Warum sind wir hier? – Ortspezifizität & Ortswechsel / Skulptur Projekte 2017 & Münster

  • 17.06.2017

Eine Reihe von galoppierenden Mädchen in pinken kurzen Hosen trainiert am Reitstall vom Haus Kump, ganz am unteren Rand des Aasees, während die Eltern draußen beim Friten-Kiosk warten. Deren Leistung ist makellos, doch etwas daran wirkt zur gleichen Zeit parodistisch. Mir scheint es, als ob die Mädchen die Rolle der Pferde übernehmen würden. Sie erinnern mich an ‚Human’, die lange weiße Ibiza Hündin, auch mit einem Pinken Bein, die Pierre Huyghe auf der Karlsaue während der documenta 13 in einem von Ihm - aber auch von der Kunstwelt - determinierten Biotop frei herumlaufen ließ. Bei den Mädchen handelt es sich um eine Uniform, bei ‚Human‘ von einer Fellmanipulation. Beide sind Entfremdungsmerkmale einer Gesellschaft der Optimierung, wider-gespiegelt durch Training und Exzentrizität.

Moment – diese Entfremdung scheint sich nur bei mir zu entlarven, nicht bei dem Rest der Zuschauer, die mit Pommes und Erfrischung, die Szene miterleben. Für einen Augenblick dachte ich eigentlich, die Mädchen wären Teil einer Performance von Ei Arakawa: ein paar Meter weiter vom Reitstall hat er jedenfalls sieben grob gerasterte LED-Malereien (oder wie sie der Künstler selbst nennt ‚digital paintings‘) inszeniert. Arakawa ist für das performative Verhältnis seiner Praxis gegenüber heutiger allgemeiner Definition und Funktion von Bildern bekannt. Musicals und Trailers, Albumcover oder Postkarten – bei all seinen Arbeiten scheint immer Partizipation gezwungenermaßen stattzufinden. Arakawas audiovisueller Chor unerkennbarer Bilder und Geräusche am Haus Kump erinnert an einen Slap-Stick, den man als Parodie der Öffentlichkeit verstehen könnte.

Nämlich das Internet als Äquivalent des physischen öffentlichen Raums. Die galoppierenden Mädchen in Pink habe ich aber erst auf Instagram gesehen, als ich auf dervirtuellen Suche der Standorte (oder fremden Eindrucke) der diesjährigen Skulptur Projekte war. Kasper Königs Dezennale für die Stadt Münster entstand 1977 aus einer persönlichen Notwendigkeit heraus den Münsteranern zu erklären, warum der öffentliche Raum Kunst braucht, die keine monumentalen oder propagandistischen Zwecke verfolgt, sondern Raum für ästhetische Selbsterfahrung kreiert. Eine Öffentlichkeit für die Kunst zu schaffen bedeutet aber auch gleichzeitig eine Öffentlichkeit zu aktivieren, die sich selbst sucht: also eine Demokratie.

Ortspezifizität und Ortswechsel sind in der letzten Ausgabe der Skulptur Projekten Münster weitere fundamentale Aspekte vom Stadterlebnis geworden. Somit haben Münsteraner auch eine öffentliche Sammlung gewonnen, die in deren Stadtbild hineinwächst. Dazu gehört natürlich auch ein Instagramprofil (@skulpturprojekte). Der Stolz der Münsteraner auf diese Kunstwerke ist beeindruckender als der den die Münchner auf ihr Oktoberfest zu haben scheinen. Ich habe noch nie so viele normale Menschen bei einer Ausstellungseröffnung gesehen, die mit ehrlicher Interesse sich das angehört haben, was die Politiker und KuratorInnen zu den Skulptur Projekten zu sagen hatten.

