Kein Geist, Kein Theater – Das Nō Theater von Toshiki Okada sorgt für Zauber und Standing Ovations

  • 21.02.2017

Wie durch einen finsteren Tunnel werden die Zuschauer von der Bühne, die offen auf sie wartet, langsam aufgesogen. Das Unbehagen dieser neonlichtdurchfluteten, leeren U-Bahnhaltestelle verschmilzt mit dem der Tribüne; und das projizierte Bild eines Kieferbaums ist letztlich ein Geisterfänger, der ankündigt, dass Körper im Hier und Jetzt überwunden und in Bühnenpräsenz umgewandelt werden.

Das Publikum ist vor Beginn von Toshiki Okadas Nō Theater an den Kammerspielen Stellvertreter einer Menge, die sich sogleich als Teil des Bühnenbildes ganz langsam nach vorne schleichen wird. Schweigend blicken die in Perret Schaad kostümierten Körper in die Gleise an den Grenzen des Raumes, in dem das Schauspiel und die Musik gemeinsam beginnen. Sind sie seelenlos?

Das Geistige in der U-Bahnhaltestelle ist Beispiel für etwas Größeres, das bei Okadas Nō Theater stattfindet. Als Ort des Übergangs überträgt der düstere Untergrund eins zu eins die offene Struktur des ursprünglichen Aufführungsortes des japanischen Theaters der Geister und Dämonen; nämlich die Struktur eines Gartens. Nō-Theater ist sechs Jahrhunderte altes lyrisches Drama mit Masken, Tanz, Instrumentalbegleitung und Chor. Doch was Okada hier gelingt, ist diese wahnsinnige theatralische Form der Nō-Tradition zu mehr als einer zeitgenössischen Fassung zu inszenieren.

Das Stück heißt ‚Nō Theater‘, weil Okada es erst nach Ankündigung fertiggeschrieben hat. Bekannt nicht nur als international renommierter Regisseur und Gründer des Kollektivs Chelfitsch, sondern auch als Geschichtenerzähler, schrieb Okada für seine zweite Spielzeit an den Kammerspielen drei Stücke innerhalb eines Traumspiels, das eine perfekte symmetrische Struktur aufbaut.

Zwei Ausgangstreppen, zwei Geschichten zweier junger Männer, verloren in Tokio, zwei Jahreszeiten, zwei Geister, ‚Roppongi‘ und ‚Tochōmae‘, benannt nach zwei zentralen Stationen in Tokio, werden zusammengefasst durch ein Zwischenspiel (Kyōgen), genannt ‚Gertrud‘ nach Hamlets Mutter.

An diesem Premierenabend war es gleich, ob das Nō ‚japanisch‘ ist oder nicht. Nō ist als Form eine Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits; und an dem Abend zwischen Deutschland und Japan. An diesem Wochenende trafen sich zugleich die mächtigsten Figuren der Weltpolitik zur Sicherheitskonferenz in München, und es war als ob der Geist ihrer Ungewissheit hier auch anwesend wäre.

Der erste Teil ‚Roppongi‘ handelt vom Geist eines Investmentbankers bei Goldman Sachs, der bereits vor einigen Jahren an der gleichnamigen U-Bahn-Station Selbstmord beging. Man könnte ihn auch ‚Geist des Neoliberalismus‘ nennen; der Name des jetzigen US-Präsidenten kommt nämlich auch vor. Jedenfalls ist dieser Geist, gespielt von Stefan Merki, ein unerlöstes Wesen, das der nächsten Generation von seinen Schulden berichten möchte und in einem 24-jährigen Mann (Thomas Hauser) ein Medium gefunden hat, mit dem er spricht.

Die Bahnhofsangestellte (Jelena Kuljić) ist die weibliche Figur, die für beide Parteien spricht; die Figur ist verantwortlich für den Übergang zwischen physischer und geistiger Welt. So wie im zweiten Teil, Tochōmae, spricht die Bahnhofsangestellte auch für den ‚Geist des Feminismus‘, welcher als Geist (Anna Drexler) und als Frau am Rathausplatz in Tokio (Maja Beckmann) vorkommt. Zwischen Film- und Exotismuskritik erzählt ein junger Mann, auch von Thomas Hauser sanft verkörpert, von Sofia Coppolas ‚Lost in Translation‘ (2004) mit Bill Murray und Scarlett Johansson.

Das Gespräch führt er mit dem Geist einer Frau, die keine Ruhe findet. Vorbild für diese Figur ist in der Realität die parteilose Parlamentsabgeordnete Ayaka Shiomura, die während einer Rede 2014, in der sie eine bessere Unterstützung für Schwangere und Mütter forderte, von sexistischen verbalen Attacken unterbrochen wurde. ‚Warum kriegst du nicht selber Kinder?‘

Das Filmzitat hier ist die expliziteste Suche aus der Form des Nō, die Tourismus-Folklore zu entblößen. Fuck Park Hyatt und die Suntory-Whisky-Szene, hier werden die Gesellschaft und die Tradition wieder erobert, aber vor allem als eine Form der Konzentration, die direkte Patriarchatskritik sein lässt. Der Dramaturg des Stückes, Tarun Kade, drückt es drastischer aus: „Okada erzählt vom drohenden Selbstmord einer Gesellschaft, und so ist es die Existenz des Geistes, die Hoffnung macht“.

Für manche war das eine ganz große Entfremdung, für andere eher die Sublimierung von Allerweltsproblemen ins Fabelhafte. In beiden Fällen erkennt man permanent die formale Struktur des Nō, man verliert sich nicht in der Geschichte. Doch es ist genau hier, wo ‚unfinished businesses‘ der Welt nicht nur berichtet werden, sondern auch, - und zwar auf verblüffende Art und Weise - wo unsere Erinnerung, Wahrnehmung und Vorstellungskraft gemeinsam auftreten.

Toshiki Okada bringt offensiv Konventionen, Musik und Worte gemeinsam in den Vordergrund. Man hört sie, die poetisierte Zeit, jenseits der Geschichte. Man spürt sie, die Worte, so wie die ganze Körperlichkeit in den Gesten, die gar nicht kodiert sind und nichts bedeuten sollen. Was diese Bewegungen sind? Keine Ahnung. Diese sind näher an der Theaterpraxis von Okada, da bei ihm immer was anderes im Körper passiert, als was gesagt wird. Dadurch blüht die Form des Nō; ohne klare formale Vorhaben.

Das Kyōgen ‚Gertrud’ mit Anna Drexler als Schauspielerin auf dem Weg zur Arbeit, ist dazwischen unsere Chance kurz zu entspannen, denn die zwei anderen Traumspiele verlangen zeremonielle Konzentration. Normalerweise hat das Kyōgen gar nichts mit dem ersten oder zweiten Stück zu tun, andererseits ist dieser Vorhang eine selbstironisierende Geste um das Schauspiel herum, eine erfrischend entleerende Funktion, die Geister, Theaterfiguren und SchauspielerInnen gleichberechtigt nebeneinander erscheinen lässt. Schließlich, so Okada, existieren sie nur solange, wie sie von jemand anderem gesehen werden.