Augenblicke des PAM 2018 – in denen Kunst und Gesellschaft unzertrennlich werden

München hat einfach alles. Es ist eine perfekte Stadt. So perfekt, dass die Regierung in ihren Sicherheitsmaßnahmen paranoid geworden ist. Die CSU hat sich selbst als Partei der Bürger*innen vergessen, und ist zur Regierung eines ‚Volkes’ geworden, die genauso flüchtlingsfeindlich und populistisch agiert, wie die AfD, inklusive Heimatministerium.

München hat einfach alles und aus dem Grund ist es in sich selbst gefangen. Wie in einem Märchen. Ok, der Vergleich von Bayerns Hauptstadt mit Disneys fabelhaften Landschaften ist nicht neu. Aber neu ist, dass München eine ‚Stadtkuratorin‘ hat, die mit diesem Kult der Münchner Clichés brechen möchte. Das ist immer noch aktuell, auch ein paar Wochen nach dem ‚Grand-Opening’ des Public Art Munich im Olympiastadion. Denn ihre Perennial für performative Interventionen hat erst begonnen, sich in der Stadt als Programm zu positionieren.

Wie eine Biennale soll Public Art Munich als Katalysator von Wahrheiten funktionieren, die schon immer da waren, die aber in der Öffentlichkeit sonst bisher unsichtbar blieben. Wie zum Beispiel, dass die Ost-West-Friedenskirche Mitte der 1950er Jahre durch den russischen Eremiten Timofei und seine Frau Natascha als illegaler Bau auf dem Gelände des späteren Olympiaparks errichtet wurde und die gesamte Planung desselben beeinflusst haben. Auch, dass die Kunstakademie Münchens als einer der Orte Deutschlands für die Jugendrevolte der 1968er Bewegung bekannt sein sollte, oder dass Radio Free Europe ein antikommunistischer, von der CIA geleiteter Nachrichtensender war, der von 1949 bis 1995 unter dem berühmten Slogan „Der eiserne Vorhang ist nicht schalldicht“ vom englischen Garten in den Ostblock sendete.

Münchens Kunstszene hat einfach alles, außer Platz für sich selbst; Platz um in sich zu gehen, sich von innen heraus zu entfalten, sich für etwas anderes interessieren, als für ihre eigene Conditio. Galerien haben keine bewegende Kraft hier, städtische Förderungen konzentrieren sich zu sehr auf die Münchnerischen Merkmale der Anträge und für Erneuerung von Definitionen in der Kunst ist der Münchner/die Münchnerin nur dort offen, wo es dem Vorstand passt. Kurz: Die Kunstszene braucht Platz um sich zu verändern; um ein wesentlicher Teil der Gesellschaft zu werden.

Joanna Warsza hat genau die Kluft zwischen der global interessanten Stadt und der Kunst vor Ort erkannt und es geschafft, an den Schauplätzen, die in der Reflexion schon immer da waren, genau diesen Platz zu generieren. Es gibt diesen Platz im Metaphorischen, wo ‚Kunst im Öffentlichen Raum’ als Begriff neu verstanden werden kann. Zum Beispiel auf der Theresienwiese, im Hotel des Bayerischen Hofs oder in der Zusammenarbeit mit den Kammerspielen. Das Programm von Public Art Munich wird nicht nur von ihr, sondern auch von denjenigen Protagonist*innen organisiert, die auch sonst hier alles seit Jahren organisieren, sich durch konservative Maßnahmen durchboxen, die horrende Mietpreiserhöhungen ertragen, vor Ort bleiben, den Kunstbetrieb am Leben halten.

Warsza entschied sich für genau dieses Team, das bisher immer von einander getrennt gearbeitet hat, trotz der lächerlichen Entfernungen zwischen den Veranstaltungsorten und lässt sie zusammen Dinge gestalten, die bisher noch nie passiert sind. Ein Re-enacntment des Spiels von Massimo Furlan am Olympiastadion, zum Beispiel. Im Stadion fehlten zwar beim ‚Grand-Opening‘ Schulklassen, Fußballfans, Feierabendtrinkerinnen, Boazn-Trinkerinnen, Rentnerinnen und Influencers, aber die Stammgästen waren alle da: die kleine aber brennende Kunstszene war vor Ort. Das Programm von Public Art Munich richtet sich zwar an alle, bloß, wer fühlt sich angesprochen, wenn es etwas für ‚Alle‘ verspricht?

