Alexander Schröder über Optik Schröder II – Ein Gespräch mit dem Gründer der Berliner Galerie Neu über die Ausstellung seiner Sammlung im mumok

Wofür kauft man sich eine Rakete von Cosima von Bonin, die durch Institutionen und Ausstellungen hin und her transportiert wird, wenn man sie nie zu Hause sieht? Oder ein riesiges Nagelbrett von Kai Althoff, über dem eine mittelalterlich köstumierte Puppe durchrutscht und sich den Hintern verkratzt, die nie in die eigenen Räumen passen wird? Wofür sammelt man Kunst? ‚Um Strukturen zu schaffen’, erklärt Alexander Schröder.

Als Mitbegründer der Galerie Neu, Gesellschafter des Berlin Gallery Weekends, gefragtes Jurymitglied einiger Elite-Kreise der Kunstwelt und leidenschaftlicher Sammler, präsentiert Schröder nach Einladung von Karola Kraus, Leiterin des Museum für moderne Kunst in Wien (mumok) seine Kunstsammlung zum zweiten Mal in einer öffentlichen Institution. Die Ausstellung „Optik Schröder“, deren zweiter Teil noch bis zum 27. Mai in Wien zu sehen sein wird, wurde erstmals 2006 im Kunstverein Braunschweig, ebenfalls nach Einladung von Kraus, gezeigt.

Der Ausstellungsname spielt mit dem Topos eines Brillenladens, und evoziert somit Schröders Tätigkeiten in ihrer Gesamtheit: Das als Familientradition betriebene Sammeln von Kunst, der Handel von Kunst und die vis-á-vis Auseinandersetzung mit Künstlern, als wäre er selbst einer von ihnen.


Der New Yorker Galerist Colin De Land scheint die größte Rolle als Vorbild hier zu spielen. Du hast ihn ja ein paar Mal im Bezug zur Ausstellung erwähnt…

Nervt es schon, dass ich ihn so oft erwähne? Doch? Nein, oder?

Ja, aber was für ein Vorbild ist er?

Vorbilder muss man ja nicht verheimlichen. Er als Figur erklärt für mich ganz gut, was für einen Unterschied es macht, wenn man einen anderen Ansatz hat als andere Galeristen. Colin de Land war auch Künstler, und war gut mit Künstlern befreundet, die nicht unbedingt bei ihm ausgestellt haben.

Also war er für dich nicht nur als Galerist, sondern auch als Sammler eine Vorbildfigur?

Eher als Erscheinung. Diese Bandbreite von Dingen, die er gemacht hat, hat er sowohl geschäftlich als auch privat ernst genommen.

Wie stand er so da, als Erscheinung?

Ihm ging es nie nur um das Verkaufen, sondern um den intensiven Austausch. Es war fast wie eine Performance. Er war am Ende mehr Künstler als alles andere.

Wie zeigte sich das?

Er war in vieles involviert, und hat unter Pseudonymen mit anderen Künstlern gearbeitet, u.a. Richard Prince. Mit Pat Hearn, Paul Morris und Matthew Marks hatte er dann die erste Messe - Gramercy International Art Fair - im Gramercy Park Hotel organisiert und daraus ist Die Armory Show entstanden. Kurz, es hat ihn interessiert, Strukturen aufzubauen.

Hast du dich auch dann bei seinen Interessen wiedergespiegelt gesehen?

Das Ausstellungsmachen hat ihn interessiert, und somit ein Forum für die Künstler kreieren zu können. So was ist weit weg vom Kunsthandel, wo es nur um das Objekt geht.

Und du hast dich nicht für den Kunsthandel primär interessiert?

Nein, nein. Wir sind hier in MD72, an einem nicht-kommerziellen Ort, wo ich mit Künstler zusammenarbeitet, die nicht zwangsläufig im Galerieprogramm sind. Das interessiert mich genau so wie der Fokus unserer Galerie Neu.

Es gibt also einen Unterschied zwischen Galerie und Projektraum, sowie zwischen einen Kunstverein und ein Museum für Moderne Kunst.

