Debütanten 2017 – Neue Chancen für ein Ritual des Hervorhebens

Für die Akademie der Bildenden Künste in München ist die Auslagerung der Debütantenausstellung in die Lothringer 13 Halle ein Gewinn. Den ausgezeichneten Absolventen des Jahres 2017 werden hier Möglichkeiten geboten, die eine andere und neue Akzentsetzung bedeuten. Es ist nicht so sehr der Ausgang aus der Welt des Studiums, sondern der Eingang in die Danach. Insofern kann es nicht um einen Abgesang auf die Akademie gehen. Wer sich diese Verschiebung ausgedacht hat, hätte das mit Konsequenz tun sollen. Nun geschieht dies in diesem Jahr das erste Mal und die Einschätzung dieser neuen Rahmenbedingungen mögen noch nicht die Klarheit und Deutlichkeit gewonnen haben, die es da zu bedenken gibt. Die hätten darin bestehen können, dass es auch für die Lothringer 13 Halle eine Bereicherung dargestellt hätte. Es ist ja nicht eine ganz und gar beliebige Welt, in die da eingetreten wird. Das Reflexionsniveau verschiebt sich, die Möglichkeiten sind breiter gefächert an einem Ort, an dem Öffentlichkeit sich anders darstellt als in der Akademie. Das Architektonische anderer Räume ist nicht das Einzige, es kann nicht nur um eine additive Ein- und Zugabe gehen. Räume für Kunst unterliegen einer Logik, die nicht unbedingt  rational zu sein hat, die es feinsinnig auszuloten gilt. Darin liegt die Chance, auch für eine Leistungsschau der Akademie der Bildenden Künste.

Wie immer man auch zu dem Wesen des Jurieren von Kunst stehen mag, seine Tatsächlichkeit enthebt es nicht, sich dem zu stellen, um was es sich dreht. Im gegebenen Fall könnte das heißen, die Kunst dahin weiterzudenken, dass ihre Zentrierung eben nicht mehr im akademischen Kontext zu finden ist - mal abgesehen davon, dass sie vielleicht überhaupt kein Zentrum besitzt. Das heißt dann, ihr, der Kunst die Aufmerksamkeit zu geben, die über das eigene Auszeichnen hinausgeht. Klar, das Jurieren entstammt einem tradierten System und besitzt eine gängige Praxis und so kommt es, dass der Gedanke über die eigene Hinfälligkeit, kaum an oberster Stelle steht und die Einsicht nicht an erster, einem Anachronismus aufzuliegen.

Das Ritual des Hervorhebens der, durch welche Beweise auch immer bestätigten Besten, erscheint aus einer Vergangenheit, in der die Kunst und damit die Künstler nicht als Massenphänomen gesehen werden konnten oder wollten. Hier eine Ausstellung anzusetzen, die eben nicht mehr den Ausgang aus etwas, sondern den Eingang in etwas artikulieren könnte, sollte sich darum bemühen, einer gegenwärtigen, relevanten Ausstellungspraxis näher zu kommen. Es kann ja nicht darum gehen, ein mehr oder weniger buntes Programm an beliebiger Vielheit in den Status der Repräsentation zu erheben - damit hätte man auch in der Akademie bleiben können.

Damit erübrigt sich die Frage nach den einzelnen Arbeiten, die nur an wenigen Stellen über den Kanon akademischer Selbstbefangenheit hinauskommen. Ihre Stärke mag in der Selbstreflexivität liegen, in einem konzentrischen Kreisen um die künstlerische Subjektivität, das sich mit sich selbst und von da aus mit dem Material, der Geschichte (auch Politik und Gesellschaft) und dem Ego beschäftigt. Dass diese Subjektivität selbst einer Infragestellung bedarf, scheint als Thema in der Akademie wenig präsent. Eine solche Präsenz könnte die Anschlussstelle zu einer guten Ausstellung begründen. So aber mäandert man von einer künstlerischen Position zur anderen, die für sich ihre Gültigkeit besitzen mag, in ihrer Gesamtheit keine Ausstellung wird, sondern eben wieder eine akademische Zurschaustellung.

Wie erratische Blöcke reihen sich die Arbeiten aneinander, verschränken sich in den offenen Blickachsen, stehen dabei still zueinander. Das Spannende an ihnen bleibt in ihnen auf eine seltsame Weise eingeschlossen.

Es ist ja bei Gruppenausstellungen wirklich so, dass das Interessante sich dort abspielt, wo sich eine Geschichte in eine andere Geschichte hineinerzählt. In das Ausbalancieren dieser Geschichten zueinander und gegeneinander sind Fallstricke eingeschrieben, die den Vorgang selbst in gewisse Unschärfen hüllen kann. Treten diese ein, ist das natürlich sehr traurig und im Ansatz etwas öde. Verstrickungen als solches sind nicht das Bedauernswerte, der Mangel an Aufmerksamkeit und Absichtlichkeit macht sie zu etwas Problematischem. Und so beschleicht einen das Gefühl in eine Ausstellung geraten zu sein, die das, was sie zeigt, nicht wirklich losgelassen hat. Das aber nicht so sehr in dem Sinne der einzelnen Arbeiten, sondern in dem, dass diese hier nicht zu einer Ausstellung kommen.

Wie ein Wunder ist eine kleine, zunächst unscheinbare Arbeit, die auf eine großartige Fährte führt. Eine Fotografie an der Wand neben der ein Kopfhörer montiert ist. Setzt man den Kopfhörer auf, so bekommt man eine Bildbeschreibung zu hören, die zunächst eng mit der Fotografie verzahnt ist. Kann sein, dass es das weiße Hemd in der Beschreibung ist, welches die erste Abweichung zum zu Sehenden ausmacht. Das zu Hörende entfernt sich mit minimalen Schritten vom Bild. Die Realität des Bildes, seine Indexikalität, verschwimmt mehr und mehr, seine ikonische Qualität bekommt Gewicht, wo der Text immer mehr Eigenheit gewinnt. Frauke Zabel hat damit dieser Arbeit eine ganz wunderbare, zarte Spur hinterlassen.

Dort und vielleicht nur dort, wo die eine Geschichte sich in die andere hinein erzählt, erzählt sie sich wirklich weiter. Die Frage, wer die eine und wer die andere ist, spielt dabei eine nicht unerhebliche Rolle, selbst dann, wenn sie zu verschmelzen drohen und nicht mehr zu unterscheiden sind oder das eine zum anderen wird, wie umgekehrt, das andere zum einen. Die Differenz - und selbst die aufgehobene Differenz beruht auf dieser - ist ja das, was zu erkennen erlaubt, was sich eben nicht ständig um einen einzige Kern zirkulär anordnet, der, wenn er auch gesucht und immer wieder inszeniert wird, als ‘Prinzip, Bedeutung, Geist, Weltsicht, Gesamtform’, nur der Schale Nachgeschmack eines Bedürfnisses kohäsiver Gefühligkeit ist.

Mag sein, es ist etwas aus dem Kontext gerissen, allein im Kern ließe sich eine Parallele bei Bourdieu finden: ’Ziel (…) ist es, den Homo Academicus (…), den eigenen Wertungen zu unterwerfen.’ Diese sind, auf dem Feld der Kunst, nicht innerhalb einer Akademie zu finden.

Dieser Text wurde nicht lektoriert.