Acht Kunstwerke aus der 15. Istanbul Biennale – Isi bir komsu - A good neighbour

  • 21.09.2017

‚Lässt mich ein guter Nachbar in Ruhe?’ – eine der vierzig offenen Fragen der 15. Istanbul Biennale, die nicht konkret beantwortet werden und zusammen eine vage Widerstandsstimmung verströmen. Die am 16. September eröffnete Schau präsentiert sich als eine kleine Zusammenstellung von vierundfünfzig Künstlern. Im Vergleich zu der expansiven 14. Edition von Carolyn Christov-Bakargiev ein intimes Treffen. Bige Örer arbeitet seit fünfzehn Jahren für die Stiftung, die das Projekt der Biennale seit dreißig Jahren trägt. Als heutige Direktorin der Biennale sagt sie, dass als sie anfing, die Biennale noch keine Arbeiten in Auftrag geben konnte. Für ‚A good neighbour’ bezahlte die Stiftung jetzt die Produktion von 30 teilnehmenden Kunstwerken.

Wie kann sich aber diese Biennale in einem totalitären System bestehen, ohne die Autonomie der Kunst dabei zu verlieren, ohne somit eine große Paradoxie zu verkörpern? Die beauftragten Arbeiten sind meistens ruhige, in sich selbst versunkene Lamentos in drei Videokanälen, pathetischen Ausdruckstänzen oder düsteren Momenten des Bewusstseins auf der Leinwand. Doch etwas diplomatischeres als das, was ein skandinavische Künstlerduo konstruiert hat, konnte kein anderer Kurator an diesem Zeitpunkt und an diesem Ort vollbringen.

Elmgreen & Dragset sind für subversive Arbeiten bekannt, die immer ziemlich künstlich wirken. Man denke an deren toten Sammler im Pool vor dem skandinavischen Pavillon der Venedig Biennale 2009, oder an dem Prada Marfa Boutique mitten in der Texanischen Wüste. Das Unbehagen, das diese Arbeiten erzeugen, findet sich aber nicht in der Billboard-Kampagne, die sie mit dem Fotograf Lukas Wassmann vor der Eröffnung der Istanbul Biennale veröffentlicht haben.

Ist ein guter Nachbar einer, der aus einem Nachbarland stammt? - Etwas, was diese Kampagne leisten möchte, ist gegen die Isolierung der Kulturszene Istanbuls zu plädieren. Anna Zizlsperger, Herausgeberin des Istanbuler Magazin ‚Exhibist‘ für zeitgenössische Kunst behauptet, keiner habe hier aufgehört, in eigenen Projekten zu arbeiten. Freunde von Zizlsperger in Deutschland fragen sich, was sie da überhaupt noch macht. Genau das, worauf Prominente der Kunstwelt bei der diesjährigen Preview verzichtet haben: nämlich mit der eigenen Anwesenheit bei dieser Biennale mitzumachen. Ist dann also für die in der Türkei lebenden Künstlerinnen ein guter Nachbar ‚zu viel gewollt‘? Und kann man als liberaler Humanist von dieser Biennale mehr verlangen? Trotz kostenfreier Zugang und einen diplomatisch-journalistisch versierten Kernkonzept, bleibt es eine zu Unrecht marginalisierte Schau.

Doch hier die Highlights aus der griechischen Schule in Galata, dem Museum Istanbul Modern und aus dem Küçük Mustafa Paşa Hammam der Altstadt in acht Kunstwerke. Es sind Arbeiten, welche absolute Freiheit als noch lange nicht ausgeschöpften Etat der Kunst deklarieren; mal nostalgisch, mal brutal, mal einfach nur drollig, aber immer ernst gemeint.