Ja klar.

Wie verhält sich Optik Schröder II zu Optik Schröder I 2006 im Kunstverein Braunschweig?

Die von mir sehr geschätzte Karola Kraus, geb. Grässlin, ist eine der wenigen Personen, die sowohl ein ähnliches Faible für künstlerische Positionen, wie auch Expertise und Zeitzeugenschaft besitzt und genauso Erfahrung mit den unterschiedlichen Rollen. Karola hat mich damals eingeladen, diese Ausstellung zu machen. Sie kommt selbst aus seiner Sammlerfamilie, war zusammen mit einem Galeristen, und leitet im Moment das mumok.

Ist das nicht total unmöglich, dass ein öffentliches Museum die Sammlung eines noch tätigen Galeristen ausstellt?

Vielleicht. Ungewöhnlich ist es schon auf den ersten Blick. Mehr als verständlich ist, dass es polarisiert. Aber es ist Teil der Dynamik eines Kunstsystems, in dem der Rollenwechsel unvermeidbar ist. Rollen sind austauschbar geworden.

Verändert sich nicht die Logik der Ausstellung, in dem vom experimentellen zum etablierenden Kontext ein Sprung gemacht wurde?

Die Frage verbinde ich mit einer anderen: Warum sammelt man überhaupt Kunst? Es geht dabei nicht nur darum, wo die Kunst landet, sondern um eine bereichernde, determinierende Rolle. Manche lassen Häuser und Pavillons dafür bauen. Die Kunst gehört, glaube ich, in die Öffentlichkeit. Natürlich ist es irritierend, dass ein Galerist jetzt die eigene Sammlung zeigt, aber meine Tätigkeit gehört zu einer langen Sammlertradition, die Künstler jahrelang verfolgt und begleitet.

Du bist gewöhnt, Kunstwerke an Museen und weitere Institutionen für Ausstellungen zu leihen. Aber das hier ist deine Ausstellung.

Karola Kraus muss einen Grund haben, meine Sammlung zu zeigen. Ich kann nur für mich sprechen und finde es interessant zu sehen – und mir ist es dann egal wo und wie die Ausstellung stattfindet – wie die Arbeiten in der Öffentlichkeit funktionieren. Was sind diese Charaktere? Ich hoffe, dass für das Publikum verständlich wird, dass nicht alles über die Marktbrille erklärt werden kann. Das wäre ja schade.

Du selber bist aber irgendwie eine Institution, dein Name eine Marke. Wofür steht deinen Namen so prominent im Ausstellungstitel?

Es ist einfach eine spielerische Erweiterung von der ersten Ausstellung. Es ist ein Glück, dass Karola nach zwölf Jahren immer noch an die Kraft der Sammlung glaubt.

Hast du diese Motivation nie hinterfragt?

Naja, die kuratorische Frage, die sie stellt, ist über das Weiterleben einer Sammlung. Wie geht es dann weiter? Ich finde es mutig, dass sie diese heikle Konstellation der privaten Sammlung eines Galeristen innerhalb der Institution anhand von Arbeiten begründen kann.

Gibt es außer deinem Namen etwas, dass der Ausstellung einen Faden gibt?

Sie versteht sich wirklich als zweiter Teil eines Ausstellungsprojektes, das der Sammeltradition der Familie Schröder ganz nahe steht.

Hast du die Ausstellung mitkuratiert?

Es war ein Zusammenspiel. Da schon mein Namen so omnipräsent ist, musste ich auch nicht der Kurator sein. Und da es mit Karola die einzige Form ist, in der die Sammlung sichtbar wird, kann man es ihr schon überlassen.

Wie stehen die Kunstwerke zueinander?

Es gibt unter anderem eine Ausstellung innerhalb der Ausstellung, mit Arbeiten, die für mich sehr viel bedeuten. Sie hängen nicht, sondern wurden auf Regalen nebeneinander platziert. Am Eingang steht auch eine Reihe von kleineren Arbeiten von Kai Althoff, die etwas mit den Anfängen der Sammlung zu tun haben.

