Kommentar: Eine siebenjährige Mésalliance und ihr Ende – Okwui Enwezor und das Haus der Kunst

Nun ist es offenbar: Die tieferen Schichten hatten und haben sich nicht zurückgezogen - unter der Oberfläche hat sich München das Dumpfe bewahrt. Der Versuch des Museums auf kosmopolitischer Ebene zu spielen ist gescheitert, und das gerade dann, setzt man für ein Gelingen eines Auftritts in dieser Liga ein, zumindest ein adäquates Verhalten an den Tag zu legen - auch im Nachhinein. Der Eindruck war nicht von der Hand zu weisen, dass es sich bei dem Verzicht auf Joan Jonas und seiner Begründung um ein leises Nachtreten handelte. Aber was wollte man denn haben? Einen Rolls Royce, wo man nicht einmal die Benzinkosten für einen Fiat 500 aufbringen wollte?

Offiziell ist Okwui Enwezor aus Krankheitsgründen zurückgetreten, drei Jahre vor Auslaufen seines Vertrages. Dem Spiegel hat er vor ein paar Tagen ein Interview gegeben und es ließt sich als traurige Nachlese der letzten sieben Jahre. Er habe sich nicht wirklich ‚erwünscht‘ gesehen, es sei nicht um Kommunikation mit ihm gegangen und sein Programm sei dem politischen Klima, das sich vor allem im Umgang mit Flüchtlingen äußere, entgegen gestanden. Zieht man das Interview zusammen und befindet sich in München, bleibt man auf einem ressentimentgeladenen Feld zurück, das auf sich selbst bezogen und unbelehrbar ist. 

Addiert man dazu den Artikel in der AZ im Netz, der auf das Interview hinweist, bekommt man es mit der Angst zu tun. Nicht wegen des Artikels, sondern wegen der Kommentare, auf deren Erscheinen verzichtet wurde:

‚Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der Flut an unsachlichen Kommentaren mit teilweise strafrechtlich relevantem Inhalt sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion für diesen Beitrag zu deaktivieren. Wir bedauern, dass eine sachliche Diskussion zu diesem Thema offenbar nicht möglich ist.‘   In der Tat, das wollen wir nicht wirklich hören. Aber der Befund, den Enwezor äußert, ist Ernst zu nehmen. Seine Ursachen zeigen ein Dilemma auf, das nicht mit operativen Oberflächenveränderungen aus der Welt zu räumen ist.

Da sehen wir das Haus der Kunst und denken an den Satz von Hans Blumenberg

‚Die Geschichte zerbricht an dem Dilemma, an dem sie beginnt.‘

und erinnern uns an das Testament Picassos hinsichtlich seines Gemäldes ‚Guernica‘ (1937), in dem vermerkt ist, dass das Bild erst dann nach Spanien zurückkehren solle, wenn dieses eine Republik geworden ist; man hat letzteres einfach damit vertauscht, dass Franco gestorben ist und dem Parlament ein quasi demokratisches Funktionieren zugesprochen wurde; eine parlamentarische Erbmonarchie ist keine Republik. Wie dem auch sei, ‚Guernica‘ ist zurückgekommen und hängt jetzt hinter zentimeterdickem Panzerglas vielbesucht, einsam in einem Palais, in dem es ein wichtiges Symbol darstellt und den Weg hin zum Besseren begleiten kann. In den fünfziger Jahren war ‚Guernica‘ in München im Haus der Kunst zu sehen.

Das Haus der Kunst trägt es eine Geschichte in sich, die in einem sehr großen und schwierigen Dilemma ihren Anfang nimmt. Diese Geschichte im Vorwissen ihres Ausgangs zu lösen, indem man sagt, es sei die Kunst, der verheerenden Vorgeschichte des Hauses einen zufrieden stellenden Nachklang zu bereiten, klingt dünn angesichts dessen, wie mit der Kunst umgegangen werden kann. 

Selbst Hilz und Thorak wurden nach 1945 dort gezeigt - ohne Randnotiz und Note, die Vergangenheit betreffend - und auf Proteste wurde vom bayerischen Kulturminister Schwalber etwas angestrengt erwidert:

‚Es können Bilder nicht deshalb verboten werden, weil sie einmal Nazigrößen gefallen haben.‘

Sicher ein ausgesprochen bemerkenswerter Satz - selbst Himmler hat Picasso gesammelt -, aber er trifft nicht den Punkt und der liegt eben doch darin, das Haus der Kunst nicht als Funktionsbau für Gegenwartskunst anzusehen, die dann wohlfeil als Alibi gegen die schreckliche deutsche Vergangenheit herangezogen wird.