1 ‚Willkommen Assumption: Or the Private Propertylessness and Pals’ von Stephen G. Rodes

‚Herzlich Willkommen‘ schreit der überdimensionierte Banner, welcher die Hälfte des Eingangs zu dem Frauenpavillon des Hammams versperrt. Der Zentralbau ist mit Gegenständen eines Themenparks, eines Horrorfilmes und der Flüchtlingskrise gefüllt. Hinter einem strukturlosen Turm, wo schwarze Mülltüten, Comic-puppen und ‚Refugees Welcome‘ Logos zusammenstürzen, läuft Robert Altman’s Film Popeye (1980). Durch sein gruseliges Kuriositätenlager zerstreut Rohdes Kerzen als Köpfenspieße, Motorboote ohne Luft, die mechanische Zwerge aus dem Karussell langsam und im Loop bewegen. Die inzestuöse Szene mit Ikonen des Entertainments und Leid ist ein Kommentar zu allem, was im Moment stattfindet. Rhodes braucht aber dafür keinen direkten Bezug zum Kontext, sondern bedient sich an historischem Material, Klischees und allgemeinen Fantasien eines baldigen apokalyptischen Endes eines bereits sterbenden Planeten.

2 ‚Trashole, Trashole’ von Kaari Upson

Ohne Kontaminierung kann man sich selten Großstädte vorstellen, doch Kaari Upson übertreibt und zeigt, dass Kontaminierung ohne Städte bereits existiert. Emotionaler Müll, zum Beispiel, der in unbewohnbaren neuen Wohnungsmodelle hängen bleibt. Es gibt auch Müll, der einen eigenen Raum schafft. Genau diese dreckige Dinglichkeit, die so erschreckend unbrauchbar und vertraut ist, wie all die Dinge die Amerikaner zum kurzfristigen Konsum produzieren, ist die Basis von Kaari Upsons Skulpturen. Sie sehen parasitär aus, und genießen eine beklemmende Qualität der eigenen Erscheinungsform, die einem sowohl wie stinknormaler Haushalt als auch monströse Fremdheit vor der weißen Wand vorkommen. Upsons Skulpturen werden gerne mit den hysterischen Alpträumen Ryan Trecartins sowie mit Digital Natives verglichen, die mit Bezug zum Post-Pop und Postminimalismus aufgewachsen sind und in neuen Wegen der Medialität und Technologien ihre Ängstlichkeit versinken.

3 ‚The Fascism of Every Day Life‘ von Morag Keil und Georgie Nettell

Ob kritischer Diskurs blühen kann in einer häuslichen Umgebung, das haben die Feministinnen landauf landab bestätigt. Die Verbindung von normativen Werten zum Faschismus zeigt sich hier am besten. Für Morag Keil & Georgie Nettell ist die Wohnung einen Schlachtfeld, denn um die Welt zu verändern muss sich erstmals Wertesystem der Menschen ändern. Diese Werte bekommen gewinnen zuerst zuhause ihre Form. Die Kollaboration zwischen den zwei Künstlern für das Video ‚The Fascism of Every Day Life‘ zeigt, wie sie und ihre Freunde bei der Webseite ‚Zoopla’ Mietpreise vergleichen. Bei jedem der mehreren Besuchen die sie an den Rändern des Londoner Stadtzentrums betreiben, wird jede Wohnung kleiner als die andere. Realität zeigt sich in kindlicher Gestalt, ist jedoch im Kern dokumentarische Forschung. Es bestätigt die Aussagen von Wirtschaftswissenschaftlern, die behaupten, die junge Angestelltengeneration von Heute sei zum ersten Mal in der Geschichte diejenige, die finanziell unstabiler ist als die der eigenen Eltern.

4 ‚The Johnson Boys Used to Set Off Fireworks In Their Mother’s home, Which Was Too Nice For Them, While We, Who Were Too Nice For The Johnson Boys, Pined Over Them Fiercely From Afar. They Didn’t Know We Existed‘ von Andrea Joyce Heimer

Social Media und die Antike sind eine und dasselbe Ding innerhalb der narrativen Gemälde von Andrea Joyce Heimer. Humor als Widerstand wird zwar lässt die 15. Istanbul Biennale zwar vermissen, doch Heimer lässt in den chaotischen Interieurs Geschichten mit Kaliber des magischen Realismus zu einer kollektiven Wirklichkeit amalgamieren. Alte Mythologien, neuer Radikalismus, nackte Männer und komischen Frauen unterscheiden sich nicht von Elementen wie Feuerwerken, Gardinen oder Wolken. Die glatte Oberfläche wird zur brutalen Komödie: unerklärliche, persönliche und doch ehrliche Urteile über menschlichen Beziehungen.

