FIGHT MOVES IN EINER GENDER-UNGERECHTEN SZENE – Kommentar

  • 06.12.2018

„Why Have There Been No Great Women Artists?“

ist der Titel eines Essays der vergangenes Jahr verstorbenen, amerikanischen Kunsthistorikerin Linda Nochlin aus dem Jahr 1971, in dem sie sich mit den institutionellen Hürden, die für die massive Unterrepräsentation von Künstlerinnen in der Kunstwelt verantwortlich sind, beschäftigt. Sechsundvierzig Jahre später, im November 2017, erschien im deutschsprachigen Feuilleton der ZEIT der Brief „Wir wissen es“ von Carlin Würfel an ihre männlichen Kollegen. Er reagierte auf die nordamerikanische Kampagne „We Are Not Surprised“. Doch es ging dabei nicht nur um Missbrauch: Auch Diskriminierung wurde als ein immer noch ernsthaftes Problem in der Kunstwelt benannt. Im deutschsprachigen Raum wies im September 2018 u.a. die Künstlerin Candice Breitz auf die Ungerechtigkeit zwischen der Geschlechter in der Kunstwelt hin, ausgelöst durch die Ausstellung „Zweifel“ im NRW Forum, die Candice Breitz und die Kritikerin Hannah Wolf als „Pimmelsuppe“ bezeichneten.

Vor einigen Jahren begann mein Interesse an Feminismus neu zu erwachen. Ich hatte zuvor ein eher unentspanntes Verhältnis zu all den umbequemen Empowerment- und Genderdiskussionen. Ausserdem empfand ich mich als aufgeklärt und gleichberechtigt. Warum sollte mir die Welt nicht offen stehen? Doch heute würde ich mich als Feministin bezeichnen und habe etwa die Hashtag Debatten um #aufschrei und #MeToo sehr interessiert verfolgt. Nachdem die Schauspielerin Alyssa Milano Frauen und Männer dazu aufgerufen hatte, sich unter #MeToo zu äußern, wenn auch sie von sexueller Belästigung, Vergewaltigung, Missbrauch betroffen seien, erklärten sich hunderttausende unter #MeToo.

Bereits innerhalb der ersten zwei Tage gab es über eine Million Erwähnungen auf Twitter weltweit. #MeToo kam sehr bald sehr stark in die Kritik, da der virtuellen Erhebung vorgeworfen wurde „schwerwiegende“ Missbrauchs-und Gewalterfahrungen und „Klaps auf den Po“ gleichzusetzen und damit zu verharmlosen. In Berichten zur anwachsenden Kritik an #MeToo meinte etwa Vera Schröder in der Süddeutschen Zeitung festzustellen, dass insbesondere eine ältere Generation der Frauenrechtsbewegung sich an den Berichten von vermeintlich banalen Erlebnissen störten. Es gab aber auch laute Kritik an dem Bedienen der „Pity Porns“, also der „Oh wie schrecklich“- Mitleidsreaktion, die die Frauen noch einmal zu Opfern macht. Ich selbst habe ebenfalls #MeToo gepostet, allerdings ohne eine konkrete Geschichte dazu. Das lag aber nicht an meinem Unbehagen, sondern eher an dem Unvermögen, aus den vielen, vielen Erlebnissen ein einziges zu benennen!

MeToo dafür, dass meine Chefkuratorin mir, als ich wegen meines Kindes einmal zuhause blieb, eine Mail schrieb mit dem Hinweis, sie habe ihre ersten 10 Jahre Gehalt nur in Babysitter gesteckt, damit man ihr das Muttersein nicht anmerkt. #MeToo für den Galeristen, der mich mit sehr kurzen Haaren nicht mehr als Mitarbeiterin haben wollte. Aber auch #MeToo für die tausend Situationen, die einfach unangenehm und grenzüberschreitend waren, ohne explizit gewalttätig oder beleidigend zu sein. An eine Gewalterfahrung habe ich keine Sekunde gedacht. Sie nähme wenig Raum ein im Vergleich zu den ungezählten Alltagserfahrungen. Ich mag #MeToo, denn er gibt Menschen den Raum, auch Erfahrungen aus der Grauzone zwischen schlechtem Benehmen und sexualisierter Gewalt einmal loszuwerden - ermutigt von einer Grundhaltung, die eben keine Wertung darüber vorsieht, wessen Erlebnis erzählenswert ist.

