Statement – Ursprünglich erschienen auf e-flux.conversations

Die Problematik, die Sol Calero, Iman Issa, Jumana Manna und Agnieszka Polska in ihrem Statement adressieren, welches letzte Woche auf e-flux.conversations in englischer Sprache erschienen ist, betrifft primär eine institutionelle Struktur, die problemlos viel bessere Bedingungen an KünstlerInnnen und freie Akteure der Kunst (Dies betrifft auch Gast-KuratorInnen, Auf- und Abbau Teams, VolontärInnen und PraktikantInnen) anbieten könnte: die deutsche Museumslandschaft. Reflektor M hat sich die Freiheit genommen dieses Statement zu übersetzen, damit alle Angestellten des Kulturbetriebs und Repräsentanten von Unternehmen, die Kultur fördern möchten, die Aussage der Nominierten des Preises der Nationalgalerie erreicht.


Stellungnahme der Nominierten des Preises der Nationalgalerie 2017

Als die vier Nominierten des Preises der Nationalgalerie, haben wir uns entschlossen eine gemeinsame Stellungnahme über unsere Erfahrungen zu veröffentlichen. Unser Statement sehen wir als Mittel um auf drei problematische Aspekte des Preises hinzuweisen und Änderungen vorzuschlagen. Wir halten diese Problematiken bezeichnend auch für weitreichendere und wachsende Tendenzen in der Kunstwelt, die es verdienen öffentlich diskutiert zu werden.

I.

Der Preis der Nationalgalerie, veranstaltet vom Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwartskunst – Berlin, ist ein gemeinsamer Preis der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, den Freunden der Nationalgalerie und BMW als Hauptsponsor. Wir gehen davon aus, das die Intention des Preises die Förderung und Sichtbarmachung von ernsthaften künstlerischen Positionen und Praxen in Deutschland ist. In Anbetracht dessen waren wir davon irritiert, dass in Pressemitteilungen und öffentlichen Reden statt der Inhalt unserer Arbeiten permanent unser Geschlecht und unsere Nationalitäten im Fokus waren. Es liegt auf der Hand, dass in einer wirklich gleichberechtigten Welt unser Geschlecht und unsere nationale Herkunft kaum eine Rolle spielen würden. Sie ständig hervorzuheben, zeigt auf wie weit wir von so einer Welt noch entfernt sind. Die selbstgefällige Verwendung von Vielfalt als Instrument der Öffentlichkeitsarbeit birgt zudem die Gefahr, die gravierenden systemischen Ungleichbehandlungen zu verschleiern, die auf allen Ebenen des Kunstbereichs nach wie vor bestehen. Wir möchten betonen, dass die Verpflichtung zu Vielfalt in Bezug auf Geschlecht, Herkunft und Erfahrung fester und alltäglicher Bestandteil der Arbeit von Institutionen und Organisationen sein sollte, anstatt gelegentlich bei hochkarätigen Veranstaltungen gefeiert zu werden.

II.

Die Vergabezeremonie des Preises der Nationalgalerie schien mehr ein Feiern der Sponsoren und Institutionen zu sein als eine Gelegenheit sich mit den Künstlerinnen und ihrer Arbeit auseinanderzusetzen. Die Preisvergabe wurde erst nach zahlreichen Reden und Performances bekannt gegeben, auf eine Art und Weise, die sich nur als „große Enthüllung“ bezeichnen lässt. Hier wäre es eine Lösung die Gewinner zu Beginn der Veranstaltung bekanntzugeben und die Feier als eine Möglichkeit zu begreifen sowohl die Gewinner als auch ihre Werke zu feiern und sich mit ihren Praxen zu beschäftigen. Konventionen, welche in Unternehmen oder der Unterhaltungsindustrie funktionieren mögen, scheinen deplatziert, wenn sie im Kunstbereich angewandt werden. Der Preis muss nicht so gestaltet sein, dass ein Gefühl des Wettbewerbs zwischen Menschen entsteht, die eigentlich nicht gegeneinander antreten. Durch so eine Gestaltung werden Solidarität, Kollektivität und gegenseitige Unterstützung zwischen Künstler_Innen erschwert und verhindert.

II. Wir glauben das für jede Ausstellung, einschließlich der Ausstellung der nominierten KünstlerInnen, ein Honorar gezahlt werden sollte. Darüber hinaus sollten öffentliche KünstlerInnengespräche, Panels und Diskussionen honoriert werden. Künstler_Innen tragen einen großen Teil zum Prestige dieses Preises bei und ihre Arbeit muss, wie jede andere Arbeit auch, entsprechend kompensiert werden.

Die Tatsache, dass der Preis der Nationalgalerie nicht dotiert ist und die Nominierten für ihre Arbeit an den Ausstellungen und öffentlichen Veranstaltungen nicht bezahlt werden, bedeutet, dass die einzige Kompensation der KünstlerInnen die Aussicht auf öffentliche Aufmerksamkeit ist. Dies beruht auf der unausgesprochenen Annahme, dass sich eine Nominierung oder der Gewinn des Preises wahrscheinlich auf dem Kunstmarkt auszahlen werden. Als Künstlerinnen wissen wir, dass dies nicht immer der Fall ist. Die Logik das KünstlerInnen nur für Aufmerksamkeit arbeiten trägt direkt zur Normalisierung der unregulierten Lohnstrukturen bei, die im Kunstbereich allgegenwärtig sind, sowie zur Ausweitung des Einflusses des kommerziellen Sektors über alle Aspekte des Kunstfeldes.

Abschließend und in der Hoffnung, dass wir gemeinsam die Verhältnisse für zukünftige Ausgaben des Preises verbessern können, begrüßen wir eine Diskussion der angesprochenen Themen durch das Museum, seine Freunde und Sponsoren sowie aller weiteren relevanten Akteure, einschließlich der früheren Nominierten. Wir hoffen, dass diese Diskussion als Vorbild auch für andere und ähnliche Veranstaltungen im Kunstbereich nützlich sein kann.

— Sol Calero, Iman Issa, Jumana Manna, and Agnieszka Polska


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