Die kaleidoskopische Stadt – Dieses Wochenende eröffnet die Open Art mit einer ungewöhnliche Konstellation an Positionen der Ausstellungsräume, ihrer Vertreter und der Künstler. München verändert sich umfassend, und dabei ist noch alles offen.



Derjenige, der die Initiative beim Schach spielen behält, bestimmt der Schicksal aller Bauern und Könige. Initiative kann eine befriedigende Stellung sein, oder den Stress vor der Verantwortung bedeuten, so dass die Initiative die Kompensation am Ende ermöglicht oder eben scheitern lässt. Bevor das Brettspiel zu einem sinnlosen Vergleich wird: Initiative ist ein strategischer Begriff für Instrumente innerhalb von Machtgefügen, und dieser gilt nicht nur für die Politik, sondern auch für die Kunstwelt.

Am Feierabend des gestrigen Donnerstags scrollte man durch die Pressemitteilung von Art Basel Cities und bekommt Buenos Aires als nächstes Spielfeld der Messe mitgeteilt. Die Königin der Kunstmessen lässt das globale Volk wissen, das sie sich alles anschaut, was sie machen, trotz schmerzhafter, vom Dilemma getriebener Abneigung der Homogenisierung der Kunst. Der Vorstand der Art Basel Cities Initiative lässt die quer abgedeckte Lage erkennen: Architekten, Theoretiker, Sammler und Unternehmer sollen die Züge für die Neugestaltung der Stadt machen.

Die Art Basel Cities Initiative wird mit einem Misstrauen erweckenden einfachen Formular vermittelt, über welches sich Einzelpersonen oder Organisationen anmelden können, um sich als Vertreter einer Stadt für eine Partnerschaft mit Art Basel zu bewerben. Beschreiben Sie ihre Aktivitäten; Sind sie Repräsentant eines Kulturreferats oder eines Organs der Stadtverwaltung? Welches sind die Ziele der Stadt für eine Partnerschaft mit Art Basel für das Art Basel Programm?; Planen sie dazu eine Partnerschaft mit anderen Organisationen, und wen ja welche? Beschreiben Sie die internationalen und nationalen kulturellen Projekte, in denen Sie schon mal involviert waren.

Nimmt man sich die Zeit, um diesen generischen Fragebogen für München auszufüllen, fällt eine weitere Initiative als Vergleichsbeispiel ein, die der Münchner Galerien. Das Open Art, gegründet in den Achtzigern als Diskussionsrahmen der Galeristen und Institutionen, ist von Jahr zu Jahr zu einer quantitativ größeren Veranstaltung gewachsen, qualitativ verwässert sie sich aber seitdem und konstant zu einem anorexischen Treffen alter Hasen, experimentierfreudiger Neulinge, fleißiger Idealisten und stoischer Pragmatiker, welche die Lage akzeptieren, so wie sie eben ist. Die Teilnahme an der Initiative Münchner Galerien ist seit Jahren nicht mehr das, was als Initiative gegründet wurde.

Das Open Art findet also ohne Open Art statt. Institutionen tragen ihr Programm in der Liste ein, Räume öffnen die Türe, abgesehen davon, ob man Teil des Vereins ist oder nicht. Jeder für sich und unter sich.

1 ART N MORE bei Sperling

Was ist aus den Selfies heute geworden? Von Flocken des Alltags zum Werkzeug politischer Kampagnen, ist die heutige Bildsprache eine einzige Überförderung. Dass man zwischen Marketingstrategie und privatem Profil nicht mehr unterscheiden kann, bedeutet auch die Veränderung von Selbstinszenierung in der Kunst. Authentizität ist nicht mehr ein relevanter Begriff zur Bewertung eines Kunstwerkes, und diese Tatsache verleiht der Copyright Debatte eine neue Ausgangssituation: Kunstwerke werden im Dienst der Weltbetrachtung nicht mehr als Kunstwerke verhandelt, sondern als ein weiteres Identifikationsinstrument, wie eben Tätowierungen oder eine Dating-App.

Paul Bowler ist Graphiker und Georg Weißbach ist Maler; zusammen sind sie seit drei Jahren das Kollektiv ART N MORE. Humorvoll und sozial engagiert tauchen ihre Aktionen - die Bemalung von alten Kunstwerken von Bekannten oder Workshops mit dem Verein für Lebenshilfe in Leipzig - wie reaktionäre Kommentare der Gesellschaft auf, für die sie sich verantwortlich fühlen.

