Beste Gäste, beste Gastgeber: Wolfgang Tillmans & Tino Sehgal – Zum 20. Jubiläum der Fondation Beyeler

Veränderungen im Haus sind von weitem sichtbar, obwohl viel von den Plänen eines weiteren Pavillons am Betower Park des Geländes Beyeler noch nicht bekannt sind. Wolfgang Tillmans macht eine der drei Hauptfenstern Renzo Pianos Fassade mit einer Reproduktion seiner Pinnwand zu. Das ungewöhnliche Bild erlaubt den Traum einer Baustelle, und die pastellfarbene Post-It darauf erklärt: ‚I love you‘.

Die Stifter sind sich dabei sicher: das Gebäude ist viel zu klein für die Sammlung. Kaum ein anderes Museum muss die Hängung ihrer Werke so oft wie die Fondation Beyeler ändern, und kein anderes Museum lässt ihre eingeladene Künstler entscheiden, welche die Werke sind, die zu ihrer Arbeit und überhaupt im Raum zusammenpassen. Als Priorität der musealen Kriterien sticht erstmals und einfach die Beziehung zu den Künstlern.

Es ist eine ungewöhnliche Situation, jedenfalls, eine alpine Landschaft von Ferdinand Hodler neben der rießigen schwarz-weiß Installationen von Roni Horn zu sehen, oder eine der schönsten Kollagen die man jemals begegnen wird, von Robert Rauschenberg natürlich, die neben eine von Jordan Wolfson hängt. Jean Dubuffet, Georg Baselitz und Franz West in einem Saal. Marlene Dumas, Louise Bourgeois und Jenny Holzer in dem nächsten. Ein einziger Saal für Wilhelm Sasnal, ein anderes nur für den späten Picasso. Max Ernst zwischen Felix Gonzalez-Torres und Richard Serra. Ellsworth Kelly neben Manet!

Die überraschende Paarung Moderner und Postmoderner, Moderner und gegenwärtiger Kunst öffnet sich zwischen dem kuratorischen Talent des Hauses, welche die Ausstellungen einen Charakter geben, und einen persönlichen Touch, der in diesem Sommer den Besuch bei der Fondation Beyeler zu einer ganz intimen Untersuchung des Rätselhaften und doch basalsten menschlichen Dilemma macht: Zu besitzen oder nicht zu besitzen?

Es ist eine konstruierte Situation, welche man hier konfrontiert, wenn man den diesjährigen ‚Remix‘ der Sammlung zum 20. Jubiläum besucht. Diese Situation heißt ‚Kiss‘ und wurde in 2002 von Tino Sehgal für zwei Interpretinnen konzipiert. Bekannt für seine immaterielle und flüchtige Performances, genießt er 2017 Ausstellungen zu seinem Plädoyer für das Erleben als Situation selbst in Paris, Moskau und hier in Basel. Vom 22. Mai bis 12. November 2017 zeigt er sechs aufeinanderfolgenden Präsentationen, wobei was bei der Fondation Beyeler am längsten zu sehen ist, ist ‚This You‘ von 2006; eine Frau die im Park für alle und doch meistens für sich singt.

‚Kiss‘ findet als Kunstwerk bis zum 3. September in einem der ‚Remix’ Räume statt, zwischen Constantin Brancusis ‚L’Oiseau‘ (1923/1947) und Gerhard Richters ‚Spiegel‘ von 2014. Läuft man durch den Raum begegnet man ein in sich versunkenes Paar, bei denen jede Berührung eine Verschmelzung und einen Kontrast durchblicken lassen. Die großen Augen der Frau, das offene Lächeln des Mannes, wie feminin er sein Becken nach oben schiebt wenn er auf sie liegt, während sie mit offenen Armen und Beinen den ersten Blick um sich wirft. Bald inkorporiert sich dieser Blick wieder in dem privaten Erlebnis. Stirn zu Stirn, sogar die Umarmung ist perfekt choreographiert. Die amorphe, lange Marmorskulptur Brancusis im Hintergrund und wir auf Richters Oberfläche; alles zusammen in einem Bild inkommensurabler Erotik, die durch Einfachheit entsteht.

