Off-site: Rom I – GIANLUCA MALGERI + Arina Endo : Homo ludens - Galleria Magazzino (noch bis 30.01.2016)

Die Verlegung oder auch Versetzung des Blickes an einen anderen Ort, an dem man Dinge betrachtet, hat deshalb etwas Erhellendes, weil die Dinge dort nicht die gleichen sind. Die über Vieles erhabene Perspektive erfährt einen Knick, kann sich als solche einer schönen Beweglichkeit erfreuen und wird von einem vermeintlich ans Ende gekommenen Standpunkt wieder in die Mitte der Geschichte versetzt. Off-Site ist deshalb nicht allein eine Anreicherung durch Vielheit, sondern gleichsam eine Rebellion gegen die Erstarrung...

Dass dies sich in Rom ereignet, klingt zunächst unwahrscheinlich, zumal, in der zeitlichen Einschreibung als ewige Stadt, so etwas wie Agonie mitschwingt. Andererseits deutet die Gleichzeitigkeit des Vielen auf einen Mangel anderenorts darauf, in Rom Gegenwärtigkeiten vorzufinden, die man in München gar nicht erst suchen muss.

In der gegenwärtig, ganz wunderbaren Ausstellung 'homo ludens', in der römischen Galleria Magazzino kommt dies alles zusammen. Gianluca Malgeri führt in der Zusammenarbeit mit Arina Endo eine scharfsinnige, spielerische und mit Leichtigkeit getragene Auseinandersetzung über jenen Bilder produzierenden Zustand, jenseits der Erwachsenenseins.

Hier an dieser Stelle kommt einem in den Sinn, dass in München, in der Villa Stuck, eine Ausstellung zu sehen ist, die sich anscheinend einem gleichen Thema zugewandt hat. In 'Geh und spiel mit dem Riesen' wird das Kind-sein durchaus weittragend analysiert durch und in der, dann und wann auch wohlwollenden Perspektive der Welt der Erwachsenen. Man könnte dies als deutsch bezeichnen. In den besten Momenten steigert sich diese Themenausstellung zu polemischem Spott (Mike Kelly, Baldessari, Koons) gegenüber den funktionalisierenden Vorstellungen, die das Kind auf sich zieht.

Gianluca Malgeri läßt hier eine allemal angesagte Umkehrung stattfinden. Vielleicht ist es die Sozialisation, die ohne Struwelpeter und Schreber sich abzuspielen vermag. Und wenn doch, eher von der starken Präsenz jener grausamen Welt von Pinoccio geprägt ist und diversen Lesarten und Umgangsweisen mit eben dieser Welt. Der Bezug auf Carmelo Bene - bei uns bekannt eventuell durch einen Aufsatz von Deleuze, diversen Anmerkungen von Althusser und den Referenzen, die diverse Künstler des Arte Povera genommen haben - bringt die Sache auf den Punkt.

Es scheint die Sensibilisierung einer gewissen intellektuellen Schärfe, die da im Gegensatz zu einer reduzierten Spielbreite steht, wenn man an die Tradition deutscher Pädagogik denkt. Benes Auseinandersetzung mit Pinocchio besitzt genau den Grad an Profundem, der sich bei uns aus Gründen der Disziplinierung und Selbstdisziplinierung, kaum ergeben kann; die Anerkennung der sozialen Ordnung erzeugt den 'guten Jungen', “the disappearance of the nose is the moment of his surrender to obedience” (Bene); die 'heroische Ablehnung des Erwachsenwerdens' versetzt einen in den Zustand des nicht Absehbaren, den wir Kinder nicht gerne zugestehen.

In der Galleria Magazzino ist ein riesenhafter, aus Draht gebauter Pinocchio aufgebaut. Sein Innenleben, in das wir hineinsehen können, besteht aus Karussells, Schaukeln, Treppen zum Auf- und Hinuntersteigen - ein Kindertraum, wir wollen in ihn hineinsteigen, in Pinocchio leben. Malgeri läßt nun aber die Nase nicht verschwinden, die Nase, die wächst, wenn Pinocchio lügt, also das Indiz für seine soziale Anpassung darstellt - oder eben Nicht-Anpassung. Die Nase von Magleris Pinocchio ist riesenhaft, gigantisch, eine Schande für alle Kinder, die schlechthinnige Lüge, die radikale Absage, es recht zu machen - das sich verweigernde Kind, das Monster, das grausame Kind...

Der richtige Weg - hier soll er verraten werden - sind nicht die Vorstellungen der Erwachsenen eines so oder so gearteten Kindseins, der richtige Weg ist die Verweigerung des Erwachsensein, die Rebellion, der Widerstand gegen diese Zustand, der als Grundlage immer nur eine Zwangsvorstellung generiert, in dem das Bild des Kindes an die eigene soziale und richtig empfundene und im Höchstfall kritisch befundene Ordnung angepasst wird.