ART N MORE bei SPERLING – Was es heißt, die Geschichte als Ganzes vor sich ausgebreitet vorzufinden, verdichtet sich mehr in dem Gedanken, welche Unmöglichkeit es darstellt, sie im Nachhinein zu verändern.

Da erscheint sie, die Geschichte, ausgebreitet mit allem drum und dran, lückenlos und in einer dringlichen Gesamtheit, in ihr alles Wissen ausloten zu können. Und dennoch ist man einem weiten Feld von Projektionen, Spekulationen, Vermutungen, Unwägbarkeiten und letztlich dem Scheitern einer kompletten Rekonstruktion ausgesetzt. Der dringende und drängende Wunsch in ihr, der Geschichte ein Folge von Ereignissen ausmachen zu können, die schön geordnet im Nach- oder Vorhinein ein kausales Muster annimmt und erklärend, gelegentlich mit der Absicht belegt, belehrend sein könnte, aus dem wie auch immer leuchtend, strahlend oder düster die Gegenwart hervorgeht, gerät leicht zur wirren Gemengelage, schweift man von der eigentlichen Ursache dieses Wünschens in die Sache selbst ab. Sie, die Geschichte, macht es einem nicht leicht.

Aber so gerne gibt man diese Leichtigkeit nicht auf, zumal einen die Ahnung beschleicht, dass selbst die Summe aller vergangenen Ereignispartikel, eben diese abgeschlossene Gesamtheit, immer einen zweifelhaften Erkenntnisgewinn ausmachen würde, würde man ihr vollständig habhaft werden. Darüberhinaus erscheint sie, die Geschichte, in ihrer Vermittelbarkeit höchst disparat, ihre Anpassungsfähigkeit an Interessenssphären ist enorm, und ihre lückenhafte Gestalt wird gerne für lückenhafte Argumentationen instrumentalisiert, selbst wenn diese den Anspruch begleiten, auf einem Prinzip, auf Bedeutung, Geist, Weltsicht, Gesamtform zu beruhen. Kurz gefaßt, befindet man sich im Übergang von der Geschichte zur Gegenwart an dem zweifelhaften Punkt, an dem Evidenzmangel und Handlungszwang aufeinander stoßen, über den sich hinwegzuretten, auf nur mehr oder minder dunkle Re-Konstruktionen zielen kann.

Das Spiel mit der fossilen Vor-Welt, einem ‚Land vor unserer Zeit‘, einer prähistorischen Verdichtung fast eskapistischer Vorstellungen von Biologie, wo es um Dimensionierungen von tierischer Lebensformen geht, die allein in Mythen, Fabeln, Götter- wie Unterwelten, im Fantastischen zum Vorschein gekommen sind, würfelt unsere ganze Zeitauffassung durcheinander. Und so changiert die neue Ausstellung von ART N MORE, bestehend aus dem Künstlerduo Paul Bowler und Georg Weißbach, in der Galerie Sperling ‚Aus der neuen Welt’ irgendwo zwischen Geschichtsempfinden und am Horizont aufleuchtenden Geschichtskonzeptionen ohne in die Grauzeit eines Historismus zu verfallen, weil es ihr nicht einfällt, eine verbindliche Ernsthaftigkeit aufzubringen.

Die Schaukästen der Galerie, zwischen denen sich der Eingang befindet, sind ausgestattet mit den Fotografien von mehr als wirklich nachempfundenen römischen Tempeln, die erst kürzlich als Kulisse zu einer Serie über das römische Reich nachgebaut wurden, versehen mit eben den Verwitterungsspuren, die wir von dem kennen, was alt ist - sähen sie aus, wie sie vielleicht wirklich waren, bunt und makellos, würden wir sie als abgeschmackten Teil einer mehr oder minder ausgefallenen Shopping mall identifizieren. Unsere tapfere, neue Gegenwart, unsere ‚neue Welt’, mag das Alte in ihren ganz eigenen Vorstellungsformen - konzentriert läuft das auf die schöne Sentence hinaus: ‚I love history because it is so old.‘

