Hans-Peter Feldmann „Laden 1975-2015“ – „So ein Ding muss ich auch haben. Gegenwartskunst aus dem Lenbachhaus und der KiCo Stiftung“

Das Lenbachhaus hat seinen Bereich Kunst nach 1945 neu konzipiert. Unter dem Titel „So ein Ding muss ich auch haben“ werden nun einige bisher noch wenig bekannte Werke und zentral der aktuelle Neuzugang „Laden 1975-2015“ von Hans-Peter Feldmann gezeigt. Die Überschrift der Ausstellung geht auf einen Filmtitel der Münchner Gruppe SPUR zurück, deren Werke einen weiteren Schwerpunkt der Sammlung des Lenbachhauses bilden und ein wichtiger Teil der Münchner Malereigeschichte der Nachkriegszeit sind.

Die Sammlung vereint seit den 1970er Jahren internationale Gegenwartskunst und insbesondere Künstlerinnen und Künstler, die einen Bezug zur Stadt München aufweisen. Damit wird der Bereich Kunst nach 1945 nach eigenem Bekunden zu einer der "umfangreichsten und interessantesten Museumssammlungen". Neben einer Vielzahl von Arbeiten der Sammlung zur Gegenwartskunst wird Hans-Peter Feldmanns „Laden 1975-2015“ dem Besucher bis April 2017 offen stehen.

Hans-Peter Feldmann ist Künstler und (leidenschaftlicher) Sammler. Das durchzieht, so erzählt er selbst, sein Schaffen von frühester Kindheit an. Er sucht und findet Einzelstücke, Puzzleteile, die er in eine neue, ganz eigene Ordnung bringt. Er erschafft einen Kontext mit einer Überschrift, unter der er die Teile zusammenführt. Mit diesen Collagen zieht Feldmann Alltägliches und Banales ins Rampenlicht und fordert damit den Betrachter heraus.

Das passiert auch mit seinem Laden, in dem er, bis zu dessen Schließung 2015, in der Düsseldorfer Altstadt Geschenke, Souvenirs und Spielzeug anbot. Indem das Lenbachhaus dieses Geschäft in der Ausstellung „So ein Ding muss ich auch haben“ ausstellt, führt es die Tradition seiner Sammlung fort, die von Joseph Beuys' Environments und Installationen bis zu Bildsammlungen mit biographischem Hintergrund, wie dem „Atlas“ von Gerhard Richter reicht.

Auch hier zeigt sich Feldmanns Vorgehensweise, Einzelteile unter einem Begriff zu vereinen. Um welchen es sich in diesem Fall handelt, verrät dem Kunden das bunte Eingangsschild:

"Feldmann Geschenkartikel".

Darunter, übersetzt in die vielen Sprachen der potentiellen Laufkundschaft, schlicht

"Geschenke".

Allerdings, das wird beim Betreten sofort deutlich, kam man meist nicht, um etwas Bestimmtes zu kaufen. Ähnlich dem Flohmarkt fand man hier, ohne nach eben diesem Objekt gesucht zu haben. Ebenso wie die Verkaufstische auf dem Flohmarkt einen bestimmten Stil, eine Vorliebe und damit den Charakter der Menschen, aus dessen Inventar die Stücke stammen, verrät, erkennen wir diesen spezifischen Ausdruck in Feldmanns Laden. Es reiht sich altes Blechspielzeug an große Modelle von Segelschiffen oder des Eiffelturms.

Die Vitrinen enthalten − nur um einige wenige Beispiele zu geben: eine Lavalampe, Spieluhren oder eine Voodoopuppe mit Einstichmarkierungen und einer Beschreibung über die zu erwartende Wirkung für den Adressaten dieses Zaubers. Weiter einige "Ostalgica" und Quietscheentchen in verschiedenen Größen. Der Besucher findet außerdem Papp- und venezianische Masken, Kuckucksuhren und Zinnkrüge, Spielzeugtelefone, einen Froschkönig, die Queen, Angela Merkel und den Papst als Miniatur oder als Hampelmann (freundlich grüßend).

