ELF ERFAHRUNGEN – mit der Radlküche die Isar entlang

„Der Künstler des kleinstmöglichen Eingriffs geht (...) davon aus, dass ein gegebenes Environment erst in unserem Kopf, in unserer Wahrnehmung zur Landschaft wird. Eine Veränderung der Landschaft muss also nicht eine Veränderung im Gelände, sondern eine auf unsere Wahrnehmung zielende Veränderung sein. Im äußersten Fall ist sie ephemer, nur vorhanden während der Anwesenheit des Künstlers und der Durchführung des Werks.“

Lucius Burckhardt

München, die selbsternannte „Radlhauptstadt“ und 200 Jahre Fahrrad - schon allein dies wären Gründe genug, sich mit Radln im Zusammenhang mit „Kunst im öffentlichen Raum“ zu beschäftigen. Darüber hinaus ist es uns ein Anliegen dieses Fortbewegungsmittel zu nutzen, um es nicht nur in sportlichen oder umweltschützerischen Kontexten zu sehen, sondern eine sinnlich-künstlerische Annäherung an das Thema „Radln in der Stadt“ zu wagen. Was für eine städtische Atmosphäre erschließt sich dem durch die Stadt Radlnden, welche Orte werden vom Sattel aus sicht-bar, wie hängen einzelne Orte zusammen, was verbindet sie außer dem Fahrradweg? In unserem Projekt „Erfahrungen“ möchten wir diesen Fragen nachgehen und so den Partizipierenden die Möglichkeit geben, sich der Atmosphäre dieser Stadt auf neue Art und Weise zu nähern und sie mitzugestalten.

Vorgehensweise

„Die Wahrheit des Neuen, als des nicht bereits Besetzten, hat ihren Ort im Intentionslosen“

T. W. Adorno

In der ersten Projektphase bauen wir im Frühjahr des kommenden Jahres ein Lastenrad mit integrierter Kochoption, unsere Radlküche. Als Vorbild dient hierfür als Grundgerüst die Wissensallmende rund um das Thema Lastenrad-Selbstbau (www.werkstatt-lastenrad.de)). Das Fahrrad wird so konstruiert, dass die Holzteile, die während der Fahrt als Transportbehälter fungieren, an den jeweiligen Standorten zu Sitzmöbel und Tisch werden. Diese Bauphase realisieren wir gemeinsam mit der offenen Werkstatt WerkBox³ in Haidhausen. Dieser Stadtteil ist folglich der Ausgangspunkt unseres Projekts. Bereits diese Phase ist geprägt von der Schaffung eines skulpturalen Kunst-werks, das dann von der WerkBox³ aus in den öffentlichen Stadtraum getragen wird. In die zweite Projektphase starten wir Anfang Mai mit unseren zweiwöchig stattfindenden Touren, die temporäre soziale Gebilde schaffen, durch die Radlküche verkörpert (siehe beiliegender Stadt-plan): Bei der Marienklause startend, fahren wir die Isar flußabwärts, um an ausgewählten Plätzen zu halten und unsere Radlküche zu installieren.

An jedem der Orte werden die gleichen Gerichte zubereitet - davon ausgehend, dass diese jedoch je nach Partizipierenden und Umgebungsatmosphäre unterschiedlich ausfallen und aufgenommen werden: Wir untersuchen urbane Orte auf ihre Lebensqualität mit dem Ziel der Wiederbelebung/Beseelung. Unser Werkzeug ist die gemeinschaftsstiftende Tätigkeit des Kochens und Essens. Wir bauen auf der Laborküche auf, ein Projekt, das wir im vergangenen Jahr auf dem Kreativlaborgelände, gestartet haben und welches wir nun verstärkt in die Stadt hinein tragen wollen. Kochen und Essen sind Alltagsrituale, die heute oft professionell ausgelagert werden. Dabei ist die Küche nicht nur ein Ort von Nahrung und Nähe, sondern auch ein Ort, in dem utopische Potentiale einer Stadt im Dialog verhandelt werden können. Wie wollen wir unser Leben im urbanen Raum gestalten?

Bereits während der Fahrt wird durch die Einmaligkeit des Gefährts eine Aufmerksamkeit auf den Weg durch die Stadtviertel gelegt und dann natürlich im speziellen auf den gewählten Ort. Hier haben wir uns für Orte entschieden, die in der alltäglichen Stadtwahrnehmung wenig präsent sind und so die Möglichkeit bieten, Stadt aus einer freien Perspektive heraus zu denken. Die Orte erfahren durch die Radlküche eine Neu- bzw. Umcodierung und werden zu besonderen, interkulturellen Begegnungsstätten, an denen basale Kulturtechniken ausgetauscht werden.

Standorte

Wir haben uns für Orte entschieden, die weder besondere Highlights in München darstellen, noch sogenannte „Unorte“ sind. Vielmehr handelt es sich um gebrochene, im Stadtbild verschwindende Orte, die sich der bewussten Wahrnehmung entziehen. Als Anfangs- und Endpunkt dient uns je ein Ort direkt an der Isar. Wir bewegen uns in Flußrichtung, bei der Marienklause startend über den Hans-Mielich-Platz, Zita-Zehner-Platz, Bordeauxplatz bis hin zum Wilhelm-Hausenstein-Weg.An jedem der Standorte wird die Radlküche zum Sammelpunkt für gemeinsames Kochen, Essen sowie den Dialog über Stadtutopien.

Partner

In Kooperation mit der WerkBox³ in Haidhausen wird der Bau des Lastenrads, welches eine integrierte Kochoption ermöglicht, umgesetzt. Ebenso werden wir beim Bau der Radlküche unterstützt von der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis.Die Radlküche soll im April kommenden Jahres entstehen. Als Bauzeit ist ca. ein Monat eingeplant. Die hierbei gewonnenen Kompetenzen können sinnvoll eingesetzt werden bei der Umsetzung weiterer radlbasierte Kulturprojekte.Als weiterer Partner arbeiten wir für die Umsetzung der Radlkochaktionen mit Foodsharing Mün-chen zusammen. Um eine umweltfreundliche Nutzung der Orte rund um die Isar sicherzustellen, berät uns der Verein Freunde der Isar e.V.

Kommunikation

Zielgruppe sind die in den jeweiligen Stadtvierteln lebenden und arbeitenden Personen, ebenso wie zufällig vorbeikommende Passanten/Touristen. Sie alle wollen wir in den Prozess einbinden. Aufgrund der Interdisziplinarität des Projekts gehen wir von einer äußerst vielschichtigen Zielgrup-pe aus. Bereits während der ersten Projektphase - dem Bau - werden wir über die Website des Instituts für Glücksfindung wie auch eine eigens errichtete Facebook-Seite berichten und so das Projekt in den Fokus der Öffentlichkeit lenken. Die Touren als Ganzes wie auch im einzelnen werden Online via Social Media/Website und Offline via Flyer vorgestellt und zur Teilnahme geladen. Die Teilnahme ist offen und kostenfrei, da wir allen die Möglichkeit geben möchten, daran zu partizipieren. Die Touren selbst werden selbstverständlich auch dokumentiert. Ziel ist es, auch über die Kanäle der Radlhauptstadt München unsere Touren zu bewerben.