Wie eben angedeutet, geht es weiter zurück, tiefer, noch weiter, vom Vergangenen ins Vor-vergangene, in eine Zeit, die ohne menschliche Augenzeugenschaft auskommen muss, und das römische Imperium bildet nur das Entree in ein Gebiet, das gleichermaßen zur Rekonstruktion verführt. Die Qualität der Verführung liegt nun darin, das Bedürfnis zu haben, ein seriöses Bild entwerfen zu wollen. Art N More geben uns dieses Bild in aller vielschichtigen Breite ohne die wichtige Nuance auszulassen, dass wir immer nur die Vergangenheit oder, wie im Falle der Ausstellung ‚Aus der neuen Welt, das Vor-vergangene bekommen, die oder das wir verdienen - ‚getting the past we deserve’.

Die Bildwerke, die uns das vermitteln, sind Bildwerke in einem ganz uneingeschränkten Sinne greenbergscher Kunstproduktion - kompakt an den Wänden hängende Leinwände. Darüberhinaus sind sie noch mehr, diese Bildwerke, weil ein jedes in einer Verdoppelung besteht. Die eine Seite zeigt uns die schön gemalte Dinosaurierwelt, bunt, eindeutig und klar erkennbar, die andere eine weiße Leinwand mit einer lateinischen Einschreibung. Über die verschütteten, holprigen Lateinkenntnisse hilft hinweg, eine Übersetzung ins Deutsche, die wir beim Entree, den römischen Tempeln, finden:

I. AN ALLEM IST ZU ZWEIFELN
II. ES ZU WAGEN, IST ES ZU TUN
III. GUTE MÄNNER WEINEN LEICHT
IV. LASST UNS ALSO FRÖHLICH SEIN
V. WER, WAS, WO, WODURCH, WARUM, WIE, WANN?
VI. GELD STINKT NICHT
VII. MEIN WUNSCH IST ES IN EINER KNEIPE ZU STERBEN

Liest man diese als Statements, schleicht sich der Verdacht ein, dass sie auf das Leben gemünzt sind, ein im Ganzen erratisches Lebensprogramm. In dieser Hinsicht erleiden die Statement und darüberhinaus die Bildwerke den Mangel, nicht wirklich eine Position einzunehmen und buchstäblich gelesen, nicht einmal eine Haltung. Die Haltung - nicht die Position - stellt sich an der Stelle ein, entnimmt man diesen Statements ihre Ironie, einem andeutenden Geflecht, sich im Kontingenten irgendwie zu orientieren, ohne einem Behauptungsanspruch zu viel Gewicht einzuräumen. Das Lateinische zielt auf Gravität, die Aussage auf Verwirrung. Die Bilder selbst als Bildwerke greifen eine für Kinder erfundene, comichafte Naivität auf, die sich wie ein Beleg für das Vergangene als Erfundenes erweist und dennoch in der Belegbarkeit nicht weiter von Realität abweichen, wie etwa realistisch erscheinende Rekonstruktionen, die wir aus ‚Jurassic Park’ kennen. Art N More greifen ein Bildprogramm auf, das genau an der Stelle entstanden ist, wo es sich gegen eine kohärente Definition von Bild und Kunst, einem letzten Aufbäumen dagegen, dass alles Text ist, gewendet hat, weicht von der materiellen Ausrichtung der Definition jedoch nicht ab. Darin mag das schöne ‚Mehr’ (More) stecken, nicht als Mehrwert der Kunst selbst, sondern als ihre Unterwanderung. Pop-Art mag für manche der Aufbruch ins Beliebige darstellen, als Zerstörung der traditionellen, referenziellen Ikonographie, das Beliebige kann im Gegenzug als Effekt der Aufbruch in die Kunst sein.

‚Salomon saith: There is no new thing upon the earth. So that as Platon had an imagination that all knowledge was but rememberance; so Salomon gives his sentence that all nevelity is but oblivion.‘

(Francis Bacon, Essay LVIII)