Natürlich Welt- und Schneekugeln, Schafe, Enten, Roboter. Es besteht kein Zweifel über Feldmanns Sammelleidenschaft. Allerdings ist das Inventar nicht nur autobiographisch, sondern zeigt einen kulturellen Abdruck einer Gesellschaft über einen Zeitraum von fast einem halben Jahrhundert. Es vereinen sich hier sowohl einige Souvenirklassiker, die man wohl überall in Deutschland oder sogar Europa kaufen und mit nach Hause bringen kann, als auch ganz kuriose Objekte, die Feldmanns Art des Witzes (oder den Humor, den er von seinen Kunden annimmt) zeigen. Wie uns der Titel, unter dem unter anderem der Laden nun ausgestellt wurde, schon anzeigt, sind das alles "Dinge", die der Kunde, und jetzt auch der Museumsbesucher, "haben muss" ohne sie wirklich zu brauchen.

Dass wir sie trotzdem kaufen, liegt mit daran, dass dieses Sammelsurium das "Souvenir" wörtlich nimmt. Der Laden ist eine Collage aus Dingen des "sich Erinnerns". Sie subsumieren unter sich jeweils ein ganzes Netz aus Assoziationen und Erinnerungen, die selbstverständlich im Detail entsprechend den Erfahrungen des Betrachters variieren können. Da es sich jedoch um Massenware handelt, ist die Wahrscheinlichkeit bei einem guten Teil der Dinge groß, dass wir den Laden betreten und sofort denken:

"Das kenne ich! Das stand bei uns im Wohnzimmer".

Wir erinnern uns meist sehr lebendig, dass uns dieses Stück einige Zeit begleitet hat, aber wir hätten, ohne es in diesem Laden gesehen zu haben, niemals wieder daran gedacht. Damit wird dieses "Geschenk" zum Repräsentanten für Vertrautes und weckt nostalgische Erinnerungen.

Andere der im „Laden 1975-2015“ vereinten Gegenstände werden Stellvertreter für etwas sehr Komplexes: einen (Lebens-)traum, große Kunstwerke, wichtige Persönlichkeiten und deren Nimbus, überraschende wissenschaftliche Erkenntnisse, die große Liebe, Heimatgefühle. So wie die Kuckucksuhren das Klischee der deutschen Gemütlichkeit bedienen, evoziert die zerflossene Uhr Salvador Dalís zum An-die-Wand-hängen sofort das Bild des berühmten Originals, genauso wie die kleinen mit Strasssteinen besetzen Schädel in weiß und blau, frei nach Damien Hirst.

Zwischenrein mogelt sich Egon Schieles Kniende in orange-rotem Kleid als Figur zum Aufstellen. Daneben die Venus von Willendorf und auch Hieronymus Boschs Wesen aus der Hölle haben sich, nun als handliche Plastiken, eingefunden. Die Objekte wollen aber keine bloße Kopie sein, sie sind sichtbar verändert. Sie wollen nur das Bildfeld eröffnen, das im Zusammenhang mit dem verbundenen "Original" steht.

Dabei spielen die im Laden zusammengeführten Dinge oft in ironischer Weise mit dieser Idee ihres Ursprungs. Vor allem aber simplifizieren sie die Vielschichtigkeit desselben in extremer Weise, heben nur ein entscheidendes Merkmal hervor, das als Verweis ausreicht. So ist der Weg zum Kitsch oft nicht weit.

Feldmanns Laden ist sich für keine Art von Massenware zu schade und wird damit ein Album des kollektiven Spiels der zum Kitsch mutierten Erinnerungen. Eben weil hier nicht der Anspruch einer persönlichen, biographisch orientierten Sammlung erhoben wird, sondern vor allem auch ein Geschäft mit dem Geschmack der Massen gemacht werden soll, werden munter Stereotype und Klischees bedient, die es leicht machen, für jeden Adressaten schnell das perfekte Geschenk zu finden.

Hier zeigt sich jedoch Feldmanns besondere Begabung, unter all der Massenware doch auch das ganz Besondere zu finden. Damit ist der Laden eine wilde Melange und gleichzeitig Abbild der Vorstellungen und Begehrlichkeiten dieser 40 Jahre seines Bestehens. Unter all diesen Dingen findet sich für jeden Kunden oder Betrachter etwas, das er deshalb "haben muss", weil er es nicht nur kennt, sondern sofort eine Erinnerung damit verbinden kann. Der Laden wird damit zum Spiegel unserer kollektiven Bilder.