5 ‚Cables, Keys, Glasses, Lights‘ von Henrik Olesen

Als Kind wollte ich immer am Telefon sein. Ich wartete immer, mit dem Ohr an der Hörmuschel, bis mich diese Leere und der monotone Ton endlich reinschlucken würden. Das passierte nie, aber daran dachte ich als ich Henrik Olesens aseptisches Fetischkabinett am Istanbul Modern betrat. Neonröhren trennen hier Tafeln voneinander, doch in jeder mehr oder weniger dasselbe: Dauerkollision zwischen sexuelle Fantasien und geteiltem Leben. Die Kollagen von Schlüsseln, in grün-gesunkenen Plastikfolien, sowie die Abstraktionen architektonischer und räumlicher Details fragen nicht nur nach dem Lieblingsmöbel, mit dem man je eine Metamorphose erleben wollte, sondern auch nach Ethik und Technologien, die unsere Nähe und Distanz zur Realität bedingen. Egal wie langweilig einem dieses Kabinett vorkommen mag, es behält für sich ein erregendes Unbehagen.

6 ‚Lee Miller in Hitler’s Bathtub, Hitler’s apartment, 16. Prinzregentenplatz, Munich’ von Lee Miller & David E. Scherman

Der einzige greifbare und direkte Vergleich zwischen Recep Tayyip Erdogans totalitärem Regime und einer weiteren Diktatur erfolgt in der Ausstellung einer Serie von Fotografien, die die Kriegskorrespondentinnen Miller und Scherman im Jahr 1945 geschossen haben. Das berühmteste Bild aus der Serie zeigt den unheimlichen Moment, in dem die in Schönheit geschützte Lee Miller in der Badewanne Adolf Hitlers sich den Dreck und Horror abspült, sowie auf Eva Brauns Bett, kurz vor dem einschlafen. Leider verstecken sich die Bilder aus der Serie, zu dem dieses zelebrierte Bild gehört, in einem Durchgang in einer schrecklich komponierten Etage der Feministinnen im Pera Museum, wo Berlinde de Bruyckere, Monica Bovincini, Louise Bourgeois, Aude Pariset, Gözde Ilkin und Tatiana Trouvé in einem Kuddelmuddel von Frauenklischees zur Parodie von sich selbst werden. Millers Porträts dagegen bleiben, wie gesagt, ein einziges, einsames Statement.

7 ‚Crowd Fade‘ von Latifa Echakhch

Der Durchgang, den Echakhch mit ihrer ortsbezogenen Installation schafft, bezieht sich auf Fragmente einer fotografischen Aufnahme der Proteste im Gezi-Park 2013. Die zerbröckelnden Wände dieses schmalen Ganges zeigen Entropie als seltsamen Zustand innerhalb politischer Unruhe. Energetisch bricht das Bild durch die Farbbeschichtung. Echakhch zeigt eine Arbeit, die die der Zerstörung gewidmet ist. Doch egal wie stark die Unzufriedenheit ist, die durch die hier dargestellte Demonstration verkörpert wird, das Bild bleibt in seiner Unvollkommenheit Äquivalent des Verfalls von Idealen wie Demokratie, Protest und politischem Fortschritt.

8 ‚Scenario in the Shade’ von Jonah Freeman und Justin Lowe

Durch das Dixi-Klo versinkt man in einer anderen Welt, nämlich in der der ‚San-San International‘, einer heimatlosen Republik. Oder vielleicht einfach nur in Kalifornien in einen sehr sehr langen Trip mit Halluzinogenen? Rastafaris, Techno-Junkies und Privatschul-Schwänzer beherbergen sich in dem labyrinthhaften Hotel, wo in zerfallenen Kammern, Konzertsälen und Wintergärten eine zerreißende Ode an Technik und Synthetik in einer kantigen Reihenfolge stattfindet. Es ist schwierig, diese ambitionierte, raumergreifende Installation zu verlassen. Inspiriert von dem futuristischen Roman von Herman Kahn “The Year 2000”, werden DVD Hüllen für erfundenee B-Movies wie ‚Tantric Tax Evasion‘ oder Chantilly-Torten besprüht mit psychedelischen Motiven in einem Hall of Fame gezeigt. Trotz dem Amphetaminenrausch, der hier herrscht, verlieren Freeman und Lowe kein einziges Mal ein Bezug zur Welt.


Nicht lektoriert.