Im Bezug zum Betrachter: – Studio for Propositional Cinema an der Kestnergesellschaft

Studio for Propositional Cinema verwandelt die Kestnergesellschaft in einen diskursiven Raum, der das Verhältnis zwischen Betrachter und Ausstellung untersucht. Der programmatische Titel dazu lautet in relation to a Spectator:. Die von Elmas Senol und Christina Vegh kuratierte, sich stets wieder verändernde Ausstellung eröffnete am 29. September 2017. Seitdem hat sich viel getan und es verspricht noch mehr Ereignisse bis zur Finissage am 7. Januar 2018.

Die Ausstellung des Studio for Propostional Cinema basiert auf Text, produziert Text, wird vermittelt über Text und schreibt sich ein als eine zeitgenössische Form der Institutionskritik, die nicht das Negieren vorhandener Strukturen sucht, sondern das reflexive Aneignen jener Variablen, die den Kunstraum zu einem Raum des Dialogs machen können – ’im Bezug zum Betrachter’. Wer die mit viel Freiraum gestalteten Räume der Ausstellung durchwandert, wird nicht umhinkommen, die zahlreichen Bezüge zur amerikanischen Minimal Art zu sehen, ob in dem reduzierten weißen Quader, der als Bühne fungiert, in der Fred Sandback zitierenden Arbeit „Framing Device (Yellow)“ von Rachel Harrison oder buchstäblich in der Arbeit »12 Rules for a New Academy« des Künstlers Nicolás Guagnini, in der zwölf Mal die Gesammelten Schriften Donald Judds als Sockel für verzerrte Porträts von Gelehrten dienen.

Auch der Duktus der „Fußnoten“, die dem Besucher in der Eingangshalle als Poster entgegen stehen, erinnert an Texte der Minimal Artists, die sich abstrakt und konzeptionell mit der manifestierten und der gedachten Form im Ausstellungsraum auseinandersetzen. Nur ist es beim Studio for Propositional Cinema weniger die bildhauerische Form, die ihre Beziehung zum Betrachterkörper und umgebendem Raum reflexiv eingeschrieben bekommt. Es geht vielmehr um die Definitionen hinter „Script“, „Inscription“, „Scenography“ oder „Duration“ – also um textbasiertes, zeitbasiertes und räumlich gebundenes Performen.

Und so sind es auch eine Vielzahl textbasierter Performances, die in der Kestnergesellschaft in Beziehung zum Betrachter treten: Während des Eröffnungsabends fand die Performance „Re-enacting Contradictory Statements“ durch Selina Grüter und Michèle Graf statt; eine Arbeit, die sich auf John Millers gleichnamiges Sprachspiel bezieht. Jeder Sprecher musste der vor ihm gemachten Aussage widersprechen. Am 6. November lasen und spielten vierzehn Stunden lang Michael Lieb und Rüdiger Jantzen die Arbeit „Phaedrus Pron“ von Paul Chan. Am 7. Dezember wird Luzie Meyer ihre Performance „SLANT SIGN“ zeigen, die sich auf Emily Dickinsons Gedicht »Tell all the truth but tell it slant« bezieht.

Intertextualitäten bestimmen auch die Arbeit des Studio for Porpositional Cinema – aber erst dann, wenn man auch die räumliche und institutionelle Struktur als Text verstanden hat. Dass sich die DNA des Studios for Propositional Cinema auch innerhalb der Kestnergesellschaft durchgesetzt hat, zeigt die hier veröffentlichte Eröffnungsrede der Kuratorin Elmas Senol. Denn es gibt kaum eine andere Möglichkeit, als in ähnlich abstrakt konzeptioneller Weise in die Ausstellung einzuführen wie das Künstlerkollektiv operiert. Die Eröffnungsrede wird zum Skript, verfasst Anweisungen, findet statt in einer Szenographie und hat eine begrenzte Dauer, in der sie eine Bezugnahme einfordert:

„1 Künstlerkollektiv,
1 Institutioneller Raum,
1 Essay,
4 Fußnoten,
4 Ausstellungsstrukturen,
31 Künstlerinnen, Künstler und Künstlergruppen,
1 Zuschauer
sind die grundlegenden Elemente, aus denen sich die Ausstellung „in relation to a Spectator:“ von dem Studio for Propositional Cinema zusammensetzt.

Das Künstlerkollektiv
Studio for Propositional Cinema wurde 2013 in Düsseldorf gegründet.

