Das allzu geheime Leben der Künstlerbücher – zur Ausstellung SHOWCASE in der Bayerischen Staatsbibliothek

Seit September 2017 ist in der Bayerischen Staatsbibliothek eine Ausstellung zu sehen, die im Grunde ein Skandal ist. Im Zentrum von „SHOWCASE“ stehen, ganz in Sinne des Titels, die konservatorisch unvermeidlichen Schaukästen der Staatsbibliothek, die die Ausstellungsmacherinnen gemeinsam mit dem Studio Johannes Bissinger klug als Leitmotiv und Logo des gesamten Ausstellungskonzeptes einsetzen. Noch vielmehr steht glücklicherweise aber der Inhalt der Vitrinen im Fokus: 72 fantastische Schätze der Künstlerbuchsammlung, die ihren Rahmen und Präsentationsort sekundär werden lassen.

Zugleich zeigt SHOWCASE aber auch, wie viel Potenzial in einer Institution wie der Bayerischen Staatsbibliothek brach liegt: Ans Tageslicht durften Künstlerbücher in Form einer Ausstellung hier zuletzt vor sage und schreibe 25 Jahren, einem Vierteljahrhundert. „Papiergesänge“ wurde 1992 ebenfalls von Béatrice Hernad kuratiert, der engagierten Künstlerbuchexpertin, die in den letzten Jahrzehnten die Sammlung betreute und um hochkarätige Exponate erweiterte. Mit der Ausstellung SHOWCASE verabschiedet sie sich zugleich in den Ruhestand.

Ein spätes Finale ist die Ausstellung also in der Laufbahn von Béatrice Hernad – und davon abgesehen ein echtes Highlight. Eines, mit dem die Bayerische Staatsbibliothek sogar marketingtechnisch Mut bewiesen hat: im Stadtraum verteilte Plakate, große Fahnen und an der Außenfassade angebrachte Banner kündigen die Ausstellung angenehm laut und überraschend zeitgemäß an, genauso kommt die Gestaltung des Katalogs und der Flyer daher (Kudos nochmal an das Studio Johannes Bissinger!). Im Inneren der Staatsbibliothek dann, am Ende der imposanten Treppe: eine Vitrine. Weitere Vitrinen markieren den Weg in Richtung Ausstellungsräume, bespielt sind sie mit Zitaten und Fotografien ebenjener, noch leeren Schaukästen. Eine gute Idee, das Leitmotiv schon im Treppenhaus sowohl als Wegweiser als auch Prolog zu nutzen. Leider schmeichelt die Kombination aus den flach eingelegten Fotografien von Thomas Gothier, die teils nicht richtig in die Vitrinen zu passen scheinen, aber weder den gezeigten Arbeiten, noch dem Medium des Schaukastens, der hier in seiner ganzen konservierend-funktionalen Pracht daherkommt. (Ganz anders übrigens im Katalog – hier bilden die Fotografien einen wunderbar zeitgenössischen Rahmen und eine Brücke zwischen Cover und Abbildungen der Künstlerbücher.)

Nach der etwas spröden Einführung dann die Schatzkammern, endlich!, denn genau so fühlt es sich an: Im abgedunkelten ersten Ausstellungsraum leuchten einem ganz unvermittelt wahre Schätze entgegen. Natalija Gontscharowas wüste Figuren nehmen Tomaso Marinettis frei gesetzte Buchstaben, die „parole in liberta“, im rasanten Tempo avantgardistischen Aufbruchs an die Hand, Künstlerbücher von Malewitsch, Wassili Kemenski, El Lissitzky und Francesco Cangiullo künden von der Bedeutung von Typographie, Sprache als visuellem Mittel, als die konkrete Poesie noch keinen Namen hatte, Geometrie, Oper oder Tanz, als künstlerische Gesamtkunstwerke in Buchform konzentriert. Günter Brus‘ „Die Schastrommel“ (1970) und George Maciunas Fluxus-Box „Fluxus 1“ (1964) schließen sich an und erübrigen (fast) jeden Grundkurs in Kunstgeschichte – sie erscheinen wie eine logische Weiterentwicklung der künstlerischen Motive der Futuristen, Konstruktivisten und Dadaisten. Der unvermeidliche Joseph Beuys ist vertreten mit einem Künstlerbuch, das zugleich ein Multiple ist, James Lee Byars „100.000 Minutes or the Big Sample of Byars or The First Paper of Philosophy“ (1969) ist nicht nur Überbleibsel und Grundlage seiner gleichnamigen Performance in der Wide White Space Gallery in Antwerpen im Mai 1969, sondern ein eigenes Stück Konzeptkunst. “Ginza Hatcho” (1954) des japanischen Künstlers Yoshikazu Suzuki überrascht als wenig bekannter Vorläufer von Ed Ruschas fast zwanzig Jahre später entstandenem Leporello „Every Building on Sunset Strip“ (1971).

Rund um „Song of Los“ (1795) von William Blake als „Urzelle“ des Künstlerbuchs – dem einzigen in Deutschland vorhandenen Exemplar – entspinnt sich im ersten der drei Ausstellungsräume eine wahre Schatzkammer von Künstlerpublikationen von den Avantgarden bis in die 1980er Jahre, die einen Einblick in die Vielfalt des Mediums und seine unterschiedlichen künstlerischen Ansätze erlaubt, als auch Bezüge eröffnet, die teils überraschen, teils wie logische Abfolgen künstlerischer Mittel und Motive wirken.