‚Alle’ als kritische Masse: Lassen Sie sich die Verantwortung das ‚Alle‘ zu gestalten nicht entgehen. Doch wie erzeugt man Interesse in einer Stadt für Kunst in der Öffentlichkeit, für Kunst, die an unser Verständnis von Öffentlichkeit adressiert ist, die sonst wenig Lärm und Unordnung verträgt? Mit dem thematischen Titel ‚Game Changers‘ kann Public Art Munich nur etwas verändern, wenn die Münchner*innen die Zeit dafür finden, selbst an den Veranstaltungen teilzunehmen. Andernfalls kann man es vergessen.

Es gibt zehn Termine, die man nicht verpassen darf, weil sie am deutlichsten zeigen, wie Kunst und Gesellschaft als unzertrennliches Paar verstanden werden können. Das internationale Publikum kann sich nicht - nicht einmal ich kann es - für alle Events interessieren und jedes Wochenende zwischen Mai und Juli nach München fahren oder fliegen, um die Performances alle zu erleben. Aber wenn die Zeit und das Geld oder die BahnCard zur Verfügung stehen, dann machen Sie das! München ist am schönsten im Sommer, und lebendiger werden Sie ihre Kunstszene nicht erleben. Doch, vielleicht wieder in fünf Jahren.

19.Mai, 18 - 21 Uhr

Olaf Nicolai: Rara Avis in Terris

Hotel Bayerischer Hof, Promenadeplatz 2-6

Nicolai ist ein Meister der Diskretion. Wie ein Diplomat verzerrt er die Grenze zwischen Alltäglichem und Fiktivem, und lässt Verfremdung sich reproduzieren, je nach gefühlter Intensität des Betrachters. Im Bayerischen Hof, traditionsreiches Grandhotel und alljährlicher Ort der Münchner Sicherheitskonferenz, lässt er einen schwarzen Schwan für ein paar Tagen in einem der luxuriösen Suiten wohnen. Inkognito, wie es VIP und Kunstleute gerne haben. ‚Produktive Verunsicherung‘ lautet dann auch das Motto des Cocktailempfangs an diesem Samstag mit einem Gespräch zwischen Künstler*innen, Nan Mellinger und Überraschungsgästen.

26. Mai, 15 - 22 Uhr

Cana Bilir-Meier: Grundstein

Freimann-Moschee,Wallnerstr.1–5

Die neulich mit dem Ars-Viva-Preis ausgezeichnete Künstlerin arbeitet in Film, Text und Performance mit kritischen Perspektiven auf Migration und Einzelbiografien. Mit ihrem Blick auf die Freimann-Moschee setzt sich Bilir-Meier vom etablierten Narrativ ab, das aus westlich- populärwissenschaftlicher Perspektive von einer Strategie der CIA während des Kalten Krieges spricht: Diese wollte den Islam antikommunistisch politisieren und den Einfluss der Sowjetunion in der muslimischen Welt zurückdrängen. Mit einem Wochenendeprogramm reflektieren die Künstlerin und eingeladenen Gäste - u.a. Ahmad al-Khalifa, Zerender Gürel, Katja Kobolt, Natalie Bayer und Ayşe Güleç die Aufgaben, Strategien und Handlungsformen von Museen und Ausstellungen aus der Perspektive der postkolonialen Museologie sowie einer kritischen Migrations- und Regimeforschung.

2. Juni, 15.30 Uhr

Alexandra Pirici & Jonas Lund: N Football

Allianz Arena

Während Jonas Lund mit ‚Hi, Munich!’ die Facebook-Datenbank der Münchener als Werbungsfläche sichtbar macht und zugleich die hinter dem social media Targeting stehenden Strukturen nutzt, nimmt er zusammen mit Alexandra Pirici das Geschäftsmodell von Fußballteams, das sich immer schwerer regulieren lässt, als gesellschaftlichen Spiegel. N Football ist ein Fußballspiel mit neuen Spielregeln. Gespielt wird es von männlichen und weiblichen Jugendteams des FC Bayern, in Echtzeit überwacht von einem System, das beiden Teams fiktive Verbindungen zu diversen Fußballclubs zuschreibt. Nach den neuen Regeln ist es möglich, dass Angreifer*innen gegen die Verteidigerinnen spielen oder Spielerinnen von Gegnerinnen zu Mitspielerinnen werden. Eine Choreographie aus Daten und Zahlen, die nur Pirici am Besten inszenieren kann.

