Tilo Schulz: Was macht Deutschland heute für die Kunst eigentlich so anders, so attraktiv? – nicht lektoriert

1 Standort Deutschland für die Kunst. Was fällt Ihnen / Dir spontan hierzu ein? Wo sind Stärken, wo Schwächen? Gibt es etwas Spezifisches?

In Deutschland ist eine große Vielfalt an Kunst und Kultur möglich und gewollt. Nimmt man zum Beispiel das Rheinland: eine unglaubliche kulturelle Dichte, höchste Qualität an Institutionen, eine quer durch die Gesellschaft gehende Sammlerschicht und ein Bürgertum, für das Kunst und die Auseinandersetzung mit Kunst zum Leben gehört. Als Künstler werde ich in Deutschland nicht eingesperrt oder mit Arbeitsverbot belegt, meine Kunst wird nicht verboten. Im Gegenteil! Das sollte überall Normalität sein – ist es aber nicht.

2 Welche Faktoren sind für Sie/Dich bei der Entwicklung des Werks oder der Arbeit – auf mentaler und diskursiver Ebene – als auch in Hinblick auf die realen Produktionsbedingungen wichtig? Beispiele?

Stimmung, Interesse, Gespräch. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Das ganze kannst du auch unter Gastfreundschaft zusammen fassen. Meine besten Ausstellungen habe ich aus Gesprächen heraus entwickelt, mit einem genuinen Interesse und einer gegenseitigen Offenheit. Wir brauchen so gesehen nicht so viele mit politischen Floskeln gespickte Ausstellungen, sondern Ausstellungen, wo sich diese politischen Floskeln im Umgang miteinander einlösen.

3 Wie wichtig sind Ausbildungsorte, diskursive Plattformen, Räume und/oder Institutionen für den eigenen Werdegang? Beispiele?

Ich selbst habe nicht studiert. Das war eine persönliche Entscheidung zu einer sehr speziellen Zeit Anfang der 1990er Jahre. Institutionen oder Diskurse waren für mich immer zweitrangig. Mich interessiert vielmehr, wie sich Menschen Fragen und Problemen stellen. Dabei bin ich immer wieder Menschen begegnet, die mich langfristig verändert haben. Beispielhaft greife ich mal einige heraus, denen ich viel zu verdanken habe: Olaf Nicolai hat meinen Kunstbegriff stark erweitert und mir mit Anfang 20 den Mut eingepflanzt, anders zu denken. Die Kuratorin Barbara Steiner lernte ich 1996 kennen; sie weckte in mir den Reiz an der kontinuierlichen Auseinandersetzung. Jörg van den Berg ist ein Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher, der meine Wahrnehmung von Kunst stark verändert und vielleicht sogar verlangsamt hat. Carsten Fock lehrte mich Intuition und Leidenschaft. Jochen Hempel – mein Galerist seit 1993 – zeigt mir bis heute die Freiheit in meiner Kunst. Die Liste könnte ich nicht unendlich fortsetzen, aber mir würden noch einige andere einfallen. Aber es sind immer Menschen, die mich prägen und nicht Institutionen.

4 Inwiefern haben sich die Produktionsbedingungen und -mechanismen in den letzten Jahren verändert und inwieweit hat dies Deine/Ihre Arbeit beeinflusst?

Meine persönlichen Produktionsbedingungen haben sich in den letzten Jahren dahingehend verschoben, dass ich durch Ausstellungen wie im Haus der Kunst in München oder im Kunstverein Hannover komplexere Ideen verfolgen konnte. Meine Herangehensweise und die damit verbundene langsame Geschwindigkeit haben sich dadurch nicht wesentlich geändert. Aber es ist nicht leicht, die eigenen Ansprüche beizubehalten. Schnelligkeit, Zielorientierung, die Geilheit nach Neuem, kurzfristiges Denken – alles Parameter, die auch in der Kunst Dominanz ausüben. Das ist nichts neues. Hinzukommt jedoch, dass die Behauptung eines Kunstwerkes mehr und mehr abgelöst wird von einer Behauptung, die das Kunstwerk gar nicht einlöst. Ein Paradigmenwechsel, der mir Sorgen macht, meine Aufmerksamkeit aber auf Kunstwerke, Menschen, Ideen oder Projekte lenkt, die dem bewusst entgegensteuern oder Alternativen aufzeigen.