'Debütanten' – Das klingt seltsam antiquiert.

Eher als an Kunst denke ich an den Wiener Opernball oder Fechtturniere. Natürlich lässt sich schnell klären, was hier mit dem Begriff gemeint ist: Die Münchener Kunstakademie und ihr zugetane Stiftungen prämieren jedes Jahr einzelne Positionen aus dem Kreis ihrer AbsolventInnen. Den PreisträgerInnen (aka DebütantInnen) wird dann eine Ausstellung ausgerichtet, die bis dato immer in der Akademie stattfand.

Erstmalig hat man sich nun entschlossen, die Veranstaltung als kuratierte Gruppenausstellung in einer anderen Institution, nämlich der Lothringer13Halle, abzuwickeln. Dieser Entschluss ist sicherlich zu begrüßen – kommt in ihm doch die Wertschätzung der Aufmerksamkeitsökonomie zum Ausdruck, die jede Künstlerkarriere bestimmt. Ebenso steht außer Frage, dass das Einrichten von (Gruppen-) Ausstellung außerhalb des geschützten Rahmens der Hochschule wohl für die meisten AbsolventInnen lehrreiche Erfahrungen bereit halten, die ihnen als freischaffende KünstlerInnen zugute kommen werden.

Moment. Freischaffende KünstlerInnen? Mit Blick auf die Vita der TeilnehmerInnen (mehrere haben Kunstpädagogik studiert, eine andere Bühnen- und Kostümbild) muss die Frage erlaubt sein, ob sich überhaupt alle per se als freischaffende KünstlerInnen definieren. Geht man dieser Frage anhand der ausgestellten Werke nach, so sieht man sich unter anderem mit einer anthropomorphen Holzskulptur (Thomas Breitenfeld), einem Readymade-artigen Kioskverschlag (Lisa Geller) oder einem großformatigen Tafelbild (Sophie Schmidt) konfrontiert. Die DebütantInnen scheinen sich in ihrer Kunst selbstverständlich auf den Status eines autonomen Werkes mit singulärer Autorschaft zu verlassen.

Nun soll hier nicht für einen Akademismus der alten Schule plädiert werden; das Erstellen von autonomen Kunstwerken ist (zum Glück!) nicht das alleinige Privileg von Leuten, die eine Malerei- oder Bildhauereiklasse besucht haben. Ein wenig schade ist nur, dass der eigene Hintergrund nicht offengelegt wird und im Schauzusammenhang Kunstausstellung untergeht.

Dabei könnte man sich doch als BühnenbildnerIn durchaus damit auseinandersetzen, wie sich die Schausituation des Theaters von der des Ausstellungsraums unterscheidet. Was ist darin der Status des Objekts und wie könnte sich die eine in der anderen Situation brechen, aufheben, verkomplizieren?

Ähnliches gilt für die Werke von Künstlerinnen, die ein Studium der Kunstpädagogik absolviert haben. Es wäre doch erfrischend, wenn sich die im Studium gemachte Auseinandersetzung mit der Vermittlung von Kunst auch in der Produktion der eigenen Werke niederschlagen würde. Stattdessen drängt sich bei der Betrachtung dieser Werke der Verdacht auf, dass das eigene Kunst-Machen als ein von der vermittelnden Praxis unabhängiges Unterfangen verstanden wird. Gerade die erhöhte Sichtbarkeit, die eine solche Ausstellung bietet, hätte als ideale Fallhöhe dienen können, um künstlerische Modelle jenseits der klassischen Autorschaft zu erproben.

Die Kunstwerke positionieren sich stattdessen „auf der sicheren Art und Weise“ in dem White Cube, als ob diese Topographie einen Ausgangspunkt für deren Produktion gewesen wäre. Man muss dabei zugute halten, dass mehrere Arbeiten diesen Status geschickt für sich zu nutzen wissen. Frauke Zabel platziert ihre Videoarbeit, in der sie sich mit einem Businessclub von deutschen AuswandererInnen in Sao Paolo beschäftigt, in einer langen Raumflucht und verschränkt so die im Film gezeigte Kegelbahn auf sinnige Weise mit den vor Ort vorhanden Gegebenheiten. Dieser Effekt wird auch noch durch den muffigen schwarzen Vorhang verstärkt, der an dieser Stelle den Wänden der Kunsthalle hängt.

Schade ist, dass solche gelungenen Synergien durch nachlässig im Raum platzierte Technik gestört werden. Eine räumliche Kraft geht auch von Hilba Alansari Installation aus. Ausgangspunkt ihres Werks bildet der Fund eines Mathematikschulbuchs in einem zerbombten Haus in Syrien. Alansari entwickelt auf der Grundlage des ausgestellten Buchs ein archaisches Rechenspiel, in dessen Vollzug eine Vielzahl von gebrauchten Besteck und Geschirr Verwendung findet und auf mitunter brachiale Weise zweckentfremdet wird. Die Installation formuliert eine Rhetorik der Gewalt, die sich nicht nur gegen das Geistige sondern auch das Materielle (und die damit verbundenen Rollenbilder) zu richten scheint. Ihre mehrheitlich auf dem Boden arrangierten Objekte suggerieren eine Auseinandersetzung mit der Entstehung und Vernichtung von Zivilisation und deren kulturellen Schöpfungen. Die in direkter Nachbarschaft zu Alansari gezeigte Kleinplastik von Mari Iwamoto entwickelt auf kohärente Weise einen Gegenpunkt. Die Künstlerin bestückte einen Kubus mit zahllosen Paprikakernen und gelangt so zu einem Objekt, das das Schöpferische zelebriert. Einzig der Haiku-artige Sinnspruch, der dem Werk vorangestellt ist, schadet ihm vielleicht mehr als das er hilft.

Vor allem im hallenartigen Hauptraum gelingt es den KünstlerInnen die Architektur mit ihren Werken zu besetzen und für sich zu gewinnen. Schon allein wegen der kuratorischen Herausforderung, die das Format Gruppenausstellung bereit hält, sollte in den nächsten Jahren unbedingt an einer Verlagerung dieser Schau aus der Akademie festgehalten werden. Und wer weiß, vielleicht ermutigt diese neue Verantwortung in Zukunft auch diejenigen, die keine Studenten mehr sind, das Medium Ausstellung erstmals zu ignorieren, wenn es darum geht, was gewagtes als Kunst herzustellen.