Im Dickicht der Mitbringsel – Die Sommerausstellung 'KULT! Legenden, Stars & Bildikonen' am Zeppelin Museum

  • 18.08.2017

‚I’m doing this for Michael‘ behauptet eine der sechzehn Tänzer vor der Kamera von Candice Breitz. Sie kann sich kaum bewegen, singt leise aber minuziös das gesamte Album Thriller (1983) von Michael Jackson. Der König ist tot! Auf dass er in den Körpern seiner Fans weiter lebe! Breitz bezog sich allerdings auf die paradox anonyme, ‚reale‘ Person Jackson Jahre vor seinem Tod. Die Künstlerin interessierte sich eher für den Kult des Stars, für den Menschen als Produkt, für das Prekäre (aka. ‚Pop‘) als Ready-Made. Heute lässt Breitz Andere vor einer grünen Leinwand sich selbst und Alex Baldwin den Flüchtling spielen und nennt die Aktion ‚Love Story‘.

KULT! ist das Thema der großen Sommerausstellung am Zeppelin Museum in der Kleinstadt Friedrichshafen. Die Kombination aus Technik- und Kunstsammlung lassen das Museum und seinen Bestand zu einem Knaller werden. Hier werden die Grenzen zwischen dem traditionsbehafteten Museum und dem täglichen Touristenbusiness gesprengt. Einerseits das historische Museum, seine tradierte Rolle und die passend modernistische Architektur eines ehemaligen Bahnhofs, andererseits der Shop für Museumsbesucher und die täglich zu Hunderten durch die Lobby marschierenden Menschen, die über den Hafen, von Fähren und Schiffen kommend, in das Museum strömen. Friedrichshafen ist ein Nest voller skurriler Artefakte, die immer schon als Zeppelin-Souvenirs produziert und verkauft wurden. Die Kuratorinnen spannen in der Schau nicht nur einen kritischen Faden durch die thematische Ausstellung, sondern halten zugleich den lokalen Stolz für die in Friedrichshafen geborene Ikone in Ehren: der Zeppelin und seine dramatische Geschichte.

Es ist vielleicht eine Ausstellung, die vor allem von den Namen der teilnehmenden KünstlerInnen lebt, doch sollte man dabei die hausgebackene Spezialität nicht vergessen: Die beeindruckende Rekonstruktion der Passagierkabine eines Luftschiffes. Darin zu stehen, hilft zu verstehen, warum dieses Phänomen der Moderne derartig mystifiziert wurde. Denn es ist nur schwer vorstellbar, dass man freiwillig mit diesem Dinosaurier nach New York oder Rio de Janeiro flog. Die zum nationalen Heroen des Dritten Reich gemachten Zeppeline und ihre Unglücksrekorde sind wohl eines der prägnantesten Beispiele überhöhter Emotionalität für die deutsche Geschichte und ihrer romantischen Verklärung.

Die dazugehörigen Souvenirs bilden einen Korridor durch die Ausstellung, der aus den Rückwänden der leuchtenden Fassaden konstruiert wurde. Teppiche, Tassen, Video-Games sind die beliebtesten Objekte, auf und in denen Zeppeline auftauchen. So gesehen hat „Raumlabor Berlin“ die Gestaltung der Ausstellungsräume wie ein offenes Depot konzipiert, in dem alle Ebenen der Kultproduktion zugänglich und sichtbar werden.

Angekündigt ist zwar, dass KULT! Bildikonen und Legenden in ihrer etymologischen Definition untersucht, doch geht es in diesem Teil der Ausstellung nur um die Rezeptionsgeschichte des Luftmonsters. Weniger Bewunderung als vielmehr Neugier erweckt die museale Sammlung, die mit angekauften persönlichen Reliquien, obsoleten Geräten und schwarz-weiß Bildern von Zeppelinen gespickt ist. Diese Wunderkammer ist durchaus einen Besuch wert und nur zwei entspannte Stunden mit dem Flix Bus von München entfernt. Auch wenn „Friedrichshafen am Bodensee“ abgeschieden klingen mag, bis Oktober garantiert der Ausflug ein gewisses Urlaubserlebnis, das den Willigen in die 20er Jahre zurückversetzt.

Was Kult und Legende ist, soll aber die Kunst und nicht die Technik beantworten. So ist der zweite Teil der Ausstellung Künstlern gewidmet, die sich mit der aktuellen „Verkultung“ der Politik, den Strategien der digitalen Macht und der Neukodierung von Ritualen in der heutigen polarisierten Gesellschaft beschäftigen. Dabei wurde die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, der wir alltäglich durch die überpräsenten Radikalen in den Medien begegnen, mit einer programmatischen Nüchternheit kontrastiert, plädieren die Künstler doch auf unterschiedliche Weise für eine „Entkultung“ der Welt.