Diese Behauptung, einer Logik des ephemeren Akts folgend, verschleiert sich in der Ausstellung von Wolfgang Tillmanns herein. Die Einfachheit des Aktes allein durch den anwesenden Körper ist vergleichbar zu dem Realismus, der nur die Fotografie als Medium bedienen kann. Das ist Wolfgang Tillmans. Und das macht seine Ausstellung aus, die erste umfassende Auseinandersetzung mit seinem Medium in der Fondation Beyeler, wo über 200 Arbeiten von 1986 bis 2017 zu sehen sind.

Es ist eine Frage des Blicks, schreibt Theodora Vischer, Hauptkuratorin der Sammlung. Denn Ausstellungen von Tillmans sind nie nur einem Aspekt seines Schaffens gewidmet, sie erhalten ihr Gesicht mit der Auswahl der Bilder und in der ‚choreographischen Hervorhebung einzelner Aspekte. Zwar sind die Überlegungen für Basel eindeutig auf die Betrachtung formaler Entscheidungen fokussiert, welche Tillmans zu einer der bedeutendsten Fotografen unserer Zeit gemacht haben, doch diese Ausstellung bleibt nach und nach eine poetische Hommage an die Unbegreifbarkeit vom Leben.

Das Bild ist Medium, das auf das lebendig sein verweist auf Impulse, die zu einem universellen Anspruch der Liebe als Intimität (Luhmann), in dem das Alter (der Geliebte) und das Ego (der Liebende) die tragische Asymmetrie, die diese gesellschaftliche Konstellation in sich trägt, überwindet. Gleichgestellt und nebeneinander gereiht zeigen Aufnahmen von Fotokopien, analoge Aufnahmen und gefaltete Farbfläche was sie gemeinsam enthält und was sie von einander trennt; nämlich Tillmans bewusste Experimentieren mit Texturen, Schattierungen und Vergrösserungen des Bildes. Die übliche Referenzen der Rezeption seiner Arbeit seit den 1990er Jahren sind den Zeitgeist einer Generation, Sexualität und das Gefühl von Gemeinschaft und Freiheit, im Glücksmoment festgehalten.

Doch was diese Ausstellung zeigt, ist die Art, in der Tillmans die kulturelle Kontextualisierung seiner Arbeit in den Augen seines Publikums bedient, ohne dabei die tatsächlichen Auslöser seiner in Bilder festgehaltene Erkenntnisse zu vergessen: die Menschen, die ihm wichtig sind. Die Doppelheit von Nähe und Distanz, schreibt Vischer, ist was den Blick von Tillmanns besonders machen:

„Nie voyueristisch, nie anbiedernd, aber aufmerksam, offen, liebevoll und neugierig.“

Was Tillmans erkennt, wird dann zum Gegenstand im Bild. Dieses angstfreie Nehmen lässt sich chronologisch genießen, in dem er selten alleine als Autor dieser Situationen steht. Ihm begegnet man selten allein. Die von ihm erfundenen Bildtypen - Xerox, Silver, Lighter, Mental Pictures und Freischwimmer/Greifbar - gehören zum Spektrum der traditionellen Genres wie Porträts, Stilleben und Landschaftsbilder sowie der Abstraktion. Doch Abstraktion heisst hier nicht die Reduktion sichtbarer Elemente. Es ist gerade was vor der Kamera stattfindet, was mal wie Kandinsky das ‚Geistige‘ in der Kunst nannte. Besser sogar: Der Faltenwurf, der Hallenbad, die dünne Schicht Schnee auf dem Auto, der verlorene Blick des Ash Bs, die Wolken auf Japan oder die Steine auf dem Gesicht von Anders (‚Brighton Arcimboldo‘) sind genau diese utopische Wirklichkeit, von der jeder Avantgardist mal träumte.