Was ist mit Kai Althoffs 'Stigmata aus Großmannssucht' (1999)? Wo lagert man so was?

Wir haben das Glück, Hanna Brandes und viele andere, auch Restauratoren, die sich professionell und umsichtig um die Sammlung kümmern, im Team zu haben. Gutes ‚Art Handling’ ist das wichtigste für unsere Sammlung.

Das heißt, die Installation von Kai Althoff kann nur im institutionellen Rahmen gesehen werden?

Die Arbeit habe ich zum ersten Mal in Hamburg gesehen. Bei Andreas Osarek in der Galerie Ascan Crone und die war jetzt mal in einer Gruppenausstellung in Posen, bei Focal Point on C, und in Braunschweig bei Optik Schröder I haben wir sie auch aufgebaut.

Also kann sie nur in öffentlichen Räumen gezeigt werden.

Ja, hier passt sie gar nicht rein.

Ja, eben.

Aber da fängt ja das Sammeln an. Damals fand ich die Installation beeindruckend und beängstigend. Beide Figuren haben das Konterfeit von sich selbst, und einer rutscht das Nagelbrett runter – blutige Geschichte – und hat in seinem Plastikbeutel Fotokopien aus Bilder Brasilianischer Fantasien. Ok, was soll das jetzt heißen? Die Initiationskulisse, die historischen Kostüme; ich konnte gar nichts dagegen sagen. Es musste sein.

Was genau musste sein?

Wenn man weißt, dass man nicht nur Betrachter ist, sondern auch die Arbeiten kaufen kann, dann eröffnet sich ein anderes Spannungsfeld. Es ist nicht klar, was damit geschehen wird und es ist nicht klar, wohin damit die Reise geht.

Gab es sonst weitere Kriterien, die für dich wichtig waren bei der Entscheidung, so eine riesige Installation zu kaufen?

Nein. Ich habe von Anfang an Kai Althoff gesammelt. Da konnte kann ich einfach nicht rational bleiben. Ich konnte es machen, also kaufte ich es. Mein Vater hat auch viel gesammelt und er hat mir gezeigt, dass es geht, auch wenn sich meine Sammlung stark davon entfernt, was er sammelt.

Ach, der Vater!

Ja, der Vater. Also gut, wo finden wir noch den Vater hier (schaut über die Installationsansichten der Ausstellung). In Pierre Klossowskis ‘La mediation de Roberte sur le lit de mort d’Octave’. Diese Arbeit habe ich mit meinem Vater zusammen gekauft.

Möchtest du deine Sammlung irgendwann mal einer öffentlichen Institution schenken?

Es gibt verschiedene Varianten, wie Sammler damit umgehen. Ich fand die Idee, einen eigenen Raum für die Sammlung zu haben, nie so spannend. Jeder hat eine eigene Motivation, und jeder für sich macht es ganz toll. Man kann mit Protagonisten ganz offen drüber sprechen. Es gibt andere, die ihre eigene Sammlung verheimlichen, und erst wenn sie uralt sind, verschenken sie alles in einem Schwung. Ich bin noch nicht so alt, möchte also die Arbeiten noch nicht loswerden.

Aber ein paar Arbeiten schenkst du schon, oder?

Manchmal.

Hast du schon mal einer öffentlichen Institution was geschenkt?

Ja. Öfters. Beispielsweise die Hut-Arbeit von Christian Philipp Müller.

Hast du Sie vom Künstler direkt gekauft?

Nein, ich habe Sie in einer Galerie gekauft.

Die Arbeit passt so gut zur Ausstellung, als ob es ein Auftrag gewesen wäre.

Es hat was Didaktisches. Damals fand ich es ganz gut, vor allem den humorvollen Aspekt, den der Künstler ganz gut pflegt. Manchmal kann die Konzeptkunst so belehrend sein, aber Christian bricht die Ernsthaftigkeit mit Witz.

Welchen Hut trägst du am liebsten?

Immer unterschiedlich. Je nach Tageslaune.

Inszenierst du dich bei dieser Ausstellung?