Der Institutionelle Raum
ist die Kestner Gesellschaft Hannover, in der in diesem Moment die Ausstellung „in relation to a Spectator:“ eröffnet.
Über den digitalen Raum wurde vorab ein Ausstellungstrailer von Alex Wissel und Jan Bonny veröffentlicht.
Im Foyer lädt 1 „Reading Bench“ von Calla Henkel und Max Pitegoff dazu ein, auf ihr Platz zu nehmen und den Ausstellungskatalog von Studio for Propositional Cinema zu lesen.
Um die Außenwände der Claussen Halle entlang sind 8 Poster von Studio for Propositional Cinema angebracht.
In der Claussen Halle befindet sich 1 Bühne.
In der Halle II befinden sich 1 Tisch und 1 Wand.

Der Essay
beschreibt die Produktion und die Wahrnehmung von Kunst und schrieb sich im Sommer 2017 als Installation während der Ausstellung „PRODUKTION.Made in Germany Drei“ in die Kuppeldecke der Kestner Gesellschaft in Halle III ein.

4 Fußnoten
stellen Hypothesen auf

  1. zu der Funktion eines Skripts,
  2. zu der Funktion von Einschreibungen,
  3. zu der Funktion von Szenografien,
  4. zu der Funktion von Zeitdauern, alle jeweils in Relation zu 1 Zuschauer. Die vier Fußnoten sind in Deutsch und Englisch auf den 8 Postern abgedruckt und umklammern die Claussen Halle [Sie sind außerdem veröffentlicht unter http://studioforpropositionalcinema.com/, Anm. d. Red.].

4 Ausstellungsstrukturen
1 Bühne, auf denen Performances und Lesungen stattfinden:
Heute Abend um 20 Uhr und 21 Uhr werden Michèle Graf und Selina Grüter mit vier weiteren Performern „Re-enacting Contradictory Statements“ aufführen, das sich auf ein Video von John Miller aus dem Jahr 1977 bezieht.
1 Tisch, auf dem verschiedene Objekte und Dokumente liegen:
Von Gaylen Gerber 2 übermalte Nazi Skalps, die aus dem Filmset von Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“ stammen.
Von Aaron Flint Jamison 1 Buch, in dem ein gegen ihn geführter Gerichtsprozess transkribiert und dokumentiert ist.
Von Michèle Graf und Selina Grüter 1 Skript für die heutige Performance, das für die Proben derselben genutzt wurde. Es wird später ergänzt mit den Mitschriften der heutigen 2 Performances.
1 Wand, an der Kunstwerke hängen:
Zur Eröffnung ist 1 minimale Skulptur von Rachel Harrison, das „Framing Device (yellow)“, angebracht. Zu späteren Zeiten werden Kunstwerke von Marc Camille Chaimowicz und Lawrence Weiner zu sehen sein.
1 Buch, das als Katalog zur Ausstellung erscheint:
der Ausstellungskatalog beinhaltet Beiträge von Paul Chan, Keren Cytter, Nicolás Guagnini, Irena Haiduk, Madeline Hollander, Sarah Kürten, Luzie Meyer, John Miller, Carissa Rodriguez, Rachel Rose, Karin Schneider, Cally Spooner, Studio for Propositional Cinema, Lawrence Weiner, Christopher Williams.

31 Künstlerinnen, Künstler und Künstlergruppen wurden von Studio for Propositional Cinema eingeladen, auf die vier Hypothesen der Fußnoten Bezug zu nehmen. Mit ihren Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen, Texten, Büchern, Installationen, Videos und Performances vergegenständlichen und verräumlichen sie innerhalb der vier Ausstellungsstrukturen die Hypothesen von Studio for Propositional Cinema. Die 31 Künstlerinnen, Künstler und Künstlergruppen sind niemals alle gleichzeitig präsent, da die Ausstellung ein fortlaufender Prozess ist, der sich über drei Phasen stetig ändert. Performances beginnen und enden, Kunstwerke werden weggenommen und neue hinzugefügt. Gemälde von Monika Baer, 1 Skulptur von Jeff Wall und Soundarbeiten von Carissa Rodriguez suchen den Zuschauer über andere Wege als die 4 Ausstellungsstrukturen heim und erfordern den aufmerksamen Ausstellungsrundgang des Zuschauers. 1 Überwachungssystem von Julia Scher beobachtet uns dabei zu jeder Zeit.

Das alles steht in Relation zum Zuschauer: das sind Sie, das bin ich, das sind die 31 Künstlerinnen, Künstler und Künstlergruppen, das sind Studio for Propositional Cinema. Der wiederholte Besuch der Ausstellung entlohnt den Zuschauer: denn nur so wird er die Möglichkeit haben, den gesamten Ausstellungsprozess mit verfolgen zu können.“