Dieser Stolz ist kein leeres, rhetorisches Gefühl sondern gibt der heimatlosen Kunstblase einen klareren Horizont. Denn hinter der Kunstwerke befinden sich nicht nur die Künstler, sondern auch Tätowierer, Reiseführer, Kleingärtner, Kellner, Radler. Die Kunstblase ist sonst ein ziemlich chaotisches Durcheinander, schreibt Nora Schultz in einem Statement zu ihrer eigenen Arbeit, die am Treppenaufgang des LWL-Museums, wie ein Negativ des Museumgebäudes wirkt. Auf sich konstant drehenden Videoprojektionen sieht man von Drohnen gefilmte Aufnahmen, die den Eingang zu einer offenen Form entgrenzen. Das Innere vom Museum wird von Schultz zur Skulptur gemacht.

Was kann denn bei einer Großausstellung schief laufen, die nichts anderes verspricht, als das, was sie ursprünglich gesucht hat, nämlich die Beziehung zwischen Bürger, Alltag und Kunstwerke zusammenzuziehen?

Zwischen dem Skulpturalen und Öffentlichen kann man sich einfach nicht verzetteln. Die KuratorInnen beweisen somit, dass hier Kunstwerke mit der Stadt konversieren, ohne dabei an die eigene Wirklichkeit zu verlieren, die nicht unbedingt die Münsteraner betreffen muss. Arakawas ‚Harsh Citation, Harsh Pastoral und Harsh Münster‘ verlangt von den Spaziergängern eine körperliche Auseinandersetzung mit den Gegenständen. Denn nur wenn man genau hinter die Panels schaut, sieht man eine Folie mit einiger Information auf einen Stromschalter geklebt. Die eigentliche Bildvorlage für diese Arbeit ist ein Gedicht:

Why Am I Here?
(Reena Spaulings, Later Seascape 6, 2014)

(...)This... is a proposition of painting Fine.
You don’t have to love me. Scooba. Brand.
Aesthetic dances with chair of board.
Writing my poem quarterly dissemination Why am I here? (in Münster)

Man könnte es singen, muss man aber nicht. Es ist eine Arbeit, die ähnlich wie Inke Arns Essay zur ‚Freiheit in Zeiten der Mustererkennung‘ im Ausstellungskatalog, von der fragwürdigen Neutralität des Internets spricht. Im digitalisierten öffentlichen Raum steht Transparenz für das Verstecken oder Unsichtbarmachen von Informationen als Komplexitätsreduktion. Wie kann nun der Besucher handeln? Man kann sich zum Beispiel die App herunterladen, die Ivo Wessel für Andreas Buntes wissenschaftlichen Filmen programmiert hat, um sich Verfilmungen des Laborlebens anschauen zu können.

Somit stellt sich die Frage, inwieweit die Wissenschaft noch ein neutraler Ort der Beobachtung sein kann. Oder sich Hito Steyerls ‚HellYeahWeFuckDie‘ Video anschauen, die im Gebäude der Westdeutschen Landesbausparkasse (LBS) als Video Game mit Beton, Lichtkasten und geometrische Figuren inszeniert wird. Der Titel trägt die laut dem Billboard Magazin am häufigsten gebrauchten fünf Worte in den englischsprachigen Musikcharts der vergangenen Dekaden. Steyerl hat zwar mal tiefgründigere Arbeiten zur Politik, Gewalt und künstliche Intelligenz produziert, die unbekannten Fähigkeiten der Roboter in ferner Zukunft lassen allerdings darüber nachdenken, wie Roboter in Japan bereits Gespräche mit Passanten führen können, und ob es dieser Arbeit an einer Öffnung (oder Realitätsnähe) mangelt, durch die man Zugang zu Steyerls mediale Untersuchungen haben könnte.

Durch die überfüllte Passage am Hauptbahnhof radeln Menschen im Schritttempo, Trolleys werden geschoben, Musikanten spielen das übliche poppige Repertoire. Dieses vermischt sich aber mit Klängen hochkonzeptueller Natur. Was wird hier übertragen und was wird hier gespielt? Emeka Ogboh verwendet für den Hamburger Tunnel Kompositionen von Moondog, gespielt von Stefan Lakatos, die einen mit der Frage mitten in der Fußgängerzone (verträumt) stehen lässt: Was war das.. schöne?

