Kann ich als Galerie eine Künstlerin oder einen Künstler erfinden, die der reale Kunstbetrieb nicht hergibt?

  • 20.03.2015

Während einer überfüllten Ausstellungseröffnung in München kam ich mit einer zugereisten Galeristin ins Gespräch. Jane Velvet (der Name ist von der Redaktion geändert) ist apart wie Charlotte Gainsbourg und gerissen wie Frank Underwood. Sie hatte starke Schmerzmittel eingeworfen, um die körperlichen Folgen von drei Messen in sechs Wochen einiger maßen zu verkraften. Die gelöste Zunge war eine fatale Nebenwirkung dieses Medikaments. Von all den Konflikten, die sie mir erzählte, seien es die Gerichtsprozesse wegen Geldwäscherei, sei es ihr Sohn in einer Amour fou mit ihrem Drogenkurier erregte ein Konflikt meine besondere Aufmerksamkeit. Als ihre Suche nach einer weiteren Künstlerin für ihre Galerie erfolgslos blieb, beschloss sie kurzerhand eine Künstlerin mit samt Biographie zu erfinden. Inzwischen gäbe es eine Warteliste für die Werke dieser fiktiven Künstlerin.

Sollte ich ihr nun helfen diese Scharade zu optimieren oder die Implikationen ihres Erfindungsgeistes kritisch hinterfragen? Da wurde auch schon unser Gespräch unterbrochen. Später wollte sie sich partout nicht an das Erzählte erinnern. Velvets Geschichte impliziert zwei entgegengesetzte Dynamiken: KünstlerInnen vermarkten sich so erfolgreich über Medienplattformen (Instagram etc.), dass sie teilweise den Service einer Galerie vollständig umgehen können, während die Galerie selbst KünstlerInnen erfindet, die sie sich nach den Anforderungen ihres Marktsegments maßschneidert.

Ich hätte gerne gewusst, wer diese Werke nach welchen Parametern produziert? Und vor allem, wie aufwendig es ist, die Lebendigkeit einer Künstlerin zu simulieren. Ist Velvet die Künstlerin und Galeristin zu gleich? Steuert ihr Doppelleben mit dem doppelten Arbeitspensum auf einen Kollaps zu? Ist die Vorahnung eines Zusammenbruchs ihre erschöpfliche Energiequelle oder ist es ihre Sehnsucht nach dem Leben im Post-Kollaps? Um beschleunigen zu können, muss die erfundene Künstlerin aufgedeckt werden. So streut sie Verdacht.

Falls ihr Algorithmus des Skandals (Aufmerksamkeitsökonomie) und ihr Größenwahn aufgehen, wird der Kunstbetrieb mit großem Aufwand auf eine berechenbare Formel vereinfacht. Falls es tatsächlich so eine Formel für den Kunstbetrieb geben sollte, würde sie ein klassisches Hollywood-Narrativ initiieren: Sie darf um keinen Preis in die falschen Hände gelangen, denn dies würde das Ende der Welt bedeuten, wie wir sie kennen...