Die Galerie Sperling etabliert ein Programm kritischer Beobachtungen. Die bisherige Zusammenarbeit mit Künstlern wie Thomas Geiger oder Anna McCarthy eröffnet ART N MORE einen bereits existierenden Kontext: In einer kommerziellen Galerie wird trotzdem versucht, das Zwischenmenschliche in den Vordergrund zu stellen. Alwina Pampuchs und Johannes Sperlings persönliches und professionelles Engagement mit den Künstlern ist schwer von einem Idealismus zu trennen, der einen neuen Kunstmarkt in München zu öffnen sucht. Sperling zeigt mit ART N MORE dass für Galeristen andere Schnittstellen zu erfüllen sind, und so kommt man zu der Grundfrage, wie und mit wem man in München neue Möglichkeiten für den lokalen Kulturbetrieb finden soll. Das hat Wachstumspotenzial.

2 Sarah Lehnerer / Debutanten 2016, Galerie der Künstler

Professionalität ist ein Begriff, der für der Künstlerverband anscheinend nur mit Preisen gefordert werden kann. Diese Preise werden jährlich mit Ausstellungenformaten vermittelt, wie eben ‚Erste Jahre der Professionalität‘, ‚Tacker‘ oder die Debütanten-Ausstellung. Ben Gossen, Sarah Lehnerer und Markus Lutter sind dieses Jahr dran. Die Fiktionen durch bildtheoretische Untersuchungen bei den Künstler lässt eine luftige Schau einzelner Positionen schaffen. Von Gruppenausstellung muss hier nicht die Rede sein.

Die Stadt bewegt sich in crescendo, rhythmisiert ist dieser Aufgang Berlins auf dem Video von Sarah Lehnerer begleitet von der musenhaften Stimme von Juno Meinecke. Das erste, was man bei der gebrochenen Verschiebung der Gebäude am Rande der Stadt erkennt, ist dass man der Stadt als solcher familiärer ist, als man denkt. Die Fassaden überlappen sich, wie die Pixel auf Google Maps bei langsamen WLAN, und hier entsteht die Verbindung zu den zwei weiteren Räumen, wo sich die skulpturalen Arbeiten an den Wänden und dem Boden der Galerie der Künstler ausruhen.

Ruhe findet man in den Bildern wieder, die Lehnerer in der Auswahl der Serie STRANDS für ihre künstlerische Praxis von jeglichem Kontext abstrahiert. Dazu schreibt Hanne Löreck in dem von Jonas Ranks wunderschön gestalteten Katalog (Teil der Förderung war auch die Realisierung dieser Publikation): „Dass das visuelle Material manchmal die Anmutung von found footage hat, ist eine Folge des Umgangs mit dem Material, vor allem mit seiner Archivierung. (…) Immer wieder lässt Sarah Lehnerer die Fabrikanlage aufblitzen und animiert das Meer im Rhythmus der Rezitation (…). [Das] kann nur das Resultat einer digitalen Bearbeitung sein: Nun tanzt es nach der Pfeife eines binären Codes."

3 'ABBILDEN? Das machen wir nicht mehr!' Bruno Kuhlmann bei artoxin

Bruno Kuhlmann nimmt gerne den Aufbau seiner Ausstellungen als wesentliches Element zum Verständnis davon, was er mit der Malerei sucht. Es gibt nämlich Behauptungen, die ihn viel zu sehr beschäftigen, wie Parolen der Moderne von vor hundert Jahren über die absolute Abschaffung des Figurativen.

ABBILDEN? Das machen wir nicht mehr. Wer, wir? Und warum sich Kuhlmann als Repräsentant von Künstlergenerationen durch die Ausstellung vor seine eigenen Arbeiten selbst hinstellt, erklärt sich bei einem Parcours durch die Arbeiten in den Räumen von artoxin. Warum von malerischen Blick die Rede ist, obwohl die Arbeiten viel mehr von Materialismus im abstrakteren Sinne handeln, lässt die Widersprüchlichkeit großer Wörter sichtbar sein. Ist aber wichtig. Die Hängung in Progress ist eine Diskussion in Process, zu der man sich unbedingt die Arbeiten anschauen sollte.