Das bringt die Kunst in eine Verlegenheit, in der sie nicht zu sein braucht, um das zu sein, was sie ist. Und es ist allemal die Geste dessen, wie die Kunst gezeigt wird, um diese Diskussion anzugehen, die unübersehbar im Raum steht und unausweichlich einen symbolische Überhang ausmacht. Der Überhang selbst - und das bringt das Haus der Kunst und seine Geschichte mit sich - ist nicht ein für allemal auszuräumen, sondern kann nur der Auslöser für einen permanenten Prozeß, ein dauerndes Geschehen sein. Dass dieses Dauernde auf andere Schichten, Themen, Aktualitäten verweist und mehr und mehr den Blick in die Welt miteinschließt, mag ubiquitär erscheinen, es anzugehen, zielt auf etwas Umfassenderes, auch auf die Infragestellung des eigenen Selbstverständnis.

Zieht man es einmal heran und betrachtet es etwas näher, dieses große und wunderbare Ausstellungsprojekt, angelegt in drei Teilen, wovon bisher nur der erste, ‚Postwar‘, gezeigt wurde, so könnte als wichtiges Merkmal kondensiert werden, dass die Grenzen gefallen sind. Die Begrifflichkeit gewohnten kunstgeschichtlichen Sehens sowie ikonographischer Ausdeutung sind ins Wanken geraten, die Programmatik westlicher Moderne hat sich als Modus ausschließenden Sprechens entpuppt. ‚Postwar‘ hat gezeigt, wie vereinzelt und isoliert sich die europäische, wie auch amerikanische Kultur über ihr Scheitern hinwegzuretten versuchte, indem sie fast bruchlos an die Idee der Moderne wieder anknüpfte.

Der Blick in die Welt hat mit ‚Postwar‘ andere Facetten eröffnet. Natürlich wäre spannend zu sehen, wie diese Geschichten weitergehen, in den angekündigten Ausstellungen, ‚Postcolonialism‘ und ‚Postcommunism‘. Eines ist den Ausstellungen gemeinsam, das ‚post‘, das Danach, welches immer ein Öffnen miteinschließt, ein Öffnen des Raumes durch die Zeit, das, nimmt man die Geschichte ernst, ideelle Verkrustungen zerbröckeln lassen kann. 

Die Entscheidung Okwui Enwezor als Direktor im Haus der Kunst einzusetzen, könnte man als eine der intelligentesten bayerischer Kulturpolitik sehen. Auf eminente Art und Weise wurde die Aufmerksamkeit über die regionale Befangenheit hinausgehoben auf ein internationales Parkett. Das hat vorher schon einen Ansatz bekommen, nur mit Enwezor konnte ein Intellektueller gewonnen werden, der eine differenzierte Auseinandersetzung mit einer bloß globalen Sicht betreibt und den postkolonialen Diskurs deutlich vielschichtiger angegangen ist, als es zu erahnen war.

Es wäre darum gegangen, dies als Chance zu begreifen - heute sieht es wie eine Überforderung aus. Und Überforderung setzt sich bekanntermaßen in Abwehrhaltungen um, deren resultierende Verhaltensmuster als gestört zu bezeichnen, sicher nicht falsch ist. Das Museum kann eben nicht mehr der Raum sein, in dem wir zu sehen bekommen, was wir sehen wollen; wir würden an der Langeweile ersticken, ganz abgesehen davon, dass sich in der Selbstwiederholung das Dilemma der Vergangenheit ganz gut in den unreflektierten, tieferen Schichten einzunisten vermag. Es ist München nicht wirklich gegeben, über sich selbst hinaus zu wachsen und das nicht zuletzt deshalb, weil einem kritischen Selbstempfinden kein angemessener Rahmen ermöglicht wurde. Der wäre entstanden, wenn man Enwezors Programm wirklich Gehör geschenkt, sich darauf eingelassen hätte. Dazu gehört, die Welt nicht einfach als Erweiterung der eigenen, gleichbleibenden Selbstverständlichkeiten zu sehen.