unheimlich positiv mal so ein Gefühl zu empfinden: „wir erleben eigentlich genau die gleiche Scheiße und wir wollen, dass sich daran was verändert. Und zwar nicht nur für mich, sondern für alle.“ Deshalb fand ich die Debatte und was sie angestoßen hat unglaublich wichtig.

"Ich fand es unheimlich positiv mal so ein Gefühl zu empfinden: 'Wir erleben eigentlich genau die gleiche Scheiße und wir wollen, dass sich daran was verändert. Und zwar nicht nur für mich, sondern für alle.'"

RM: Wie erlebst du den Umgang mit Gender und Rollen im Theater bzw. wie hast du das in deiner Ausbildung erlebt?

MVK: Auch wenn Frauen es schwerer haben, betreffen Genderklischees bei der Rollenverteilung beide Seiten. Männer müssen den Macho spielen können und wenn sie zu klein und schmächtig sind und die Spielpartnerin größer, dann heißt es oft schon „das geht gar nicht!“. Solche Männer dürfen auch nicht den Helden spielen. Es gibt bestimmte Rollenfächer und wenn du einer bestimmten optischen Kategorie nicht entsprichst, dann wirst du nicht besetzt. Teilweise verändert sich das langsam, aber es gibt nach wie vor eine krasse Typisierung. Da spielen auch rassistische Themen und allgemein das Thema Diversity eine Rolle. Warum kann die Julia nicht schwarz sein? Diese Fragen bewegen gerade viele. Es müssen andere Beispiele gesetzt und Sehgewohnheiten geändert werden. Ich bin eben gewohnt, dass ich das sehe und wenn ich es zehn Jahre nicht mehr sehe, bin ich es nicht mehr gewohnt. Deshalb bin ich auch absolut für Quoten! Sonst ändert sich nichts.

RM: Wie ist es für dich mit klischeehaften Rollen – wie groß ist da dein Spielraum? Wäre es ein Anreiz für dich, mit einer sehr traditionellen Rolle zu arbeiten?

MVK: Ja, das fände ich interessant. Es setzt noch viel früher an, manchmal denke ich, ich hätte auch gar nichts dagegen, etwas zu bedienen. Bei aller Kritik und allem „Sehgewohnheiten ändern“ würde ich nicht sagen, ich spiele bestimmte Sachen nicht. Ich habe ein Problem mit der Gegenbehauptung: man soll etwas spielen, was sehr traditionell ist und dann wird behauptet, „aber du kannst ja darin die Stärke finden“. Da denk ich dann manchmal, ne, da kann ich sie nicht finden. Sondern ich spiel jetzt einfach ne Figur, die diese Stärke vielleicht auch einfach nicht hat! Natürlich wirkt das vielleicht anders, weil ich - was weiß ich - ne andere Statur habe, irgendwas anderes mitbringe oder vielleicht dieses Bild nicht so ganz bediene, aber im Endeffekt finde ich es auch interessant. In der Schauspielschule war ich manchmal auch fast beleidigt, dass ich immer die Griechin bin und nie das Gretchen. Da denk ich mir, aber ich hab doch Bock zu spielen! Ich will mal das Gretchen spielen! Oder, da komm ich dann doch darauf zurück, vielleicht will ich doch auch in dem Gretchen die Stärke entdecken. Aber manchmal hab ich auch richtig Schiss davor gehabt. Okay, wenn ich die jetzt spielen würde, denken dann alle „Oh Gott!“. Ich weiß manchmal auch selber keinen Umgang damit. Muss ich mich mit einer Rolle identifizieren können, um sie zu spielen? Oder wär es nicht interessant, wenn das etwas ist, das super weit weg von mir ist? Da habe ich selber total viele offene Fragen und Widerstände.

RM: Aber was wäre deine Angst? Die Rolle zu erfüllen oder eben nicht zu erfüllen? Oder beides?

MVK: Beides! Die Waage zu finden. Weil es für mich so ein Bild gibt für die Rollen, sind sie teilweise auch so groß für mich. Deswegen mache ich auch so gerne meine eigenen Performances mit eigenen Texten und so weiter. Ich finde es manchmal einfacher, mich darauf verlassen zu können etwas zu entwickeln, von dem ich weiß das kommt jetzt aus mir und hat wirklich was mit mir zu tun. Bei klassischen Rollen muss ich was anderes bedienen. Das ist, glaube ich, meine Angst.

RM: Wie sähe dein Wunsch-Zukunftsszenario aus für das Theater? Was müsste sich deiner Meinung nach an den Strukturen ändern?

MVK: Ich hab kein konkretes Ergebnis vor Augen. Das wichtigste ist für mich die Augenhöhe. Man muss realisieren, dass alles mit allem zusammenhängt im Theater – auch die Person, die am Ticketschalter arbeitet ist wichtig, damit alles funktioniert. Es muss einen Raum geben, um sich frei und wohl zu fühlen, in dem man keine bestimmten Dinge erfüllen muss, einen angstfreien oder zumindest angstfreieren Raum. Ich sag das auch in der Performance: „Mut zum Scheitern“ war immer das Credo auf der Schauspielschule, aber die Bedingungen dafür müssen ja gegeben sein. Darf ich tatsächlich auf die Fresse fliegen?

RM: Zum Ende eine privatere Frage, die vielleicht auch mit Mut zu tun hat: Im Stück taucht deine Oma auf – was für eine Rolle spielt sie für dich?

MVK: Meine Oma – und meine Mutter – haben mich als Figuren immer viel beschäftigt. In der Schauspielschule hab ich einmal einen ganzen Monolog über die Geschichte meiner Mutter gemacht. Ich habe eine wahnsinnige Faszination für die Frauenfiguren in meiner Familie. Und einen Drang, deren Geschichte zu erzählen. Meine Oma war, grade für ihre Generation, eine sehr unkonventionelle Frau und ist einen sehr unkonventionellen Weg gegangen – das hat mich sehr geprägt in meiner Sozialisation und in meinem Weltbild.

RM: Was ist jetzt, nach den ersten Aufführungen von "SORRY NOT SORRY" dein Fazit dieses absichtlichen „Sich-zum-Objekt-machens“? Auf der Wiesn und auf der Bühne?

MVK: Ein richtiges Fazit gibt es in der Form nicht. Ich habe noch immer sehr viele offene Fragen. Zum Thema Objekt-Subjekt, zu meinem weiteren Handeln, zu dem Umgang mit der Wiesn in München, zu Feminismus, zur Rolle der Frau im Theater und und und. Ich finde es aber eher interessant, das Fazit für ein Publikum offen zu lassen, deswegen gibt es bewusst kein als Statement gekennzeichnetes Fazit. Es ist eine fortlaufende Auseinandersetzung und ein Prozess. Dazu beschäftigt mich auch der Umgang mit politischen Themen im Theater. Wenn ich Themen, die mir am Herzen liegen, auf der Bühne verhandelt habe, dann kann die Aufführung nicht das Ende der Auseinanderstzung sein. Mein Fazit ist also eher die Frage: wie gehe ich mit den Erkenntnissen aus meinen Feldstudien im realen Leben um?

Das Interview führten Laura Lang und Mira Sacher.

"SORRY NOT SORRY“ – Eine Stand Up Comedy, eine Lecture Performance, eine monologische Reflexion

Konzept und Performance: Mona Vojacek Koper

Dramaturgie: Christina Hommel

Video und Bühne: Kevin Barz

Mit freundlicher Unterstützung durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München.

nächste Termine: 05. und 06.10.2018 im Hoch X, Tickets