Wunderbar konzentriert ist die Auswahl auch im zweiten Ausstellungsraum. Eduardo Paolozzis „Moonstrip Empire News“ (1967) fällt zuerst ins Auge, Embryos auf Neonpink, Micky Maus und Michelangelos David, daneben die skurrilen Plexiglaswürfel von Erro. Die beiden Exponate zeigen, was ein Künstler“buch“ alles sein kann und vor allem nicht sein muss: lesbar oder praktikabel. Das beweist auch Anselm Kiefers großformatig-opulente „Euridike“ (1990/91). Massive Kartonblätter, mit Fotos beklebt, die dann unter schweren Schichten von Sand, Asche und anderem, teils verbrannten Material begraben sind. Umblättern eher nicht erwünscht, konservatorisch vermutlich ein Albtraum – ein grandioses Kunstwerk in Buchform. Besonders faszinieren daneben zwei Arbeiten von Louise Bourgeois und Kiki Smith. Bourgeois‘ ebenfalls großformatiges Buch „The Puritan“ 1990 kombiniert, was neben den Arbeiten von Kiefer oder Katharina Gaenssler fast klassisch anmutet, Text mit Grafik (handkolorierte Stiche), die sich in ihrer Eindringlichkeit gegenseitig verstärken. Und eine seltsame Verbindung zu Hans Bellmers „Les jeux de la poupée“ (1949) eingehen, ein Buch mit handkolorierten Fotografien seiner berühmten Puppenfiguren, kombiniert mit Text, das in der Mitte des Ausstellungsraums gezeigt wird. (Vielleicht ist dieser Bezug aber auch schon meiner Berufskrankheit als Kunsthistorikerin geschuldet, wer weiß?) Daneben eröffnet „Endocrinology“ von Kiki Smith, in Zusammenarbeit mit der Lyrikerin Mei-mei Berssenbrugge, einen metaphysisch anmutenden Blick auf den menschlichen Körper: auf durchscheinendem Nepalpapier, das an die Materialität des menschlichen Körpers erinnert, versammeln sich Organe und Strukturen des lymphatischen und endokrinologischen Systems in blauen Monoprints. Mit Gedichtfragmenten auf Papierschnipseln und handgeschriebenen Begriffen entwerfen sie einen ganz neuen, lyrischen Blick auf den menschlichen Körper – auf Lunge, Nieren und Brustdrüsen. Arbeiten wie Chuck Close‘ „A couple of Ways of Doing Something“ (2003) mit Schwarzweiß-Porträts befreundeter Künstler_innen wirken daneben fast uninspiriert glatt, ähnlich Hermann de Vries‘ Mappenwerk „- 108 x – (1999) mit gesammelten Pflanzen, Schmetterlingsflügeln und Samen in Zellophantütchen.

Im dritten Ausstellungsraum kommt man unvermittelt wieder in der Realität an. Der Raum ist hell ausgeleuchtet, Vieles jetzt wieder flach in die Schaukästen gelegt (die Schaukästen, sie fallen wieder auf!), die Wände mit Drucken behängt. Hm. Plötzlich ist mehr Konzentration gefragt als zuvor, aber auch hier Faszinierendes: „Absence“ (2003) von J. Meejin Yoon ist ein Mahnmal in Buchform, zwei gestanzte Aussparungen in weißen Kartonseiten, die auf so simple wie eindringliche Weise an die Abwesenheit der Zwillingstürme des Word Trade Centers verweisen. Daneben viel Comic und vom Comic Ausgehendes: für „Subversion mittels Zeichnung“ und „grafische Diktatur“ stehen die Arbeiten von Bazooka, einem französischen Kollektiv, das seit Mitte der 1970er Jahre eigene Zines produzierte, die Druck, Zeichnung, Text und Typografie und Layout neu kombinieren. Ebenfalls wunderbar ist Kottie Palomas „Mystery Spot!“ (2008) aus einfachen weißen Pappstücken und Tesafilm zusammengeklebt, enthält das Buch die ebenso tragikomische wie geistreiche Geschichte einer Begegnung zweier Personen, unprätentiös mit buntem Filzstift gezeichnet.

Daneben ist das Highlight des dritten Raumes die eigens für die Ausstellung angefertigte Arbeit „Die sieben Bußpsalmen“ von Emil Siemeister. Der Künstler schaffte eine Neuinterpretation von Hans Mielichs illuminierten Chorblättern zu Orlando di Lassos Bußpsalmen. Erst hinter einem Vorhang werden die Zeichnungen in Nachleuchtfarben sichtbar. Ein schöner Schlusspunkt, denn hier ist man wieder zurück in der Schatzkammer und bekommt noch einmal anschaulich vorgeleuchtet, welche Formen das Medium Künstlerbuch annehmen kann.

Es bleibt zu hoffen, dass die Bayerische Staatsbibliothek den Mut beweist, aus der 14.000 Objekte umfassenden Sammlung nicht erst wieder in einem Vierteljahrhundert Künstlerbücher in Form einer so wohl kuratierten und vermittelten Ausstellung zu zeigen. Das wäre dann tatsächlich ein Skandal.