Ein seltsames Aufeinanderprallen futuristischer, durch den Glauben an Utopien getragenen Statements – Kino der Kunst 2017

Nach der Aufführung des Filmes Ni le ciel ni la terre war sich das Publikum einig; dieser Film verdient den ersten Preis. Und so kam es, da auch die Fachjury des diesjährigen Festivals KINO DER KUNST, besetzt unter anderen mit der Schauspielerin Nina Hoss und dem Kameramann Ed Lachmann derselben Meinung war und dem Autor dieses Filmes, dem junge französische Künstler Clément Cogitore, den ersten Preis verlieh. Einem Künstler, denn KINO DER KUNST zeigt ausschließlich Filme, deren Autoren bildende Künstler sind. Ursprünglich in Köln von dem Kunstpublizisten Heinz Peter Schwerfel ins Leben gerufen findet KINO DER KUNST seit drei Jahren in München statt. Von der in München lebenden Sammlerin Ingvild Goetz in diese Stadt geholt, wurde das Festival zu einem Stadtereignis, an dem sich neben der Hochschule für Fernsehen und Film auch das Haus der Kunst, das Museum Brandhorst oder die Villa Stuck beteiligten. Ein Symposium, das der virtuellen Realität nachging, begleitete die Filmvorführungen.

Spätestens seit den 1960 Jahren greifen Künstler zur Kamera. Aber während die ersten von Künstlern gedrehten Filme experimentell waren und sich daher vorwiegend dem Erkunden der Möglichkeiten der Kamera und der Verarbeitung des Filmmaterials widmeten, kam es in den letzten Jahren zu einer Verschiebung. Die heutigen Filme von Künstlern erzählen Geschichten, oft fiktive Geschichten und konkurrieren so, wie zum Beispiel der von dem US-amerikanischen Maler Julien Schnabel 2007 gedrehter Film Schmetterling und Taucherglocke der professionellen Kinoproduktion.

Auch der in München preisgekrönte Film erzählt eine Geschichte und zwar vom militärischen Einsatz französischer Soldaten in Afghanistan. Doch was zuerst wie eine nüchterne Dokumentation militärischer Handlungen aussieht, wird, ohne dass man merkt wann, zu einer fiktiv irrationalen, das Leben der Soldaten bedrohenden Geschichte, die sich aus dem Zusammenprall einer rational auf Effizienz ausgerichteten Welt des westlichen Militärs mit der mythischen Welt der auf dem Lande lebenden afghanischen Bevölkerung entwickelt. Es ist ein ungemein spannender und an sich realer Film, weil er plötzlich die Hilflosigkeit im Umgang mit außereuropäischen Kulturen der westlichen Reduzierung des Realitätsbegriffs auf sichtbare und beweisbare Vorkommnisse offenbart.

Wie dieser Film reagierten die meisten Filme des Festivals auf die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. So auch der 2016 entstandene Film Simple Little Lives des in New York lebenden iranischen Künstlers Shoja Azari. Beeindruckend zeigt er die Zunahme von Aggressivität weißer Jugendlicher in der US-amerikanischen Provinz. Wer diesen Film gesehen hat, wundert sich über Donald Trumps Aufstieg nicht mehr. Von unterschwelliger Aggressivität ist auch der Film Krisis des russischen Künstlers Dimitri Venkov. Es ist eine Reinszenierung einer authentischen Facebook-Diskussion zwischen russischen und ukrainischen Künstlern nachdem in Kiew während der Maidan-Proteste Lenin-Statue zerstört wurde. Aufsehen erregte das Filmessay Shadow World des belgischen Künstlers Johan Grimonpres von 2016.

Ausgehend von Andrew Feisteins Buch The Shadow World: Inside the Global Arms Trade belegt dieser Film mit Interviews und mit Archivmaterial die Machenschaften der Waffenindustrie, welche nicht nur die Korruption fördern, sondern indem sie auch Wirtschaft- und Außenpolitik beeinflussen untergraben sie die Demokratie. Waffengeschäfte sind für die Kunst ein besonders brenzliches Thema, denn bereits seit längerem wird vermutet, dass über den Ankauf zeitgenössischer Kunst Gelder aus Waffengeschäften gewaschen werden. Nicht um sonst machte vor einigen Jahren der Spruch des englische Künstler Jeremy Deller, Kunstmessen seien Orte, wo man Waffenhändler kennenlernen könne, in der Kunstszene eine Runde.

Auch das Flüchtlingsdrama war ein Thema. So zum Beispiel im Film Homeland von 2016 des in Istanbul lebenden Halil Altindere. Seine mit der Stimme von Mohamed Abu Hajar, eines in Berlin lebenden Rappers aus Syrien, untermalte Erzählung ist eine aus fiktiven aber auch dokumentarischen Bildern zusammengesetzte neuzeitliche Balade von einprägsamen Bildern.

Großer Publikumserfolg war die in der Villa Stuck gezeigte Installation des deutschen Künstlers Julian Rosenfeldt. In mehreren Großprojektionen war immer wieder die Schauspielerin Cate Blanchett zu sehen, wie sie einmal als ein Penner, dann wieder als eine Lehrerin, eine Hausfrau oder als eine Trauende während eines Begräbnisses Künstlermanifeste des 20. Jahrhunderts wie die der Futuristen, Dadaisten, oder Situationisten zitiert. So wechselten sich im Raum verschiedene Bilder ab, denen eines gemeinsam war: ein seltsames Aufeinanderprallen futuristischer, durch den Glauben an Utopien getragenen Statements mit der heutigen Stimmung, welcher der Glaube an Utopien immer schwerer fällt.