16. Juni, 20.30 Uhr

Anders Eidenbakke: Munich Dove

Theresienwiese

Dem menschlichen Potential von Drohnen als Reproduktion und Erweiterung unserer Sinne ist Ausgangspunkt der künstlerischen Beschäftigung Anders Eidenbakke. Doch wer würde nicht gerne mit einer Drohne auf der großen, weiten Wiese an den Füßen der Bavaria spielen? Im Vorfeld seiner Drohnen-Performance Munich Dove, die Eidenbakke mit historischem Bildmaterial der mittlerweile 100 Jahre zurückliegenden Münchner Kommunisten Revolution verknüpft, bietet der Künstler einen mehrtägigen Workshop an, in dem er sein Wissen und seine Erfahrungen zum Bau von Drohnen weitergibt (2. bis 8. Juni, FabLab München e.V.). Den Auftakt zu der Gedenkperformance bildet eine von der Arbeiterbewegung im Jahr 1918 organisierte Friedensdemonstration auf der Theresienwiese. Von dort zogen Anhänger*innen der linksoppositionellen USPD los, um die Soldaten in den Münchner Kasernen für den Umsturz zu gewinnen. Am Folgetag rief Kurt Eisner den Provisorischen Nationalrat aus, die Monarchie war gestürzt und die Demokratie etabliert.

23. Juni, 20 - 01 Uhr

The 9th Futurological Congress

Bayerische Volkssternwarte München, Rosenheimerstr. 145h

Vom Anthropozän, unserem jetzigen Erdzeitalter, sprechen alle. Was sagen die Sterne dazu? Inspiriert von Stanisław Lems Science Fiction Visionen der Zukunft, versammelt sich der 9. Futurologische Kongress in einer Juninacht in der Münchner Volkssternwarte zu einer Intervention mit Performance, Theorie, Kunst und Musik. Hier präsentieren Julieta Aranda, Mareike Dittmer und Thomas Meinecke Zukunftsformen in ihrer Diversität: verwoben, animalisch, mehrdeutig, astronomisch, indigen, aquatisch oder post-planetarisch. Zukunftsformen, bei denen sich nicht alles um uns, die Menschen, dreht.

30. Juni

Talk mit Chantal Mouffe: For a left Populism

PAM Pavilion, Viktualienmarkt

Der PAM Pavilion von Flaka Haliti und Markus Miessen ist ein idealer Ort für Aperitivi, doch nicht unbedingt für ein philosophisches Gespräch mit großem Publikum. Dennoch präsentiert die einflussreiche Professorin für Politische Theorie am Centre for the Study of Democracy der Universität Westminster, Chantal Mouffe, ihr neues Buch, in dem sie die Ansicht vertritt, dass wir derzeit in Westeuropa einen „populistischen Moment“ erleben, der die Krise der neoliberalen Hegemonie signalisiert. Was genau bedeutet das? Lässt sich konzentriert am Viktualienmarkt darüber diskutieren? Hoffentlich! Denn die Frage führt zu keinem lässigen Thema wie es bei den Gesprächen an der Salvavita Bar der Fall ist. Der Philosoph, Politikwissenschaftler und Kunsttheoretiker Michael Hirsch führt mit Mouffe hier eine Diskussion nach ihrem Vortrag.

