I Can’t Work Like This. On Recent Boycotts in Contemporary Art / Pro qm – Joanna Warsza im Gespräch mit Julieta Aranda, Ahmet Öğüt und Tirdad Zolghadr / Kommentar von Eva Scharrer

  • 10.04.2017

Der Zeitpunkt hätte kaum besser gewählt sein können. Gerade hatte sich in den Social Media die Kontroverse um das auf der Whitney Biennale gezeigte Gemälde „Open Cascet“ von Dana Schutz so richtig heiß gelaufen. ((LINK)). Am 28. Februar stellte Kuratorin Joanna Warsza zusammen mit den Kontributoren Julieta Aranda, Ahmet Öğüt und Tirdad Zolghadr den von ihr herausgegebene Statement- und Aufsatzsammlung „I Can’t Wor Like This. A Reader on Recent Boycotts and Contemporary Art“, in der Berliner Buchhandlung Pro m2 vor.

Der Laden war erwartungsgemäß voll. Von Timing sprach auch Joanna Warsza in ihrer Begrüßung. Als Kuratorin der Public Programs der Manifesta 10 in St. Petersburg sah sie sich 2014 selbst mit der Frage nach Boykott konfrontiert, als kurz vor der Eröffnung die Annexion der Krim durch Russland stattfand. Auch wenn die Argumente für einen Boykott dominierten, hat man sich schließlich dagegen entschieden.

“I emphasized with the claims oft he boycotters, yet I didn’t think that quitting was an option. I felt that the show must go on, but it should not go on undisturbed. I believed that the right thing was to stay and address the topics raised by the protest, rather than desert the situation because it would feel better. I have understood that one ca only leave when censored or intimidated, and it is only in that moment that the resignation would acquire a political meaning.” (Warsza)

Die Erfahrung floss später in ein Seminar an der Sommerakademie in Salzburg ein, aus dem heraus wiederum die Publikation entstand. Darin geht es vornehmlich um vier Kunstereignisse der letzten Jahre: die 13. Istanbul Biennale (2013), Manifesta 10 (2014), die 19. Biennale of Sydney (2014) und die 31. Bienal de São Paulo (2014).

Die eingeladenen „Boycottologists“ sprachen weitgehend von eigenen in ihrer Praxis gemachten Erfahrungen, wobei es u.a. um folgende Fragen ging: Wie erreicht man mit einem kollektiven Boykott Nachhaltigkeit (etwa im Fall der Sydney Biennale, wo durch den Boykott einer Anzahl Künstler der Vorstandsvorsitzende der Biennale und CEO des umstrittenen Großsponsors Transfield letztendlich zurücktrat und alternatives privates Sponsoring gefunden wurde)? Zeugt die Ausnutzung einer Machtposition, die einen erfolgreichen Boykott schließlich erst möglich macht, nicht von einem Privileg, das den Boykott letztendlich scheinheilig erscheinen lässt und zu dessen Fetischisierung führt? Unterschätzt die Kunstwelt ihre Soft Power, und überschätzt ihre Hard Power? Wie verhält es sich mit der Sexiness des Protests zu der Un-sexiness, die das Schaffen neuer Strukturen und die damit verbundene bürokratisch-organisatorische Arbeit tatsächlich erfordern? Angesprochen wurden außerdem der Boykott Israels als Teil der Bewegung BDS (Boykott, Divestment, and Sanctions), die Gulf Labour Coalition und der Protest gegen die Alt-Right-nahe Londoner Galerie LD50, die daraufhin geschlossen wurde.

Die sich anschließende offene Diskussion stellte unter anderem die Frage nach dem Verhältnis von Boykott und Publikum, und wurde vor allem gegen Ende emotional, als es um die Frage der künstlerischen Positionierung im Aufruf zum Boykott ging. Wird eine Karriere durch Boykott – oder aber den Boykott des Boykotts – eher gepuscht oder zerstört? Oder, wie es eine Frage aus dem Publikum formulierte: „Sind wir noch Freunde, wenn ich mich Deinem Boykott nicht anschließe?“ Die Frage nach Sichtbarkeit spitzte sich nochmals zu als es um die Situation in der Türkei ging, wo man nach Öğüt zwar nicht mehr ausstellen, dafür aber umso schneller ins Gefängnis wandern könne – und damit in die Medien.

Zur Überraschung kam der gerade aktuelle Fall der Whitney Biennale, wo es wie bereits in den vergangenen Jahren insbesondere um die Repräsentation von Schwarzen und White Privilege geht, nicht mehr zur Sprache. Auch eine Positionierung der jüngsten Boykotte innerhalb einer Geschichte des künstlerischen Boykotts – Stichwort etwa Gustav Metzger, der jüngst verstorbene Großvater des Art Strike – fand nicht statt. Dass das Thema Boykott/Protest/Streik nach wie vor hochaktuell ist zeigte die Veranstaltung auf jeden Fall, sowie die Notwendigkeit, zwischen den Strategien zu differenzieren, sich kollektiv zu professionalisieren und vor allem die eigene Position darin immer wieder in Frage zu stellen.

“Maybe boycotts are, for now, an attempt to move on in art, without a better way of doing so…” (Die Herausgeber im Abschluss eines Interview mit Tirdad Zolghadr.)