Der Altar der Weltheilungshexe, eine der Personae des Johannes Paul Raether, begrüßt die Besucher mit seinen Anbetungsprothesen, die geradezu nach Extase verlangen. Auf den kreisförmigen Kulissen 'Weltheilungswald' und 'Weltheilungswiese' zeigen Smartphone-Videos bizarre Untersuchungen zum Verhältnis von Mobile Device und Fetisch. Der Altar ist Bestanteil Raethers Performance-Stammbaum namens „Identitecture“, in dem der Künstler das Verhältnis des menschlichen Körpers zu zeitgenössischen Informationstechnologien und den damit verbundenen Herstellungsprozessen in Frage stellt. Zugleich jedoch affirmiert Raethers Kritik die Technisierung des Lebens. So sind auch seine Figuren futuristische Visionen einer techno-philosophischen Erneuerung der Gesellschaft. In der „Identitecture“ gehören alle zueinander, bzw. wird alles zusammen und zeitgleich erlebt und wirksam.

Kenneth Anger eignet sich die theatralischen Aufnahmen des Absturzes des Zeppelins LZ 29 Hindenburg an. Angers subversives Collagieren wird zur Umdeutung eines Nationalsymbols, zu einem Merkmal von untergründigem Voyeurismus und der eigenen Faszination für das monströse Luftschiff. Wer ähnlich begeistert war und dazu auch noch glaubte, dass man mit dem Zeppelin die Stratosphäre durchkreuzen konnte war Aby Warburg. In einer der Bildtafeln seines berühmten Mnemosyne-Atlas verbindet er den Zeppelin mit Johannes Keplers (1571-1630) astronomischen Forschungen, die für die Entwicklungsgeschichte der Luftschiffe entscheidend waren.

Gegenüber Warburgs Beispiel einer Pathosformel, reihte Dr. Claudia Emmert, Direktorin des Museums, Seenlandschaften mit Zeppelinen aus den 1930er Jahren nebeneinander – so wie es Hans-Peter Feldmann mit Horizonten zu tun pflegt. Stürme und schicksalhafte Fahrten beherrschen die Darstellungen. Im Hintergrund, skurril und unheimlich zugleich, schwebt das uns bekannte Objekt langsam durch die Luft.

Die Pathetik dieser maritimen Fantasien findet seinen Wiederhall in Julius von Bismarcks Bestrafung des Hellesponts, der heutigen Dardanellen. In seinem Video ‚Punishment #1‘ reaktiviert der Künstler in zeremonieller Manier die griechische Legende, in der Poseidon mit 300 Peitschenhieben bestraft wird, nachdem Schiffsbrücken des persischen Königs Xerxes beim Unwetter zerstört wurden. Von Bismarck stellt sich gern als Sisyphos dar und wählt dafür ebenso häufig romantische Orte kultischer Vergangenheit.

Halil Altinderes Video, das Schwäne und Polizisten zu Tschaikowsky tanzend und vor dem Porträt Erdogans zeigt, greift die Spannung zwischen Intellektuellen und Politikern in der Türkei mit der Pinzette. Die zuweilen in Kitsch verfallenen ästhetischen Elemente erscheinen auf den ersten Blick vielleicht zu behutsam und beinah ästhetisierend, doch büßt Altinderes Arbeit damit seine appellative Kraft nicht ein. Der Künstler formulierte ein von Tragik bestimmtes Plädoyer gegen das Joch des Diktators, das für die Türken noch längst kein Finale gefunden hat. Deshalb vielleicht wird hier nicht das gesamte Schwanensee-Ballette, sondern nur Fragmente aufgeführt.

Fragmente einer Sprache der Kirche: Auch Benedikt Hipp wurde eingeladen eine neue Arbeit für die Schau zu produzieren und arrangierte ein Wandrelief voller ‚Idole‘. Abgüsse von Kinderzahnbürsten in der Form von Comic-Helden. Die wie zykladische Figürchen aussehenden Objekte erheben sich aus Steinplatten, die aus irgendwelchen Kirchenruinen entnommen wurden.

Der Palmenesel aus dem dritten Viertel des 15. Jahrhunderts scheint willkürlich platziert zu sein, so als wäre die Ausstellung die einzige Gelegenheit, die Prozessionskultur aus dem verstaubten Lager zu holen. Nicht nur dieser Esel, sondern auch der Katalog der Ausstellung, der sich wie ein Kuriositätenregister verhält, entlarvt die Beliebigkeit mancher Dinge, die in KULT! zu sehen sind. Wie ein Kommentar dazu erscheint Benedikt Hipps zweiter Beitrag ‚The erratic Block‘, eine Rauminszenierung, die von dem rätselhaften Impuls des Menschen zeugt, sich immer wieder mit Objekten oder Momenten identifizieren zu müssen. Ich persönlich wünsche mir etwas Besonderes um 09.09 Uhr am 09. August und kaufe Glückskekse in dem nächsten Asia-Markt, unabhängig davon wo ich gerade bin.

Unter dem Hashtag #kultmuseum sammelt das Museum alles, was kultig ist und lädt Interessierten ein, sich an diesem Diskurs zu beteiligen. Als ob das nicht genug wäre, produzierte das Museum in Zusammenarbeit mit Ottmar Hörl zum 100. Todestag von Graf Ferdinand von Zeppelin ein temporäres Monument. Die Installation wiederholt die Brunnenfigur eines Knaben mit dem LZ3 in seinen Armen, die am Friedrichshafener Ufer steht. Die 300 Editionen können für 500 Euro erworben werden. Dazu kommentierte Dr. Emmert lächelnd: Kulte sind ja immer auch mit einem wirtschaftlichen Profit verbunden.


Lektorat Kerstin Renerig.