6.-8. Juli

Lawrence Abu Hamdan: Aural Contract Audio Archive

Fachbibliothek Englischer Garten, Oettingenstraße 67

Lawrence Abu Hamdan ist nicht nur ein erfolgreicher Künstler, sondern akustischer Detektiv (freier Audio-Ermittler). Doch beide Berufe gehen bei ihm Hand in Hand. Momentan zeigt das Hammer Museum in Los Angeles seine akustische Untersuchung von Sayndaya, einem syrischen Militärgefängnis nördlich von Damaskus, in dem Häftlinge meistens in völliger Dunkelheit gehalten wurden. Abu Hamdan entwarf nach dem akustischen Gedächtnis der Häftlinge, aus Interviews, welche die Bedingungen des Gefängnisses und seine architektonischen Pläne rekonstruieren, die Gestalt eines sozialen Raumes. Die Arbeit in München funktioniert ähnlich: Seine akustische Intervention zur Politik der Stimme und zum Schallverlust im Studio des ehemaligen Radio Free Europe entfaltet sich im, heute zur Bibliothek für Medienforschung an der LMU umfunktionierten Raum. Das Projekt widmet sich der Wandlung genau dieser Räume, vom Ausgangsort einer kühnen und weitreichenden Stimme zu ihrem derzeitigem Daseinszustand: einem Ort der Reflexion und Stille.

19. - 22. Juli

X Shared Spaces

Leon Eixenberger, Mariam Ghani, Franz Wanner / Produziert mit den Münchner Kammerspielen

Das von Matthias Lilienthal begründete Format X-Wohnungen, das in Metropolen auf der ganzen Welt gastierte und mittlerweile als Klassiker der Erkundung urbaner Räume mit den Mitteln der darstellenden Kunst gilt, erfährt in seiner Neuauflage für München einen kräftigen Modernisierungsschub: Leon Eixenberger gestaltet eine Autofahrt, Mariam Ghana nutzt die Räume von Bellevue de Monaco um die Frage ‚Wie leben wir zusammen?‘ kollektiv herauszuarbeiten, und Franz Wanner inszeniert den situativen Loop ‚Die Befragung‘, in einem Ort, der noch bekannt gegeben werden muss.

21. Juli, 20 Uhr

Reflektor M: Public Schmaus

VENUE TBA

A bissl Selbstpropaganda geht immer: Mit dem Institut für Glücksfindung laden wir, Reflektor M, zu einem Potluck ein, öffentlich und für alle zugänglich. Dabei treffen sich 200 Personen und kochen gemeinsam. Eine große Tafel entsteht. Für drei Stunden wird der Veranstaltungsort zu einem ‚Flash-Cook‘. Die Teilnehmer*innenzahl ist begrenzt – first come, first serve – und es ist kostenfrei. Das Essen ist die neueste Auflage einer von Reflektor M initiierten Dinner-Reihe, die darauf abzielt, verschiedenste Bereiche der Münchner Stadtgesellschaft zusammenzubringen. Neben dem Dinner präsentieren wir die zweite Ausgabe der neuen Straßenzeitung ‚Arts of the Working Class‘ – herausgegeben mit Paul Sochacki, die sich auf Kunst, Reichtum und Artmut konzentriert. Thema der Ausgabe: ‚May the Bridges I Burn Light the Way’.

27. Juli, 17 - 21 Uhr

Ari Benjamin Meyers: Staatsorchester

Münchner Straßen und Großer Plenarsaal

Last but not least, das Grande-Finale, orchestriert von Ari Benjamin Meyers. Die Komposition, die er eigens für PAM entwickelt, wird in das Repertoire der Musikerinnen aufgenommen und vor ihrer Weltpremiere als Ouvertüre eines im Entstehen begriffenen Konzerts auf den Straßen Münchens und vom 23. bis zum 26. Juli im MaximiliansForum geprobt. Meyers verlagert den Fokus also vom Orchestergraben auf die Straße, um ihn in einer Abschlussperformance im Großen Plenarsaal des Münchner Rathauses wieder in das administrative Machtzentrum zurückzuführen, wo sich die Straßenmusiker*innen tagtäglich für ihre Genehmigung einfinden müssen. Als Orchester werfen die Straßenmusikerinnen so nicht allein Fragen über die Trennung von Bühne und Publikum, von Institution und Straße, von Professionalität und vermeintlicher Laienhaftigkeit, sondern auch von Musik in der Kunst und Kunst in der Musik auf. Denn perfektonistisch ist nicht nur der Künstler, sondern sind auch diejenigen, die sich ihren Platz in der Öffentlichkeit täglich erkämpfen.