Die Möglichkeit der Differenz in der Wiederholung – Gerard Byrnes “In Our Time” bei den Skulptur Projekten Münster 2017

  • 20.06.2017

Zwischen Hörbüchern, CDs und einem Teil der Comic-Abteilung, tief im Untergeschoß der Stadtbücherei Münster, befindet sich eine Tür zu einem schalldichten, abgedunkelten Raum: dem sogenannten Klavierzimmer. In dem halbkreisförmigen Proberaum steht zentral ein schwarzer Flügel, die gerundeten Wände sind von schweren roten Vorhängen verdeckt. Hier spielt und tönt momentan und im Rahmen der Skulptur Projekte Münster 2017 die wandfüllende Projektion “In Our Time” von Gerard Byrne.

Das Video zeigt die Räume eines Rundfunkstudios. Exemplarisch also den Ort, der sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts zum Nexus für Radioprogramme entwickelte und selbst jedoch für die meiste Zeit unsichtbar blieb. Insbesondere die amerikanischen Rock-Radiostationen der 1960er und 1970er Jahre wurden formative und begriffsbildende Orte für die Figur des Disc Jockeys, die sich oft mit der des Radiomoderators überschnitt. So kommt auch in Byrnes Video dem Protagonisten die Rolle des Wettermanns, Nachrichtensprechers und DJs in Personalunion zu. Kleidung und technisches Beiwerk – wie beispielsweise ein Computer mit Röhrenbildschirm, der grüne Schrift auf schwarzem Grund produziert – verweisen auf die 1980er Jahre in Amerika. Eine Tasse mit dem Aufdruck “Don’t Mess with Texas” platziert uns konkret im Süden der Vereinigten Staaten. Der Sender – “CGBS, where you’re never more than one minute away from music” – scheint eine Anspielung auf CBS zu sein, dem Columbia Broadcasting System, einer der größten Rundfunkanstalten in den USA.

Byrne setzt mit seiner Installation “In Our Time” seinen thematischen Referenzrahmen bei Musik und Radio an, bei Ton und dessen Übertragungs- und Abspielmöglichkeiten und darüber hinaus, wie schon im Titel angelegt, innerhalb der größeren Frage nach temporaler Erfahrung im Raum. Das zeigt sich konkret an der vielleicht größten Auffälligkeit der Installation: die Leinwand ist durch zwei große Lautsprecher jäh verstellt. Eine Reihe kleinerer Boxen ist weniger sichtbar entlang der runden Wand im Halbkreis positioniert. In akustischer Hinsicht ist nun wiederum überraschend, dass die Lautsprechergruppen unterschiedliche Kanäle bedienen. Wenn es links hinten im Klavierzimmer raschelt oder etwas rechts neben dem Flügel auf den Boden zu fallen scheint: diese Klanglandschaft der kleinen Lautsprecher bildet das “Off” des portraitieren Rundfunkstudios ab. Wird ein Kugelschreiber gedrückt oder von der Assistentin ein Instrumentenset im Video aufgebaut, wir hören dies um uns herum und stehen auditiv nicht mehr im Klavierzimmer in Münster sondern im fiktiven Radiosender der 1980er Jahre in Texas. Über die beiden zentralen Boxen vor der Leinwand wiederum tönt alles was in der Erzählung des Videos “On Air” ist – von der Wetteransage zum Musikprogramm. Von dort hören wir dann Hits der goldenen Ära des “Rock-Radios” der USA, von “California Dreaming” der The Mamas and the Papas oder Simon and Garfunkels “I am a Rock” aus den 1960ern zu Iggy Pops "The Passenger" von 1972.(1)

Herausragend macht Byrnes “In Our Time” aber nun, dass die Handlung des Videos ca. 30 Minuten umfasst bevor sie als Loop von neuem beginnt. Das Audio des Videos ist aber ca. 10 Stunden lang. Die Materialangabe (‚Video, ohne spezifische Dauer‘(2)) unterschlägt die Raffinesse der Arbeit. Denn Byrne baut in der Erzählung einer Radiosendung geschickt die Möglichkeit der Veränderung innerhalb des Loops ein, wenn beispielsweise der Moderator ankündigt ein “recent cover of The O’Jays ‘Cry together’” zu spielen. Byrne ermöglicht so eine (fast) unendliche Zahl von Varianten des Videos “In Our Time”, die sich in diesem Beispiel an der Anzahl von Cover Versionen eines spezifischen Liedes misst. Der Radio DJ bleibt vage genug um eine Differenz zuzulassen und ist ausreichend spezifisch, dass die Möglichkeit der Differenz uns gar nicht erst in den Sinn kommt.