‚Speak to the Earth and It will Tell You’ ist Jeremy Dellers zehnjähriges naturwissenschaftliches und kulturanthropologisches Projekt über Ereignisse an der Stadtperipherie und Kuriositäten von Alltagsroutinen. Er saß zur (Wieder)eröffnung des Projektes da, total entspannt mit Gummibärchen und einem Gästebuch am Tisch, an einem der Häuschen unter den Kleingärtnern der Peripherie Münsters. Die Besucher, die sich darum bemühen, die Bücher seiner kleinen Bibliothek durchzublättern, erfahren mehr über eine Dekade voller alternativer Geschichtsschreibung. Welche Figuren prägen nun das Bild vom Stadtleben in Münster?

Obdachlose im Park, Rentner im Friedhof, Kinder auf der Suche von einer Ladestation für das Smartphone, Freeletics-Aficionados an der Promenade im Hippenstadtviertel. An der Schnittstelle zwischen Refugium und Bühne erscheinen nun die kaputten Körper von Nicole Eisenmann, die als Brunnen durch perforierte Körper Wassen spucken und dampfen, oder Justin Matherlys ‚Nietzsche’s Rock’, eine an mehreren Stellen brüchige und gelöcherte Kopie vom Fels am See von Silvaplana im Oberengadin, wo nach eigenen Angaben an einem Augusttag im Jahr 1881 Nietzsche zur Idee der ewigen Wiederkehr des Gleichen kam.

Dass Künstler bei ihren formalen Entscheidungen bereits eine zwiespältige Haltung zur Definition von Skulptur im öffentlichen Raum zeigen, spricht für die aktuelle Auffassung des Mediums an sich, die nach wie vor eine tiefgründige Verpflichtung zur seiner ästhetischen Vergangenheit trägt: Skulptur muss körperlich wahrgenommen werden, und dafür braucht das Kunstwerk einen spezifischen Ort. Dieses objektive Merkmal der Kunstwerke bleibt hier in Münster unauswechselbar.

‚In der fünften Ausgabe zu Zeiten vielfältiger Globalisierungsfolgen auf der Stadt Münster als alleiniger Referenzgröße zu beharren, erscheint jedoch unangemessen anachronistisch‘, schreibt Britta Peters in der dritten und letzten Ausgabe der Zeitung mit dem Titel ‚Out of Place‘. Doch die dystopische und jedoch visionäre Arbeit von Pierre Huyghe ‚After Alife Ahead‘ (2017) scheint nicht viel stärker als die filigrane und poetische Antenne von Ilya Kabakov ‚Blickst du hinauf und liest die Worte...‘ (1997) zu sein, in dem beide zeitgemäße geographische und technologische Untersuchungen liefern.

Hyughes Ausgrabungen in einem früheren Eispalast, verstecken sich hinter einem Burger King und verwandeln dessen Innenraum in eine unfassbare Landschaft. Alles was hier lebt bleibt den meisten unsichtbar, was schade ist. Ohne den Chimäre-Pfau, die Krebszellen, die von Algorithmen gesteuerte Dachkulisse, oder die Bienen sehen zu können - welche essentiell sind, um Hyughes Reflexionen über eine post-menschliche Welt zu verstehen - wirkt diese Divina Comedia wie ein High-Tech-Missverständnis. Huyghes Arbeit wird irgendwann mal zerstört werden. Kabakovs Antenne weckt stattdessen seit zwanzig Jahren existentielle Ruhe mit einem Goethe Zitat, das auf den Himmel projiziert wird, während es zugleich unsere Beziehung zum Weltall funkt und uns von Münster ablöst. Um es gut lesen zu können, sollte man sich auf das Gras legen:

‚Mein Lieber! Du liegst im Gras, den Kopf im Nacken, um dich herum keine Menschenseele, du hörst nur den Wind und schaust hinauf in den offenen Himmel - in das Blau dort oben, wo die Wolken ziehen - das ist vielleicht das Schönste, was du im Leben getan und gesehen hast.’

Wir sind durch so viele undefinierte Wege und nach vergeblichem Suchen nach dem Gemeinsamen, hier angekommen.


Mit Dank an Lisa Moravec für ihre Kommentare zum Kommentar.