Leider muss ich dennoch benennen, dass #MeToo zwar geschafft hat, eine anhaltende Debatte anzustoßen, aber es fragwürdig ist, wie sehr diese an den bestehenden Verhältnissen rütteln kann. Auch der Artikel von Vera Schröder fällt nämlich zurück in die Verteidigung der Mittäterschaft der Frauen. Wenn Vera Schröder schreibt, dass „Frauen, die unter schwierigeren Bedingungen die Grundlage für alle heutigen Forderungen (...) nicht im Nachhinein zu Opfern für jedes aus guten Gründen tapfer ertragene schmierige Kompliment gemacht werden möchten“ dann beschreibt sie die Beteiligung oder Komplizenschaft von Frauen an der institutionalisierten Herrschaft des Patriarchats, wie es Christina Thürmer-Rohr schon 1983 analysierte.

Christina Thürmer-Rohr schreibt im Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung: Theorie, Methoden, Empirie (2010): „Frauen werden nicht nur unterdrückt, missbraucht und in ein schädigendes System verstrickt, sondern steigen auch eigentätig ein, gewinnen Privilegien, ernten fragwürdige Anerkennung und profitieren von ihren Rollen, sofern sie sie erfüllen. Frauen sind nicht nur durch gemeinsame Leiderfahrungen geprägt, sondern auch durch direkte und indirekte Zustimmung zur Höherwertung des Mannes und zur Entlastung gesellschaftlicher Täter. Diese Bereitschaft zur Duldung, Unterstützung oder Nichtzuständigkeit ist der Triumph, den die Patriarchate feiern können.“

Mit dem Begriff der Mittäterschaft soll nicht geleugnet werden, dass Frauen Opfer männlicher Kontrolle und Gewalt werden können, sondern es soll das Mitwirken an struktureller sowie direkter männlicher Kontrolle und Gewalt thematisierbar werden. Macht wird dabei im Sinne Foucaults als integriertes, einbindendes Herrschaftsverhältnis verstanden. Das Begriffskonzept löste heftige Kontroversen aus, insgesamt führte die Debatte aber zur heutigen Einsicht, dass eine einfache Zuordnung in Opfer-Täter-Kategorien kaum angemessen ist.

„We Are Not Surprised“, die Aufmerksamkeitskampagne gegen Missbrauch im Kunstbetrieb, 2017, geht daher für mich noch einen Schritt weiter. Der offene Brief thematisierte die Abhängigkeitsverhältnisse und löste ein, was Carolin Würfel in ihrem ZEIT Plädoyer forderte: „Aber die Vorwürfe, die im Raum stehen, in dem überschaubaren Raum, in dem wir uns täglich bewegen, in dem wir leben, arbeiten, denken, schreiben, sie bleiben namenlos. Es bleiben vage Anschuldigungen an Männer ohne Gesicht. An Männer, die alle und niemand sein könnten. Warum nennen wir keinen Namen? Warum schweigen wir uns aus?“

„We Are Not Surprised“ setzt dagegen:

„(...)Wir sind nicht überrascht, wenn Kuratoren uns Ausstellungen oder Unterstützung im Austausch für sexuelle Gefälligkeiten anbieten. Wir sind nicht überrascht, wenn Galeristen sexuelle Missbrauchshandlungen von Künstlern die sie vertreten romantisieren, verharmlosen oder verschweigen. Wir sind nicht überrascht, wenn eine Besprechung mit einem Sammler oder einem potentiellen Förderer zu einem sexuellen Angebot wird. Wir sind nicht überrascht, wenn sich an uns gerächt wird, nachdem wir uns nicht einverstanden erklärten. Wir sind nicht überrascht, wenn Knight Landesman uns auf dem Stand einer Kunstmesse begrapscht und dabei verspricht, dass er uns bei unserer Karriere helfen wird. Machtmissbrauch überrascht uns nicht.“

Die „Zweifel“- bzw. „Pimmelsuppe“- Affäre um die Künstlerin Candice Breitz zeigt eine andere Form des „Machtmissbrauchs“ in der Kunstszene. Die Affäre besteht darin, herunter gebrochen, , dass weiße Männer weiße Männer ausstellen. Dass zur Rechtfertigung dieses Missstandes eine Argumentation bedient wird, die altbekannt ist: Frauen seien nicht benachteiligt worden, es ginge den Kuratoren einfach nur um Qualität. Und dass den Kritikerinnen - von dem männlichen Kurator - vorgeworfen wird, sie würden von Feminismus ja eigentlich auch gar nichts verstehen. Dieser Diskurs wird nur innerhalb der Kunst geführt. Obgleich sich auch dieser Missstand auf andere Kreativbranchen übertragen ließe - so wie sich #MeToo auf die westliche Gesellschaft insgesamt übertragen lässt und „We Are Not Surprised“ auch von Programmierinnen und Theatermacher*innen unterschrieben wurde. Doch die knapp 1200 Unterschriften auf der Website https://imzweifelzweifeln.wordpress.com/ über den Disput über das NRW Forum stammen fast nur aus der europäischen Kunstszene.

Vielleicht hat sich durch „We Are Not Surprised“ gezeigt: Es ändert ohnehin nichts. Auf der Website steht lapidar: „Knight Landesman remains co-owner of Artforum, and while new editor-in- chief David Velasco and the editorial staff have been busy crafting “intersectional feminist” content for the magazine, Artforum’s publishers and lawyers filed a motion to dismiss Amanda Schmitt’s lawsuit, calling the harassment she and other women suffered “irrelevant.“. Ist die Antwort auf die Aggression Gegenaggression? Kann es wirklich richtig sein, einen Boykott der Arbeit mit missbrauchenden Personen zu fordern? Das ist eine politische Frage, denn geht es um die Einstellung, die politische Gesinnung, die Integrität der Person? Oder um deren Kompetenz? Denn an anderen Stelle wird ja genau dies gefordert: Von der Identität eines Menschen soll nicht auf dessen vermeintlich mangelnden Kompetenzen geschlossen werden. Bedeutet das nun, ich darf die Identität eines sexistischen Arschlochs haben? Nein. Denn mit großer Macht kommt große Verantwortung. Auch Frauen können Arschlöcher sein. Mittäterinnen. Täterinnen. Das sei unbestritten. Doch Frauen sind immer noch strukturell benachteiligt. Dafür brauchen wir gelingende Fight Moves, um „Why Have There Been No Great Women Artists?“ zu einer historischen Frage zu machen. 2018 ist sie noch erschreckend aktuell.

Jessica Bennett schlägt in ihrem Buch „Feminist Fight Club: A Survival Manual for a Sexist Workplace“ (2016) folgende Fight Moves vor:

1. Help each other!*

(*„There’s a special place in hell for women who don’t help each other!”, said Madeleine Albright 2. Hire each other! (Get more of us in power!)

3. Pass on your wisdom!

(Help the next generation rise up! Learn from them!)
Ich würde dem gern hinzufügen wollen:

4. Never fight each other.

(Ob Feministin der ersten, zweiten, dritten oder vierten Welle: Nur gemeinsam sind wir stark.)

Mehr auf Arts of the Working Class ISSUE 4: Leave your obsessions under the XXXmas tree.