Ich zeige sehr viel von mir. Was mir am Herzen liegt.

Erfährt man hier etwas über dich als Mensch oder als Sammler?

Je nach Hut.

Beschreibe deine Sammlung in drei Werken, die du besitzt.

Pierre Klossowski’s 'La mediation de Roberte sur le lit de mort dòctave'; Es ist die einzige Arbeit der Serie, in der Roberte nicht nackt ist. Tom Burr’s 'Double Partition Plattform'. Ich bin relative früh mit der Arbeit von Tom Burr zusammen gekommen. Wegbegleiter. Bei ihm habe ich zuerst die Ausstellung und dann ihn kennengelernt. Irgendwann kam ein Projekt mit Neu. Durch die Beschäftigung seiner Arbeit hat sich eine Arbeitsbeziehung entwickelt.Und Cameron Rowland’s ,Northfolk southern (Alabama)'. Meine allerletzte Akquisition vor der Ausstellung in Wien. Das besondere dieser Arbeit ist, dass man sie nicht besitzen kann. Sie stehen für die Kriterien, die ich bevorzuge: Klossowski für das poetische, das figürliche, Burr für das abstrakte und skulpturale und Rowland für inhaltlich aufgeladene Komplexitäten.

Hat sich das Sammeln für dich in den letzten Jahren geändert?

Es gibt keine Mitstreiter mehr, und ich meine nicht eine negativ geladene Besessenheit. Es fehlt eine dynamische Begeisterung für die Kunst. Es ist sehr materialistisch geworden.

Fühlst du dich aber nicht mitverantwortlich dafür?

Nicht wirklich. Wir wachsen gerne langsam.

Ist es für dich leichter geworden, Kunst zu verkaufen, indem du sammelst?

Verkaufen ist eine Kunst für sich. Wenn die Stimmung passt, dann kann man sich selbst einbringen.

Was sagen die Sammler zu deiner Ausstellung?

Dazu erzähle ich gern was ein Sammlerkollege gesagt hat, der zur Ausstellungseröffnung kam, das für mich sehr schmeichelhaft ist:

“What became so obviously clear is Alexander’s deep respect, even admiration, not particularly for esthetics, but more for the idiosyncratic approach and enigmatic imagination of every individual artist included in his fascinating collection… You would do me a sincere favor if you would forward to Alexander my undivided enthusiasm for the presentation as well as for the catalogue!”

Was sagst du dazu?

Ich respektiere ja die Meinung und die Arbeit der Kollegen und hoffe, dass sie auch eine differenzierte Lesart dafür haben, dass es sich bei dieser Ausstellung um gute Arbeiten handelt.

In einem Interview mit dem ‚Artist Magazine‘, herausgegeben von Joachim Kreihbohm, erklären du und dein Partner Thilo Wermke, dass das bedauerliche an besagter Off-Kultur ihr Verständnis ist, sie wäre avantgardistisch und subversiv, dass aber in Wirklichkeit sie den gängigen Mainstream bedient. Sind die Künstler Eurer Galerie mittlerweile alle mainstream?

Selbstverständlich NICHT.

Natürlich, nicht!

Nein. Aber man muss ja die Arbeiten verkaufen. Es wäre vermessen zu sagen, dass ich Vorbild für andere Sammler oder Galeristen sein möchte, und ich möchte auch Niemandem vorschreiben, was sie kaufen oder ausstellen sollen oder nicht.

Was ist für dich wichtiger, das Werk oder der Künstler?

Das verschiebt sich mit der Zeit. Es gibt viele Künstler, die ich total sympathisch finde, aber ich würde nicht unbedingt eine Arbeit von denen haben wollen. Dabei ergeben sich immer Diskrepanzen. Manche finden, ich sollte ihre Arbeit gut finden, weil wir uns verstehen. Aber mir geht es um das Werk. Es klingt so, als ob der Künstler unwichtig wäre, und das stimmt nicht. Mir sind die Künstler immer wichtig, auch ihre Fauxpas.


Zuerst erschienen bei Moussemagazine.it im März 2018