Die Kulturgeschichte des Loops, der Schleifen, Schlingen und Wiederholungen – umfassend vom Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel(3) erzählt – spiegelt sich in den von Byrne thematisierten Medienträgern besonders eindrücklich. Sowohl die Vinyl-Schallplatte des DJs mit dem sprichwörtlichen Sprung kann als Loop qua Materialfehler par excellence verstanden werden, als auch das Ton- und Filmband, bei dem man beide Enden physisch aneinander klebt. Byrnes Protagonisten in “In Our Time” sind ähnlich gefangen in der repetitiven Erzählung, wie es popkulturell beispielsweise aus dem Blockbuster “Und täglich grüßt das Murmeltier” von 1993 bekannt ist. Im Gegensatz zu klassisch in Zeitschleifen arretierten Protagonist_innen wehren sich Byrnes Hauptfiguren jedoch nicht gegen den Loop. Er stattet sie vielmehr mit einer zunächst unmerklichen Wirkmacht aus.

Während wir meinen immer wieder dasselbe zu sehen und zu hören, gleicht doch kein Loop dem nächsten. Das Verhältnis von Ton zu Bild konstituiert sich über 10 Stunden immer wieder neu. Byrnes Loop ist insofern einerseits visuell “rund”, wie es Michael Glasmeier in Bezug auf Rodney Graham bemerkt: “ein in sich abgeschlossenes System, das kreist wie eine mythische Schlange, die sich in den Schwanz beißt und die alchemistischen Theorien belebt. Wir nennen ihn den gerundeten Loop, da er seine Elemente so miteinander verbindet, dass Anfang und Ende als solche unkenntlich bleiben.”(4) Nochmals mit Glasmeier gedacht muss man “In our Time” aber akustisch als “perforierten” Loop verstehen. In Rückbezug auf Nam June Paiks “Zen for Film” von 1964 stellt Glasmeier fest, dass selbst ein ‘leerer’ transparenter Filmstreifen im geloopten Abspielen durch Staub und Abnutzungsspuren sein “Bild” zwangsläufig mit jedem neuen Abspielen verändert. Kein Loop gleicht dem nächsten. “Die Möglichkeit eines radikalen Herausfallens aus der Zeit hinterlässt Spuren in der Zeit,” so Glasmeier(5).

“In Our Time” mag zukünftig auch an anderen Orten zu sehen und zu hören sein. In Münster ist sie aber besonders gut. Denn die Bibliothek als Archiv von Schrift-, Ton - und Bildträgern ist ein für das gesamte Werk Byrnes entscheidender Nexus. Der in diesem öffentlichen Stadtarchiv versteckte, klang-isolierte Proberaum spiegelt nicht nur das Setting des Videos selbst grandios wider, sondern macht aufgrund seiner akustischen Qualitäten und ästhetischen Parameter, die Körper der BesucherInnen zur ‚skulpturalen' Komplizen innerhalb der Aufführung. Diese performative Komponente ist, neben den virtuellen Neuerungen, eine der zentralen Erweiterungen des Skulpturbegriffs der letzten Dekade geworden. Und damit innerhalb der fünften Skulptur Projekte Münster höchst relevant. Auditiv konstituiert sich “In Our Time” immer wieder neu und erzeugt, mit Baumgärtler gedacht, ein auf Loops basierendes Kunstwerk, das seinem “Publikum oft das Gefühl einer 'unaufhörlichen Gegenwart' oder einer 'zyklischen' Zeit [gibt], die dem modernen Verständnis von Zeit und Geschichte als ewigem 'Fortschritt' diametral gegenüber stehen."(6)

Die dritte von den Skulptur Projekten vorab publizierten Zeitungen postuliert in ihrem Titel den programmatischen Zustand: Out of Time. Mit einer kuratorisch klug gesetzten ortsspezifischen Arbeit wie der von Gerard Byrne gelingt es, dass die Skulptur Projekte Münster 2017 ebenfalls ganz “In Our Time” sind. Kann man zuletzt parabolisch die Skulptur Projekte Münster als Format in Bezug setzen? Die von Kaspar König bisher erfolgreich gegen Beschleunigungsversuche verteidigte dekanale Wiederholung ermöglicht es, außerhalb von Marktzyklen, eine langsamere und behutsamere Wiederauflage eines bewährten Formats anzubieten. Ein nötiges Ritournelle innerhalb des kurzlebigen Lärms.