4 Koka Ramishvili bei Häusler Contemporary

Der Umgang mit Malerei bleibt eine Lieblingsproblematik, und Koka Ramishvili erstellt Skulpturen und Fotografien im Raum von Häusler Contemporary, als Ergebnis Jahrzehnte langer Überlegungen, hierzu etwas zu sagen. Lost Landscapes ist wie Music for Airports, eben: Brian Eno richtet sich an alle und alles, und am Ende geht es um Musik. Purismus pur. „What was the last track you were listening to?“ Ich erzähle Ramishvili, dass ich hierher gejoggt bin, und dazu Flawless von Beyonce in Endlosschleife hörte, dreißig Minuten lang. Flawless ist ein toller Track, in ihm tauchen persönliche, diskursive und poppige Referenzen zu einer Umgebung auf, in der farbige Frauen sich heute bewegen. Beyonce platziert sich natürlich in der Mitte, aber lädt alle Frauen dazu ein, mit ihr im Namen des Feminismus zu tanzen. Das ist durchaus die Lockerung zwischen den Ausstellungen, die ich zum Rundgang des Open Arts benötigte. „Warum?“, frage ich zurück.

„You see, everything now can only be understood through hybridization“. Bei der Frage, warum er sich bei den gemalten Oberflächen der unterschiedlich großen Kisten für mittelalterliche Methoden entschieden hat, freut er sich, dass er zurück zu seinen Präferenzen kommen kann. Seine Langeweile ist sichtbar, wenn man nur versucht, sich über Formalismus zu unterhalten. Abstraktion soll heute anders verstanden werden, sagt er, nämlich als Dekontextualisierung des Kunstwerkes. Die Arbeiten von Ramishvili sprechen durchaus vom Licht und Raum von einer Perspektive heraus, die ständig in Bewegung ist; von Tbilisi über Venedig, Genf nach München. Im Rahmen einer Galerieausstellung im Stil des Häuslers soll dabei nicht als Einschränkung der Eigenschaften der Objekte, denn diese sind auch als klare Objekte zum Erwerben gedacht.

5 Karl & Faber - Förderpreis für Studenten der AdBK München

Ungewöhnlich aktiv in der Öffentlichkeit ist das Auktionshaus Karl & Faber mit dem Förderpreis der Stiftung Kunstakademie München. Als Initiative mag es für ein traditionelles Haus des Kunsthandels als Verkaufsmittel dienen, die Ausstellung beweist ein transparentes Interesse an der Annäherung zeitgenössischer Prozesse, die in der Stadt und darüber hinaus sichtbar gemacht werden sollten. Die Unterstützung ist durchaus wirksam, vor allem dank - nochmals - der Hybridität der neuen Netzwerke.

Ursprünglich wurde der Förderpreis als einmalige Angelegenheit veranstaltet, nämlich zum 90-jährigen Jubiläum. Es ist so gut angekommen, dass eine subtile Kettenreaktion entstand, im Sinne der Öffnung des Hauses zum alternativen Austausch innerhalb einer sehr freien Kunstszene wie der Münchner. Junge Künstler suchen zwar keinen Ansprechpartner in einem Auktionshaus, aber genau hier sind neue Situationen entstanden. Julia Macke, Expertin für Zeitgenössische Kunst und Esra Aydin, Kommunikationsleiterin bei Karl & Faber, haben letztes Jahr mit dem Mode Laden ASPESI die Fotografieausstellung organisiert, im Anschluss an die Neueröffnung des Luitpoldblocks.

Jetzt machen nicht nur ASPESI, sondern auch Schwittenberg und die Stiftung Federkiel mit, bei der Ausstellung der Nominierten aus den Klassen von Klaus vom Bruch, Anke Doberauer, Pia Fries, Albert Hien, Gregor Hildebrandt, Stephan Huber, Res Ingold, Markus Karstieß, Karin Kneffel, Peter Kogler, Olaf Nicolai, Hermann Pitz, Florian Pumphösl, Dieter Rehm, Jorinde Voigt, Julian Rosefeldt und Matthias Wähner.

Maßgebliche Institution bleibt die Stiftung selbst; Die Vorauswahl nehmen die Professoren selber vor, und die Jury besteht aus einer internationalen Auswahl an renommierten Gästen: Prof. Dr. Anne-Marie Bonnet (Professorin für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte an der Universität Bonn), Swantje Karich (Kunstmarktexpertin, Stellvertretende Chefredakteurin BLAU Magazin) und Dr. Martin Engler (Sammlungsleiter für Gegenwartskunst nach 1945 Städel Museum). Das raumergreifendes Ereignis ist entscheidend für den Wandel des lokalen kulturellen Gefüges. Allerdings bedeutet diese Öffnung neuer Netzwerke nicht unbedingt eine Vermischung der Interessen. Sie tut gut, diese Ausstellung im Luitpoldblock. Noch sind diese Gelegenheiten keine Selbstverständlichkeit. Also piano, piano.

Dieses Kommentar wurde von Michael Krefft lektoriert.