Der Kistlerhof – Kommentar von Anabel Roque Rodriguez

Der Kistlerhof
von Anabel Roque Rodriguez, 13.04.2015

Das Mäzenatentum ist nicht nur ein Phänomen der Renaissance, sondern findet sich auch in unserem Zeitalter wieder. In einer gut situierten Stadt wie München mag daher eine Verflechtung von Kunst, Wirtschaft und der besonderen Förderung durch Mäzene kaum verwundern. Der Kistlerhof in Obersendling stellt dennoch ein besonderes Projekt dar. Mäzen hinter dem Projekt ist Christian Hirmer, dessen Familie den meisten als Herrenausstatter ein Begriff ist. Auf dem einstigen Industriegelände der Firma EMTEC wurde über die Verbindung zu Kunst und Kultur über einige Jahre ein Kreativareal mit Einschränkungen geschaffen.

Sendling liegt eher abseits des bekannten Museumskernes in München. Nachdem die Hirmer Immobilien GmbH das Gelände erworben hatte, übernahm der Künstler FLATZ die Ausgestaltung. Gelangt man auf das Gelände fällt sofort die Gestaltung der Außenfassaden der einzelnen Gebäudekomplexe auf. Farbe ist eines der einfachsten Mittel eine träge Architektur einzukleiden und neu zu formen. Das Farbkonzept geht aber viel weiter, es fundiert die Allianz zwischen Kunst und Wirtschaft, denn bei den Mustern handelt es sich um stark vergrößerte Krawattenmuster aus der Hirmer Produktpalette. Der Mäzen wird subtil, aber allgegenwärtig auf dem Areal eingeführt.

Verteilt auf dem Areal haben unterschiedliche Produzenten aus Kunst und Kultur, Werbung und Film ein Dach gefunden. Jedoch, und hier rückt das Projekt von einem stringenten Kreativareal ab, befindet sich auch eine große Fitnesskette auf dem Areal und ein paar kleinere Firmen. Der Sportriese hat eine komplette Etage angemietet und auf dem Parkplatz eine überzahl an Parkplätzen. Zwischen den Anhängern des Körperkultes und den künstlerischen Akteuren gibt es wenig bis gar keinen Austausch. Ein Kreativareal muss zwar nicht stringent vermeintliche Hochkultur fördern, aber es würde sich durchaus das Experiment lohnen die einzelnen Elemente stärker zu verbinden und nicht nur Mieter für Flächen zu finden.

Das Dachgeschoss von Haus 60 wurde von Wolfgang Flatz bezogen und beherbergt neben dem Atelier den 3200m2 großen Skulpturendachgarten heaven7. Der Garten fungiert als Retrospektive von über 35 Schaffensjahren. Dem Sujet der Gartenkunst treu geblieben exerziert FLATZ das Thema Vergänglichkeit. In öffentlichen Führungen kann dieses Projekt besichtigt werden.

Im dritten Stock des gleichen Hauses befindet sich die Kunstinstitution PLATFORM. Sie beherbergt derzeit 23 Ateliers, in denen sich Künstler aus unterschiedlichen Sparten einmieten können. Auch hier ist die Verbindung zur Wirtschaft spürbar, finanziert wird das Kulturprojekt vom Referat für Arbeit und Wirtschaft der Stadt München. Zuletzt wurde in der Reihe „Allianzen zwischen Kultur und Wirtschaft“ in Gesprächsrunden mit Vertretern der jeweiligen Bereiche solche Liaisons aufgegriffen. Der vor zwei Jahren neu gewählte Schwerpunkt in der Programmatik zu Design fällt stärker unter die Herausforderungen der Wirtschaftlichkeit. Design ist seit jeher stärker von Beziehungen zu Wirtschaft geprägt, bisweilen auch immer wieder mit Fragen zur Funktionalität konfrontiert. Eine Brücke von Kunst zu Design zu schlagen ist durchaus zeitgemäß, jedoch vermisst man an manchen Stellen eine Diskussion wie Kunstschaffen sich hierdurch auch verändern kann.

Ein Kreativareal lebt von der Kollaboration seiner Akteure. Das Konzept, die einzelnen Projekte über gemeinsame inhaltliche Punkte zu verbinden, ist noch nicht gelungen, noch überwiegt die Verbindung über die Wirtschaft. Es gibt aber bereits die ersten Ansätze: Im Herbst 2014 fand die erste Kooperationsveranstaltung zwischen PLATFORM, FLATZ Atelier und der Galerie Huren und Söhne namens KOMA statt. Auch in diesem Jahr soll dieses Format vom 9. - 11.10.2015 weitergeführt werden. Die PLATFORM stellt sich zudem als eine Art Jahresleitthema die Frage, welche Rolle sie in der Münchner Kulturlandschaft einnehmen soll. Es ist zu wünschen, dass nicht nur diese Institution über diese Rolle sinniert, sondern generell über das Münchner Kulturökosystem nachgedacht wird. Es ist schließlich verwunderlich, warum es bisher kaum eine Medienberichterstattung über das Gesamtareal gibt. Sollte Skepsis über eine Verbindung von Kultur und Wirtschaft ausschlaggebend dafür sein, dann ist dies eine Sorge so alt wie die Kunst selbst. In einer Stadt die durch Wohlstand auch bequem wird, lohnt eine offene Diskussion über solche Beziehungen. Kultur ist mit Kosten verbunden und die nötige Transparenz woher die Gelder kommen, ist in einem Feld wie der Kunst, in der es um Inhalte und Positionen geht, äußerst wichtig. Natürlich muss man bei privatem Mäzenatentum auch immer die Frage danach stellen, welchem Zweck durch die Förderung von Kunst nachgegangen wird: Prestige, Gutmenschentum oder eine Aufbesserung des Image?

Eine Fläche von dieser Größe nicht als Spekulations- oder überteuert saniertes Mietobjekt zu nutzen ist ein kleiner Triumph in Zeiten der Gentrifizierung. In Sendling hat das Areal zu Veränderungen für die umliegenden Straßen und Viertel gesorgt. Eine Diskussion darüber, wie die Bewohner diesen Eingriff sehen würde sicherlich auch für andere geplante Kreativareale nützlich sein. So plant die Stadt mit diversen Investoren auf gut 20 Hektar in der Dachauer Straße ein Kreativquartier. Die Fragen bei solchen Großprojekten ähneln sich: Gedanken zu bezahlbarem (Produktions)Raum für Kreativschaffende, erschwinglicher Wohnraum für Bürger aber auch die Frage, wie man tatsächlich eine Gemeinschaft auf einer solch künstlich erzeugten Fläche herstellen kann.

Im Kistlerhof kann man beobachten, dass dieser Prozess viel Eigenengagement der Kulturschaffenden benötigt. Um als ernstzunehmendes Kreativareal zu gelten muss der Kistlerhof sich stärker auf Inhalte fokussieren, Impulse für München setzen und sich vom wirtschaftlichen Thema emanzipieren dürfen.